Alsdorf: Grubenunglück: Als ein Totgeglaubter plötzlich aufstöhnt

Alsdorf : Grubenunglück: Als ein Totgeglaubter plötzlich aufstöhnt

Dokumente und Publikationen rund um das Grubenunglück auf Anna II am 21. Oktober 1930 gibt es viele, aber nur wenige Zeitzeugenberichte von Menschen, die nah am Geschehen dran waren. Und dass rund 88 Jahre nach dem Unglück noch viele neue gefunden werden, ist recht unwahrscheinlich.

Auch in Anbetracht der hohen Opferzahl. Von den 650 Bergleuten wurden 246 unter Tage und 25 über Tage getötet, weitere 304 erlitten zum Teil schwere Verletzungen.

Kennt sich mit den Gegebenheiten unter Tage bestens aus: der ehemalige Bergassessor Fritz Ebbert. Foto: V. Müller

Umso erstaunlicher ist es da, dass der mehrseitige maschinengetippte Bericht von einem Fahrsteiger namens Paul Hermann Traue noch keine große Beachtung gefunden hat. Dem Geschichtsverein Alsdorf liegt er zwar seit 13 Jahren vor, in die Jahresblätter des Vereins ist aber noch nicht eingegangen. Soweit bekannt, ist er nur in den Heimatblättern Kreis Aachen publiziert, im Band zum Grubenunglück, und hier nur in Auszügen, ohne den bemerkenswerten (welt)politischen Rahmen.

Druck durch Versailler Vertrag

Verkürzt schlägt Traue den Bogen vom Versailler Vertrag (1919, Alleinschuld der Deutschen am Ersten Weltkrieg und Reparationszahlungen) über den Druck, der auf dem Steinkohlebergbau zwecks Ausgleichszahlungen lastete, bis hin zu Sicherheitsbelangen, die vor diesem Szenario ins Hintertreffen gerieten. Mit anderen Worten: Auf dem Rücken der Kumpel sei die Schuld der Deutschen am Ersten Weltkrieg beglichen worden. So jedenfalls Traues Sicht.

Über die Lebensumstände des inzwischen gestorbenen Paul Hermann Traue ist wenig bekannt. Traue hat im Kopf der Berichts seiner Funktion als Bergmann und Fahrsteiger „im Ruhestand“ hinzugefügt. Wann er den angetreten und somit das Dokument verfasst haben könnte, ist offen. Seine Erlebnisse und Eindrücke schildert er jedenfalls sehr lebendig, als hätten sie sich gestern zugetragen.

Was man sagen kann, ist, dass der Verfasser als Fahrsteiger kein einfacher Arbeiter war, sondern im „mittleren Management“ angesiedelt war. Oder wie es der ehemalige Bergmann Friedrich, genannt Fritz, Ebbert sagt: im „oberen Aufsichtsdienst“. „Der Steiger war ein armes Schwein, weil er gegenüber dem Betriebsführer Rechenschaft ablegen und vom Kohlehauer Leistung abverlangen musste“, erläutert Ebbert.

Vielleicht muss man die etwas ausschweifenden, einleitenden Worte des Berichts vor dem Hintergrund dieses Drucks sehen — oder relativieren.

Historisch belegt ist, dass die Kohleförderung im Ruhrgebiet im Rahmen des sogenannten passiven Widerstands auf ein Minimum reduziert wurde und auch andere Zechen sich solidarisch erklärten. Und hatten die Franzosen — respektive in der hiesigen Region Belgier — einen Kohlezug zusammen, sorgten die Eisenbahner, die mit den Bergleuten Seit an Seit standen, dafür, dass der Zug nie an seinem Bestimmungsort ankam. Diese Taktik wurde nach der Hyperinflation (1923) aufgegeben.

Traue schreibt, bei seinem Dienstantritt im Jahr 1910 — also vor dem Ersten Weltkrieg — habe die Leistung pro Mann und Schicht auf der Grube Anna I bei 0,85 bis 0,9 Tonnen gelegen, im Jahr 1930 doppelt so hoch. Traue stimmt ein Loblied auf Fleiß und Pflichtbewusstsein des Bergmanns an, kritisiert aber auch Umstände, die man heute als Mobbing und Erpressermethoden beschreiben würde. Aber war die Stimmung tatsächlich so schlecht, angesichts der sonst immer so hochgehaltenen Kameradschaft unter den Kumpeln?

Fritz Ebbert, der 1930 geboren wurde, weist auf zwei Seiten der Medaille hin: „Das eine schließt das andere nicht aus. Die Kameradschaft war da, vor allem, wenn Gefahr drohte oder jemand in Not war. Zwischen der arbeitenden Belegschaft und der Leitung konnte es aber trotzdem zu Misstönen kommen. Und auch zwischen den Fahrsteigern untereinander war nicht alles Gold, was glänzt. Wie in jedem anderen Betrieb auch.“

Skeptisch sieht Ebbert dagegen den von Traue bemühten Kausalzusammenhang zwischen Reparationszahlungen, hohem Leistungsdruck und der Ursache für das Grubenunglück: „Das ist schon sehr spekulativ oder wenigstens tendenziös.“ Man wisse nicht, für wen hier ein Sprachrohr geschaffen werden sollte.

Traues Theorie zu den direkten Umständen des Unglücks: „Dass der Leistungssteigerungsbetrieb auch sehr auf Kosten der Grubensicherheit ging, versteht sich (...). In den Querschlägen und Strecken hauptsächlich wurde beim Verfüllen zu Bruch gegangener Teile derselben nicht die nötige Sorgfalt aufgewendet. Es blieb viel Hohlraum in den Firsten offen, der Frischwetterstrom wurde nicht bestrichen und füllte sich mit Schlagwetter aus.“ Bildete sich also in diesen Lücken eine größere Ansammlung des Methangases, das explodierte? Traue führt ein paar Seiten weiter seine Zweifel daran aus, dass „ausgerechnet am Unglückstag“ niemand jenes Schlagwetter bemerkt haben kann oder will.

Ebbert sagt, dass die genaue Unglücksursache auf der 360-Meter-Sohle nie eindeutig geklärt werden konnte. „Ein Defekt an der elektronischen Beleuchtung oder eine zerschellte Grubenlampe, die zur Entzündung des Gases geführt hat?“ Sogar eine Lok ist als Auslöser diskutiert worden. Andere zogen unsachgemäßen Umgang mit Sprengstoff in Erwägung, der zur Stollenerweiterung verwendet wurde. So wie ein paar Jahrzehnte später, als verdorbener Sprengstoff aus dem Schacht gebracht werden sollte, dabei aber in die Luft ging.

Die staatsanwaltlichen Ermittlungen nach dem Unglück kommen nur zu dem Ergebnis, dass es eine Explosion unter Tage gewesen sein muss, normales Methan wird ausgeschlossen. Ein „Gaseinbruch als Folge eines Gebirgsschlags (...) und zwar so, dass sich das Hang-ende über Flötz 9 schlagartig gesetzt hat“, gilt als wahrscheinlich. Über Ort und Art der Zündung könnten nur Vermutungen angestellt werden. Eine defekte elektrische Leitung oder Benzinsicherheitslampe gilt als Zündung wahrscheinlich.

Unstrittig ist die Zahl der Toten und Verletzten — wovon die meisten durch Erstickung umkamen, auf dem Weg in Richtung oder durch den Verbindungsstollen zum Schacht Anna I.

Sehr eindrücklich schildert Traue die Bergung: „Wir tasteten uns (...) durch bis zur Ladestelle des Reviers Stevens, von hier aus weiter (...) bis zur Kopfstrecke des Reviers Vogt. Diese suchten wir ab und fanden hier drei Tote sitzend am Streckenstoß. Sie hatten (...) wahrscheinlich eine Atempause einlegen wollen und waren dadurch von ihrem Schicksal ereilt.“ Auch zwei Tage später wurde noch weitergesucht: „Wir fanden neben dem Bremsberg verlaufenden Fahrweg 33 Opfer, die sich dorthin geflüchtet hatten, wahrscheinlich in dem Glauben, hier den Abzug der giftigen Brandgase abwarten zu können.“ Das Feuer hatte sich schnell über das Gelände ausgebreitet und sogar ein Sprengstoffmagazin erreicht. Hier wurden laut Traue aber zum Glück nur die Holzkisten angesengt.

Traue schreibt weiter über die Bergungsaktion: „Sie befanden sich dort in sitzender Stellung und hatten ihre erloschenen Grubenlampen vor sich stehen. Keiner wies verzerrte Gesichtszüge auf. Friedlich saßen sie da, einige hatten sich auf die Seite gelegt. Es sah aus, als ob sie eben eingeschlafen wären.“ Aber einer unter ihnen war nicht entschlafen. Traue nennt sogar seinen Namen: Hauer Alfred Hilscher.

Der letzte Tote

Aus Versehen hatte ein Begleiter Traues den Mann mit dem Fuß angestoßen. Dieser stöhnte leise auf. „Wir brachten ihn in eine gestreckte Lage“, schreibt Traue, „er sah aus klaren Augen und redete mich mit meinem Namen an. Ich frug ihn, ob er etwas trinken möchte. Ja, sagte er, haben Sie etwas da?“ Man bot dem Mann Kaffee und Milch an. „Er genoss einen Becher Milch in durstigen Zügen. Ach, sagte er, das tut gut, ist man gut, dass Sie gekommen sind.“

Ein Arzt wurde verständigt, der dem kleinen Bergungstrupp entgegenkam. Auf dem Weg ins Freie sprach Hilscher noch in klaren Worten mit Traue. Die letzten Minuten aber blieb er stumm. Eine halbe Stunde Wiederbelebungsversuche sollten erfolglos bleiben.

Der letzte Tote wurde laut Traue Mitte Dezember geborgen.