Nordkreis: Für medizinische Hilfe muss es nicht unbedingt die 112 sein

Nordkreis : Für medizinische Hilfe muss es nicht unbedingt die 112 sein

Fehler sind menschlich. Doch in einigen Situationen haben sie mehr Auswirkungen als in anderen. So beispielsweise auch, wenn Fehler bei der Feuerwehr und dem Rettungsdienst passieren, denn dort stehen bei Einsätzen Menschenleben auf dem Spiel. Zu oft aber auch nicht, findet die Deutsche Feuerwehr Gewerkschaft (DFG) — so makaber es auch klingen mag.

Denn in einem Schreiben an den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) warnt die Gewerkschaft vor zu vielen Bagatelleinsätzen. Sie fürchten einen Kollaps des Rettungswesens. Denn es mangele an vielen Stellen an Personal, das woanders, bei nötigen Einsätzen, dringend gebraucht würde.

Dadurch drohen laut Daniel Dahlke, Vorsitzender der Gewerkschaft in Hamburg, „fatale Folgen für lebensbedrohlich verletzte oder erkrankte Patienten“. Das Stichwort: Überbelastung. Und die führt laut Dahlke zu folgenschweren Konsequenzen: Fehlern.

Doch Fehler machen auch die Patienten. Immer wieder wird die 112 aus eher banalen Gründen gewählt. Mehrtägige Kopf-, Rücken- oder Bauchschmerzen. Meist kein akut lebensbedrohlicher Zustand, für den es auch eine Rufnummer gibt: 116117. Unter dieser Nummer erreicht man den ärztlichen Bereitschaftsdienst. „Leider kennen viele Menschen die 116117 als wichtige Telefonnummer gar nicht“, sagt Lothar Albrecht von der Feuerwehr Aachen. Die 112 sollte nur in akuten Notfällen gewählt werden, so bei schweren Verletzungen, Vergiftungen, Herzbeschwerden, Atemnot oder Bewusstlosigkeit.

Albrecht und seine Kollegen von der Leitstelle sind auch für die Einsatzverteilung im Nordkreis zuständig. Hier wird entschieden, ob etwa in Herzogenrath ein Rettungswagen rausgeschickt wird oder eben nicht. Dabei sind Einschätzungen am Telefon oft nicht leicht. „Es ist teilweise sehr sehr schwierig“, sagt Albrecht. „Einerseits setzen die meisten ja nicht oft einen Notruf ab und sind nervös oder gar aufgebracht, anderseits werden Symptome von Person zu Person unterschiedlich intensiv geschildert.“

Ölpureinsätze sind Unglücksfall

Deswegen versucht die Feuerwehr am Telefon, ein möglichst exaktes Meldebild zu erstellen. Und das ziemlich schnell: Denn auch im vergangenen Jahr schaffte der Rettungsdienst in der Städteregion in 96 Prozent aller Fälle, in unter 12 Minuten am Einsatzort einzutreffen.

Neben falsch beschriebenen Symptomen stehen auch andere Einsätze der Feuerwehr oft zur Diskussion. Muss die Feuerwehr wirklich penibel Ölspuren auf der Straße beseitigen, Türen öffnen, oder schwergewichtige Personen transportieren?

„Ja“, sagt die Pressestelle der Städteregion. Denn: „Ölspureinsätze sind für uns wahrzunehmende Aufgaben. Daher werden diese als entsprechender Einsatz geführt. Dies ist in den Bundesländern unterschiedlich gesetzlich geregelt. Für NRW wurde der Ölspureinsatz als Unglücksfall festgestellt. Beim Transport schwerer Personen ist oft Menschenleben in Gefahr. Auch hierbei handelt es sich um eine Hilfeleistung per Gesetz.“

Gesetzlich gibt es beispielsweise im Vergleich zu Berlin ebenfalls einen Unterschied: Anders als im dortigen Rettungsdienst oder auch im Feuerwehrgesetz ist in NRW die Bewertung von Einsätzen als Bagatellfälle nicht vorgesehen und deshalb auch nicht auswertbar, wie die Städteregion mitteilt. Ob also solche Einsätze auch hier wirklich zunehmen, sind nur Einschätzungen der hiesigen Feuerwehren.

Keine personellen Engpässe

Dass die Feuerwehr auch im Nordkreis mit personellen Problemen zu kämpfen hat, ist allerdings kein Geheimnis. Das liegt jedoch eher am fehlenden Nachwuchs. Aber auch wenn „die Bevölkerung zunehmend den Rettungsdienst in Anspruch nimmt und dadurch die Bagatelleinsätze, Einsätze welche keine direkte Lebensgefahr für den Patienten darstellen, ansteigen“, wie etwa die Feuerwehr Herzogenrath mitteilt. „Derzeit sind hier im Speziellen aber keine Engpässe zu verzeichnen.“

Eins möchte man dort klarstellen: „Grundsätzlich werden vom Rettungsdienst keine Personen vor Ort wegen zu geringer Symptome für den Transport ins Krankenhaus abgewiesen. Vorrangig besteht eine sogenannte gesetzliche Transportpflicht. Durch das gut geschulte und qualifizierte Fachpersonal im Rettungsdienst werden jedoch im Gespräch mit dem Patienten auch Alternativen erörtert und aufgezeigt, sofern keine Lebensgefahr besteht.“

Bei der Polizei in der Städteregion sind Bagatelleinsätze gar kein Thema, sagt Paul Kemen von der Pressestelle: „Wir haben sie hin und wieder auch. Aber nicht so häufig.“

Das größere Problem seien für sie falsche Alarmauslösungen. „Bei Falschalarmierungen, also bei mutwilligen falschen Alarmen, ermitteln wir regelmäßig wegen des Missbrauchs von Notrufen.“ Aber auch diese Zahlen seien mit 35 Ermittlungen im vergangenen Jahr und aktuell sieben in diesem Jahr überschaubar. Personelle Engpässe gab es deswegen ebenfalls keine, so Kemen.

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