Alsdorf: Gymnasium Alsdorf-Ofden: Meine Lehrer. Wie könnte ich sie vergessen?

Alsdorf : Gymnasium Alsdorf-Ofden: Meine Lehrer. Wie könnte ich sie vergessen?

Altes Gymnasium steht auf dem Bushaltestellenschild — eine höfliche Untertreibung. Bruchbude trifft es eher. Doch niemals käme ich auf die Idee, mein Gymnasium so zu nennen, weil es eine Respektlosigkeit wäre. Ich habe dieser Schule viel zu verdanken. Seit Freitag sind die Abrissbagger im Einsatz.

Neue Häuser werden hier entstehen, Wohnraum für Familien. Und an das Gymnasium an der Theodor-Seipp-Straße 1 in Ofden wird dann nur noch der Name einer gewöhnlichen Bushaltestelle erinnern.

Was ich so ganz alleine machen wolle da drinnen, fragt Hausmeister Michael Nowak. Allein sein will ich. Das ist alles. Ganz allein. Hinter verschlossenen Türen. Nur ich und meine Penne. Ich will noch einmal über ihre Flure wandeln, mich in die Klassenräume begeben, Erinnerungen nachhängen. Ich bin mir nicht sicher, was passieren wird auf dieser Abschiedsrunde. Ich tue gut daran, nicht allzu viel zu erwarten, dann bin ich nachher nicht enttäuscht. Zwei Stunden gibt mir der Hausmeister. Dann soll ich bitte wieder beim Haupteingang sein. Zwei Stunden sollten reichen. Man muss es ja nicht übertreiben.

Ein Neuanfang

In M 22 fing alles an. Da stand ich an jenem Morgen vor 39 Jahren. Und da stehe ich auch jetzt. Damals der Neue, mitten im Halbjahr von einer Schule auf die andere gewechselt. Ein Neuanfang. Und ein Glücksfall, was ich an diesem ersten Schultag noch nicht wissen konnte. In M 22 fand der Kunstunterricht statt. Herr Schenk war der Lehrer, nervös, irgendwie fahrig, mehr Künstler als Pauker. Er war mir zunächst fremd. Wie alles. Die Mitschüler. Die Schule. Wie riesig mir das Gebäude erschien, die eher schmucklosen Flure ewig lang, die Treppenstufen nicht enden wollend. Und wie klein mir das alles jetzt auf dieser Abschiedstour vorkommt.

M 22, jetzt ein verlassener Raum, keine Pulte, keine Stühle, alles leergeräumt. Nur noch die Tafel. Aber kein Schwamm. Keine Kreide. Alles weg. Und eine Ruhe, die sich Herr Schenk damals im Unterricht gewünscht hätte. Kunst war nicht mein Ding. Herr Schenk war okay. Was mir an ihm gefiel? Er war so anders als die Lehrer, die ich bis dahin kannte. So weit entfernt von perfekt. Wie diese Schule. Nichts schien hier mustergültig. Alles war ein bisschen schmuddelig. Entsprechend schlecht wurde über sie geredet. Dabei war sie so viel besser als ihr Ruf. Müsste ich sie beschreiben, käme mir das Wort menschlich in den Sinn. Man könnte Schlimmeres sagen über seine Schule.

Jebeili aus dem Libanon

Den Physikraum, den ich jetzt zögernd betrete, mochte ich nicht. Was nichts mit dem Raum, sondern nur mit dem Fach zu tun hatte. Hier stehen noch die alten Tische. Vorne neben der Tafel, auf der Gleichungen gekritzelt sind, hängt ein Schaltkasten. Ich muss an einen Mitschüler denken, der sich für einen Test mit einem Edding einige Formeln auf den Unterarm gekritzelt hatte. Plötzlich stand unser Physiklehrer Nassif Jebeili neben ihm, packte seinen Arm und zog den Pullover hoch: Der Täuschungsversuch war aufgeflogen. Jebeili nahm den Tafelschwamm, spuckte einmal kräftig hinein; er tat nicht nur so, nein er spuckte tatsächlich und verwischte die Formeln auf dem Unterarm des Mitschülers zu einem hässlichen Wischiwaschi. Man stelle sich so etwas heutzutage vor . . .

Durchsetzen konnte er sich nicht

Jebeili, der aus dem Libanon kam, war in Ordnung. Nur durchsetzen konnte er sich nicht. Wenn wir ihm zu sehr auf der Nase herumtanzten, ging er zur Tür des Physikraums, öffnete sie und rief: „Ruhig jetzt hier! Sonst geh’ ich Michel!“ Womit er sagen wollte, dass, wenn wir uns nicht auf der Stelle ruhig verhalten würden, er den stellvertretenden Schulleiter Rolf Michels holen werde, mit dem nicht immer gut Kirschen essen war. „Ruhig hier! Sonst geh’ ich Michel!“, brüllte Jebeili. Und schon war Ruhe — für zwei Minuten . . . Wie hilflos der Mann aus dem Libanon war, wird mir erst in diesem Augenblick bewusst. Wie man ja sowieso manches in der Rückschau anders sieht. Vieles wird im Nachhinein verklärt.

Ein anderer Klassenraum, Oberstufentrakt. Hier lehrte Rudolf Bast Geschichte. Ich erinnere mich daran, mit welchem Scharfsinn er schon damals vorhersagte, dass uns die Zahl der Menschen, die wegen Krieg, Verfolgung oder Hunger eines Tages zu uns kommen würden, vor Probleme stellen werde. Er sollte Recht behalten. Aber woher wusste er das damals schon?

Durch die Fenster hat man einen guten Blick auf den riesigen Innenhof. Auf den Stufen wuchert das Unkraut. Ich setze mich in dem Klassenzimmer auf den Linoleumboden, atme bei geschlossenem Mund tief durch die Nase ein. Und da ist er, der Geruch von damals. Unverkennbar. Unverwechselbar.

Es ist erstaunlich, wie sich so etwas halten kann. Der Geruch. Und die Erinnerung. Die Schule trägt man ein Leben lang mit sich herum. Gute Geschichten. Und auch weniger gute. Vielleicht ist das ja der Grund, warum ich nicht wahrhaben will, dass sie abgerissen wird. Da wird auch ein Stück von mir selbst abgerissen.

Keine Matten, keine Reckstangen

Ein Stockwerk tiefer — jetzt stehe ich mitten im Oberstufenaufenthaltsraum. Hier fläzten wir uns auf den gammeligen Sofas und kamen uns sehr cool dabei vor. Keine Spur mehr von den Möbelstücken, auch hier ist alles ausgeräumt. Wie auch in der alten Turnhalle — keine Mattenwagen mehr, keine Reckstangen, keine Kästen. Hier ließ uns Georg „Schorsch“ Jäger gerne zwei Schulstunden am Stück Fußball spielen. Einmal war es anders: Als einer der Mitschüler seinen Unmut darüber bekundete, dass immer bloß Fußball gespielt werde, hatte Jäger plötzlich eine andere Idee: Entengang! Wahlweise auch Kleiner-Mann-Gang genannt. Eine Stunde lang. Was sich niedlich anhört, war pure Folter. Jedenfalls wollte der vorlaute Mitschüler von dem Tag an immer nur noch Fußball spielen.

Die Türe zu dem fensterlosen, nach Öl stinkenden Fahrradkeller ist verschlossen. Ich meine mich zu erinnern, dass wir hier in einem Nebenraum mit unserer Band „Change Of Mind“ einen Proberaum bezogen hatten. Bei einem unserer Auftritte spielte die Lehrerband „Anna 1“ als Vorgruppe. Unsere Band gibt es längst nicht mehr, „Anna 1“ mit Jan Lethen (Gitarre) und Dieter Handke (Schlagzeug) nach 35 Jahren immer noch. Lethen, Handke, die Rock’n’Roller. Aber auch die anderen: Charl, Backhaus, Schuster . . . Sie waren nie nur Lehrer!

Und ich sehe mich an einem trüben Morgen vor dem Fahrradkeller mit meinem Freund stehen. Über Nacht war sein Vater gestorben. Mein Freund zieht an seiner Zigarette, seine Augen füllen sich mit Tränen. Gut möglich, dass dieser Moment unsere Freundschaft erst so richtig besiegelte. Man kann solche Momente nicht trennen von den Räumen und der Umgebung, in denen sie sich zugetragen haben. Das geht nicht.

Unermüdlicher Dauerläufer

Zurück im Oberstufentrakt. Durch die Fenster blicke ich hinaus auf eine grüne Fläche, Gras, Unkraut. Nun muss ich auch an ihn denken. Ich sehe ihn vor mir, wie er auf dem Sportplatz unermüdlich seine Runden dreht. So oft sahen wir Schüler ihn dort über die Aschenbahn laufen, dass wir ihn irgendwann nur noch am Rande wahrnahmen. Ein bisschen kam es uns so vor, als würde er immer laufen. Was natürlich in der Rückschau, in der man zu einer gewissen Melancholie neigt, deutlich übertrieben ist, da er ausschließlich in seinen unterrichtsfreien Stunden lief. Im Übrigen immer nur alleine, niemals in Begleitung. Ein einsamer Jogger. Dabei war er alles andere als ein Eigenbrötler.

Er war einer von den beliebten Lehrern, modern, cool. Wenig lässig, sondern eher peinlich war sein Laufstil, ganz ehrlich: Er kroch in seltsam gebeugter Grundhaltung über die Asche, sein Laufen hatte nichts Elegantes; es wirkte so, als verrichte er eine schwere Arbeit, als sei er permanent am Limit und drohe, im nächsten Moment vor lauter Entkräftung auf der Asche zusammenzubrechen. Doch Gert Olivier brach nicht zusammen. Wenn ich wie jetzt in diesem Moment zurückdenke, denke ich immer auch an diesen zuverlässigen und aufrichtigen Dauerläufer. Er war nicht unterzukriegen. Wie diese Schule.

Gert Olivier ist inzwischen gestorben. Viel zu früh. Längst nicht der Einzige. Felix Pontzen. Klaus Oprei. Erst vor kurzem Jürgen Bresemeister. Ich werde sie nicht vergessen. Wie könnte ich? Es waren meine Lehrer. Lehrer kann man nicht vergessen. Das funktioniert nicht. Selbst nicht die, die man am liebsten für immer aus seinen Gedanken verdrängen würde. Davon gab es allerdings nur sehr wenige. Viel stärker sind die Erinnerungen an die positiven Erscheinungen in der Schulzeit.

Therese „Resi“ Wiesner gehört zu diesen. Wenn sie in ihrer typischen Art gegen die Fäkalsprache der jungen Leute polterte, konnte man ihre Entrüstung nur sympathisch finden. Sie lebt immer noch, wird am 26. Februar 92 Jahre alt. Man ist fast froh, dass sie zurückgezogen in ihrer Alsdorfer Wohnung lebt. Was würde sie sagen, wenn sie hören würde, wie heute auf Schulhöfen geredet wird?

Die Stille, die mich umfängt, ist mir fremd. Nur meine Schritte sind zu hören, als ich die Aula betrete. Hier — inmitten des großen Raumes — ganz allein zu stehen, kommt mir falsch vor. Ich gehe auf die Bühne, trete hinter den Vorhang, schaue hinunter in den Saal. Der ist in meiner Vorstellung voller Menschen. Ein Blick hinauf zur Empore. Von da oben hatte man den besten Blick auf das Geschehen, die Karnevalssitzungen dienstags und mittwochs waren legendär, wie auch die Tanzdarbietungen der Mitschülerinnen. Monatelang hatten die Mädels sich vorbereitet, um die Besucher der stets restlos ausverkauften Sitzungen mit ausgefeilten Choreographien zu begeistern. Music was my first love and it will be my last . . . Die Songauswahl und die gewagten Schrittkombinationen interessierten uns Jungs eher am Rande. Die Geschichte der Schule ist auch die Geschichte des ersten Verliebtseins.

Zu keiner Zeit des Jahres wurde der Unterricht übrigens wegen so vieler Durchsagen unterbrochen wie in den Wochen vor den Karnevalssitzungen; irgendetwas musste immer bekanntgegeben werden. Im Sekretariat, das man früher nur betrat, um sich bei Frau oder Herrn Rädisch abzumelden (Bauchweh, Erkältung, was es halt so gab), steht sie noch, die bescheidene Mikrofonanlage. Seltsames Relikt vergangener Zeiten. Durchsagen wie diese waren die Regel: Der Vokalkurs von Herrn Mingers trifft sich heute nicht wie ursprünglich geplant in der fünften, sondern erst in der sechsten Stunde. Und die Karten für beide Sitzungen — ich wiederhole, für beide Sitzungen — sind ausverkauft. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Ende der Durchsage. Schon waren wieder 18 Sekunden Mathe rum.

Kleine Person, große Nummer

Die Abschiedstour endet in jenem Raum, in dem unsere Klassenlehrerin Elisabeth Heller das Sagen hatte. Sie brachte mich zu den Büchern. Ohne Heller wäre Hesse nie gewesen. Ich werde ihr das nicht vergessen. Oh, sie konnte streng sein! Aber sie hatte Herz. Ich sehe sie noch im Pelzmantel vorne am Pult stehen in jenem Winter, als die Heizung im Unter- und Mittelstufentrakt ihren Dienst versagte. Ein kleines Persönchen. Und doch eine große Nummer in meinem Leben. Es gibt Lehrer, die sind nicht einfach nur Lehrer. Die sind mehr, man kann es nicht erklären. Ich würde mir wünschen, Frau Heller würde das hier lesen. Ich habe sie nicht mehr gesehen. Irgendwann habe ich ihr keine Weihnachtskarte mehr geschrieben.

Irgendwann hatte es aufgehört

Irgendwann hatte es auch aufgehört mit meinen Besuchen in der Schule. Noch Monate nach dem Abitur ging ich nachmittags oder am frühen Abend vorbei, schlenderte über menschenleere Schulhöfe, rief die Erinnerungen wach. Mir war der Abschied schwergefallen, es zog mich immer wieder hin. Wenn ich mir eine Zeit zurückwünschen könnte, dann vielleicht die Zeit auf der Penne. Bloß ohne Mathe. Und Latein.

Der Hausmeister ist pünktlich. Ich bin es auch. Zwei Stunden sind wie im Flug vergangen. Wie es denn gewesen sei, will er wissen. Ganz gut. Er könne das bald in der Zeitung lesen. Hinter mir fällt die Tür ins Schloss. Ich bin draußen. Und mir wird bewusst, dass ich nie mehr drinnen sein werde. Ein bisschen merkwürdig war‘s schon. So ganz allein. Von mir aus können die Bagger kommen. Erinnerungen kann man nicht kaputt machen. Die bleiben.

Altes Gymnasium steht auf dem Schild. Seit einigen Tagen wird die Bruchbude dem Erdboden gleichgemacht. Wie habe ich sie geliebt.