Würselen: Geht für die Bevölkerung Gefahr von den Kalkhalden aus?

Würselen : Geht für die Bevölkerung Gefahr von den Kalkhalden aus?

Gehen von den zwei Kalkhalden zu beiden Seiten der Elchenrather Straße in Würselen Gefahren für die Bevölkerung aus, weil nach langer Hitzeperiode dort abgelagertes, belastetes und ausgetrocknetes Material durch den Wind im bewohnten Umfeld verteilt wird?

Die Kalkhalden — heute sind sie Teil des städtischen Grün- und Erholungskonzepts — bestehen aus den Abfällen der Produktion der 1871 gegründeten „Chemischen Fabrik Honigmann“, die von ihrem Besitzer Moritz Honigmann (ihm gehörte auch die Königsgrube), 1912 an die „Deutschen Solvay Werke“ verkauft wurde. Es war die erste deutsche Ammoniakfabrik und diente der Düngemittelherstellung. 1930 wurde die Produktion eingestellt. Kalkschlämme mit Schwermetall

Der Pressestelle der Städteregion Aachen, die als der Stadt Würselen übergeordnete Behörde für das Führen des Altlastenkatasters zuständig ist, ist die Mutmaßung, dass Giftstaub von den Kalkhalden geweht wird, bereits herangetragen worden, wie Pressesprecher Detlef Funken auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigt. Sie entstand jetzt durch den Vergleich mit einer anderen Halde, dem Kölner Kalkberg.

Dieser Berg ist auch durch das Ablagern von Produktionsabfällen entstanden. Diese Abfälle bestehen zum größten Teil aus Kalkschlämmen. Sie enthalten aber auch Schwermetalle, die aus den Rohstoffen stammen, die für die dortige Sodaproduktion in verschiedenen Gruben abgebaut wurden. Zuletzt war in Kölner Medien von Beschwerden von Anwohnern und Gewerbetreibenden über eine massive Staubentwicklung die Rede. Andere Verhältnisse

Allerdings, so wird schnell klar, sind die Zustände dort nicht mit den Verhältnissen in Würselen zu vergleichen. Auf der Kölner Halde soll eine Hubschrauberstation gebaut werden. Hierzu wurde der über Jahre entstandene Bewuchs aus Birken, Akazien und Knöterich abgetragen.

Böschungen abgerutscht

Die Stadt Köln ließ das gesamte Grün roden, um die ehemalige Giftmüllhalde zu stabilisieren, wie der Kölner Stadtanzeiger berichtete. Grund: Böschungen waren bei den Bauarbeiten abgerutscht. Mittlerweile hat die Stadt beteiligte Gutachter, Planer und Firmen verklagt.

Bauarbeiten finden auf den beiden Kalkhalden in Würselen nicht statt. Seit Jahren werden die Überbleibsel in Ruhe gelassen, so dass sich eine beachtliche Vegetation entwickelt hat, die verhindert, dass durch Erosion Material abgetragen wird — wie jetzt in Köln.

Allerdings ist diese grüne Decke lückenhaft, wie sich vor Ort auf der sogenannten kleinen Halde zeigt, die nur über einen an den Seiten eingezäunten Weg aus Metallelementen begangen werden kann. Lediglich auf einem Zwischenplateau kann der Wanderer den Boden betreten.

Grund: Die Halde ist instabil. Beachtliche Bruchkanten sind entlang des gesicherten Wegs zu entdecken. Die Halde ist „inhomogen“. Sie besteht aus festen und weichen Elementen, also pastösen (pastenartigen, teigigen) Ablagerungen. Auf Schildern wird darauf hingewiesen, dass der gesicherte Weg nicht verlassen werden darf. Von Feinstaubbelastungen und Altlasten ist nichts zu lesen.

Schon vor Fabrikbau Widerstand

Und was ist mit möglichen Belastungen durch Haldenmaterial, das der Wind ins Umfeld bläst, und zwar von den nicht durch Vegetation bedeckten Bruchkanten? Das zuständige Umweltamt der Städteregion will dem nachgehen. Städteregionssprecher Funken beruhigt: „Nach einer ersten Einschätzung unseres Fachamtes gibt es derzeit kein bekanntes Problem.

Wir werden Ihre Frage aber zum Anlass nehmen, diesbezüglich zu recherchieren. Wegen der Urlaubszeit bitte ich um Verständnis, dass dies ein paar Tage dauern kann.“ Funken will das Ergebnis dann mitteilen, worüber zu berichten sein wird.

Übrigens: Wie von Heinz Josef Küppers vom Kulturarchiv Würselen sorgsam in einem Beitrag zusammengestellt, war die Ammoniak-Soda-Fabrik Honigmann 1871 bereits vor dem Bau auf Kritik aus Reihen der Bevölkerung gestoßen. Auch seinerzeit waren gemäß Planungsrecht nach Veröffentlichung des Bauantrags im Amtsblatt („der Königlichen Regierung zu Aachen“) „Einwendungen“ beim Landrat möglich.

Gegen die „Anlegung einer Sodafabrik bei Königsgrube“ formulierten Einwohner aus Elchenrath, Grevenberg, Würselen, Bissen und Morsbach ihre Bedenken. Dem Widerspruch schloss sich der Gemeinderat von Würselen zunächst an.

Keine giftigen Dämpfe

Nun schaltete sich aber laut Beitrag von Küppers der Chemiker Dr. Claßen aus Aachen ein und schrieb an den Würselener Bürgermeister Quadflieg, dass die Sodafabrik „ohne Bedenken conzessioniert werden könne, weil dabei keinerlei Dämpfe entstehen könnten, welcher der Nachbarschaft lästig oder der Vegetation schädlich würden“. Letztlich stimmte die Gemeindevertretung dem Bau der Fabrik zu.

Ein „Zwischenfall“ in der Ortschaft Grevenberg sorgte dann für Aufregung: Eine typhusähnliche Epidemie fordert Tote. Ist der Gemeindebrunnen durch die von Unternehmer Honigmann „vorgenommenen chemischen Versuchsarbeiten“ vergiftet worden?

Es entbrennt ein Gutachterstreit. Während Untersuchungen von Professor Drahenius und Dr. Stahlschmidt — so die alten Quellen — keinerlei Schadstoffe im Brunnenwasser feststellten, behauptete Gutachter Dr. Vohl — von den Gegnern des Projekts beauftragt —, das Wasser sei „unbrauchbar und gesundheitswidrig“.

Einig waren sich die Gutachter darin, dass nach einer gründlichen Reinigung des Schachtes der Brunnen wieder gutes Trinkwasser liefert. Weitere Gutachten zu den Aktivitäten Honigmanns werden gefertigt und neue Einsprüche erhoben. Letztlich wurde die Anlage 1873 genehmigt.

Mehr von Aachener Nachrichten