Würselen: Gute Sprachkultur und warme Socken auf Burg Wilhelmstein

Würselen: Gute Sprachkultur und warme Socken auf Burg Wilhelmstein

Jeder kennt die Plagen der modernen Zeit, die mit der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung einhergehenden Zwänge - sei es die immer währende Erreichbarkeit, der Zwang zur Beschleunigung oder die allgegenwärtige Berieselung von Musik und Werbejingles.

Zeitlose menschliche Schwächen wie Leidenschaft und Gier tun ihr Übriges, um moderne Individuen in die Fallen der Zivilisation tappen zu lassen. „Die sieben Plagen der Neuzeit”, so hieß das übergeordnete Motto der diesjährigen „Literarischen Sommernacht” auf Burg Wilhelmstein. Trotz der kühlen Witterung fanden sich Hunderte Zuschauer ein, um das ebenso unterhaltsame wie schlagfertige Moderatorenduo Roger Willemsen und Martin Stankowski bei dem auf sieben Stunden angesetzten Lesemarathon zu begleiten.

„Ich finde es untragbar, dass ich frieren muss, während Roger warme Socken gereicht bekommt”, empörte sich Stankowski, nachdem eine gut vorbereitete Zuschauerin dem sichtlich frierenden Willemsen ein Paar Strümpfe geschenkt hatte. Tatsächlich sah es das Drehbuch des Abends vor, dass Willemsen und Stankowski über die gesamte Zeit hinweg auf einem Sofa sitzen bleiben müssen, während sich auf der Bühne hinter ihnen Musiker und Literaten abwechselten.

Neben Vorleserinnen und Vorlesern des WDR-Sprecherensembles traten nacheinander versierte Sprachkünstler wie Andreas Fröhlich, Gerd Köster oder Claudia Mischke ans Pult, um Werke von Anton Cechov, Jules Verne, Thomas Morus, mile Zola, Daniel Kehlmann und vielen mehr zu rezitieren. Zu jedem der sieben Themenkomplexe, die von Geld, Überwachung, Lärm und Selbstsucht handelten, hatte der Dortmunder Allround-Poet Fritz Eckenga eine spritzige Einleitung in gedichtetem Ruhrdeutsch auf Lager. Dass ihm das Dichten im Blut liegt, bewies Eckenga im Backstagebereich. Als Reaktion auf den Sieg Dänemarks im WM-Spiel entfuhr ihm spontan: „Kamerun war anfangs stark, doch dann kam Dänemark.”

Ähnlich humorvoll ging es auf der Bühne weiter. Stankowskis Kausalkette, die eine direkte Verbindung vom fleischverzehrenden Steinzeitmenschen bis zu den „Sieben Plagen” aufzeigte, trieb den mit Picknickkörben und Thermoskannen bewaffneten Zuschauern die Kälte aus den Gliedern. Andreas Fröhlich, den man als Synchronsprecher aus den „Drei ???” und als die Stimme von Hollywoodstar John Cusack kennt, las einen Text von Benjamin von Stuckrad-Barre über die Unsinnigkeit der so genannten Outletcenter, in denen in vorgegaukelter Fachwerk-Gemütlichkeit „hässliche und unsinnige Markenklamotten” verkauft würden.

Musikalisch hervorragend begleitet wurden die Sprachathleten von Dirk Raulf und seinem „Club Trivial”. Die Band brachte thematisch durchaus passende Cover-Versionen von Klassikern wie „Sex&Drugs&Rock´n´Roll” oder „Mach´ kaputt, was einen kaputt macht” zum Besten. „Das letzte Kapitel” von Erich Kästner beendete dann einen rundum gelungenen literarischen Abend.