Nordkreis: Handwerkermangel ist im Nordkreis deutlich zu spüren

Nordkreis : Handwerkermangel ist im Nordkreis deutlich zu spüren

Das lief eigentlich immer gut mit der Würselener Fachfirma, die regelmäßig die Gastherme samt Heizungssystem im Hause wartete und unverzüglich auch tätig wurde, wenn Reparaturen im Sanitärbereich anfielen. „Die waren immer sofort zur Stelle“, berichtet Jörg P. unserer Zeitung. Bis vor rund einem Jahr.

„Ich hatte festgestellt, dass mit der Therme etwas nicht stimmt.“ Doch auf seinen Anruf hin wurde er, der Stammkunde, vertröstet. Zu viel zu tun, hieß es. Ob er sich in ein paar Wochen nochmals melden könne …

Mehrfach hat er es bei „seiner“ Firma dann noch versucht, aber stets die gleiche Auskunft erhalten. Dann wandte er sich an andere Installationsbetriebe — genauso vergeblich. „Meine Nachbarn haben ganz ähnliche Erfahrungen“, sagt Jörg P. „Mit Fachbetrieben generell!“ Wo sind denn die Handwerker geblieben?

„Die Montagewagen der entsprechenden Firmen sehe ich regelmäßig — und zwar immer vor Baustellen“, berichtet P. weiter und findet: „So ein Neubau ist natürlich der lukrativere Job. Aber irgendwann fallen eben Reparaturen an. Da müssen sich dann doch auch Fachleute drum kümmern!“

Die anhaltend niedrigen Zinsen haben zum Run auf Immobilien und damit zum kräftigen Aufschwung im Baugewerbe geführt. Doch der für die Branche so erfreuliche Boom bringt das Handwerk offenbar an den Rand seiner Kapazitäten. Und wo die Nachfrage groß und das Angebot immer knapper ist, da steigen die Preise. „Auch davon haben mir Bekannte erzählt“, berichtet Jörg P. „Manche Kostenvoranschläge waren so hoch, dass man den Verdacht haben könnte, die Unternehmen wollten die Aufträge eigentlich gar nicht haben.“

Noch keine Verzögerungen

Erfahrungen, die bei weitem nicht nur auf Privatleute zutreffen, sondern in wachsendem Maße auch auf die öffentliche Hand. In Großstädten ist es mitunter schwer geworden, für bestimmte Gewerke überhaupt noch Handwerker zu finden. Aber auch im Nordkreis machen sich die Folgen von Vollbeschäftigung im Handwerk allmählich bemerkbar. „Verzögerungen beim Abarbeiten von Maßnahmen gibt es zwar noch keine“, sagt Ragnar Migenda, Technischer Beigeordneter in Herzogenrath.

Aber die Auftragsvergabe sei zäher und schwieriger geworden. So habe man die ursprüngliche Ausschreibung „Heizung/Lüftung/Sanitär“ für die Kita am Wasserturm in Merkstein, die derzeit um eine vierte Gruppe erweitert wird, wieder aufgehoben. Der Grund: Die abgegebenen Gebote hätten deutlich über der Preiskalkulation gelegen.

Kalkulationen würden stets anhand von Erfahrungswerten am Markt und einem Spiegel von Vergleichsobjekten vorgenommen. Migenda: „Man merkt, dass die Unternehmen nicht mehr jeden Auftrag annehmen müssen. Deutlich gestiegene Preise sind jetzt die Kehrseite des Niedrigzinses.“ Doch Kommunen seien an das Gebot der Wirtschaftlichkeit gebunden.

So wurde „Heizung/Lüftung/Sanitär“ für den Merksteiner Kindergarten neu ausgeschrieben und erzielte ein „brauchbares Ergebnis“. „Eine Punktlandung“, wie Migenda sagt. „Damit können wir derzeit zufrieden sein.“ Gebote, die deutlich unter der Kalkulation liegen, gab es schon länger nicht mehr.

Im Übrigen sei alles auch eine Frage der Verhältnismäßigkeit, Migenda: „Da gilt es abzuwägen. Denn Zeitverlust durch eine Neuausschreibung ist auch ein geldwerter Nachteil!“

Innenstadt aufwerten

Früher seien exorbitant hohe Gebote als Zeichen dafür zu werten gewesen, dass das mitbietende Unternehmen den Auftrag eigentlich gar nicht will, bei der Kommune aber generell im Rennen bleiben möchte. „Das ist heute anders“, sagt Migenda. Was kleinere Aufträge und Wartungsarbeiten angehe, gebe es indes noch keine Probleme aufgrund von entsprechenden Hausmeisterverträgen mit Tiefbau-, Sanitär- und Elektrofirmen sowie Schreinereien, die jährlich neu ausgeschrieben würden.

Migenda verweist auf die Fülle an Aufgaben, die die Verwaltung in den kommenden Jahren zu stemmen habe, von den Baumaßnahmen an den beiden Gesamtschulen über das integrierte Handlungskonzept zur Aufwertung der Innenstadt und das Verkehrskonzept für Kohlscheid bis hin zum Bäderkonzept. „Was die Vergaben angeht, stehen wir dabei immer in Konkurrenz zur freien Wirtschaft“, sagt Migenda.

Freie Büros beauftragt

Um dies personell aufzufangen, habe Herzogenrath seine Ämter „straff organisiert“. Zusätzlich würden freie Büros beauftragt. „Doch die Projektsteuerung muss bei der Stadt bleiben“, betont der Beigeordnete. Im noch zu verabschiedenden Stellenplan 2018 stehen deswegen zwei zusätzliche befristete Ingenieursstellen. In zwei bis drei Jahren stehe überdies eine Pensionswelle im Rathaus an. „Darauf müssen wir uns jetzt schon vorbereiten, auch um beizeiten Wissensverlust zu verhindern.“ Denn das Vergabewesen werde EU-weit immer komplizierter, da gelte es, gut auszuschreiben und Vergaben effektiver zu bündeln.

Ähnliche Erfahrungen gibt es in Baesweiler: „Bei Ausschreibungen von Handwerkerleistungen bekommen wir nicht mehr so viele Angebote wie sonst üblich“, sagt Bürgermeister Dr. Willi Linkens. Auf Nachfrage bei den Firmen, die nicht abgegeben haben, sei klar mitgeteilt worden, dass es derzeit für Handwerker ein Überangebot an Auftragsanfragen gebe, „so dass man sich die lukrativsten Ausschreibungen in Hinblick auf voraussichtlichen Auftragswert als auch Ausführungszeitpunkt aussuchen kann, somit nicht mehr bei jeder Ausschreibung mehr teilgenommen wird.“

Mit Blick auf das Preisniveau bestätigt auch Linkens, dass dies „deutlich über dem sonst üblichen Marktpreis liegt“, und zwar in allen Handwerksbereichen: „Die Begründung ist neben den derzeit noch anhaltenden niedrigen Zinsen, insbesondere im privaten Baubereich, das erhöhte Aufkommen von Fördermitteln für Investitionen im öffentlichen Bereich. Man kann derzeit davon ausgehen, dass die Preise durchschnittlich bis zu 30 Prozent höher liegen als sonst.“

Bisher habe Baesweiler daraus noch keine Konsequenzen ziehen müssen, kündigte der Bürgermeister aber an: „Wenn die Preise nicht mehr vertretbar sind, werden wir Ausschreibungen aufheben und neu ausschreiben!“

Für die Stadt Alsdorf stellt Kathrin Koppe, Geschäftsführerin der Grund- und Stadtentwicklung GmbH, fest: „Derzeit gibt es im Hochbaubereich keine Ausfälle aufgrund von Handwerkermangel in unserer Region, die zu zeitlichen Verzögerungen führen.“

Feste Zeiten vereinbart

Das Gebäudemanagement der Stadt Würselen kann indes noch nicht von längeren Wartezeiten berichten: „Wir gehen dabei davon aus, dass dies dem Umstand geschuldet ist, dass die Stadt Würselen Reparaturen bei den wichtigsten Gewerken vorsorglich mit sogenannten Rahmenauftragnehmern abwickelt. Mit diesen wurden feste Reaktionszeiten vereinbart, so dass Reparaturen zeitnah ausgeführt werden.“

Mehr von Aachener Nachrichten