Herzogenrath: Freude über den Freifunk in der Fremde

Herzogenrath: Freude über den Freifunk in der Fremde

„For free?“ Die 15-jährige Anita Sher will es zuerst gar nicht glauben. Kontakt in die ferne Heimat, ohne dafür bezahlen zu müssen? Zum Vater und zur Schwester, die nicht mitkommen konnten? „Thank you!“, strahlt sie und übersetzt die freudige Neuigkeit sofort ihrer Mutter.

Die beiden Frauen sitzen im großen Aufenthaltszelt der Notunterkunft an der Waidmühl, als Kai Baumann und Jörg Schoog von der Herzogenrather Freifunk-Community mit einer weißen Router-Box und vielen Metern Kabel anrücken. Letztlich waren es die Piraten, die im Sinne ihres Bürgerfunk-Bestrebens die Initiative ergriffen, um den Flüchtlingen in puncto Kommunikation das Leben zu erleichtern. Der komplette Stadtrat hat es goutiert.

Unkompliziert ins Netz: Darüber freuen sich (v.l.) Kati Sher, Jürgen Schoog, Karmen und Anita Sher, Kai Baumann und Jürgen Jekewitz. Foto: Oprée

„Wir wollen helfen“

Unterstützer der Initiative ist der SV Concordia Merkstein, der seinen Internetanschluss für den Freifunkkontakt zur Verfügung stellt. „Das ist ein toller Zug seitens des Vereins, der wegen der Hilfesuchenden ja vorerst seinen Sportplatz gar nicht mehr nutzen kann“, sagt Pirat Baumann. „Selbstverständlich“ findet das indes Jürgen Jekewitz, stellvertretender Geschäftsführer der Concordia. „Auch wir wollen helfen.“ Schließlich werde der vereinseigene Online-Anschluss nur am Wochenende genutzt. Um Spielberichte und -ergebnisse bei FuPa, dem Mitmachportal unserer Zeitung, einzustellen.

Anita Sher, Mutter Kati und Schwester Karmen können es derweil kaum erwarten, bis der Router aufgehängt und betriebsbereit ist. Die Frauen sind Katholikinnen aus dem Nordirak. Als dort der IS vorrückte, christliche Kirchen zerstörte und die Menschen mit brachialer Gewalt vertrieb, mussten sie fliehen. „Wir wollen doch nur in Frieden leben“, sagt Karmen. „Wir sind so froh, in Deutschland in Sicherheit zu sein“, ergänzt Anita. „Dafür sind wir so dankbar!“

Ein wohl geordnetes Leben haben sie hinter sich lassen müssen. Kati Sher hat 33 Jahre als Arabisch-Lehrerin gearbeitet, Karmen hat eine Schauspiel-Ausbildung absolviert, Anita besuchte das Gymnasium. „Unser Vater hat hart gearbeitet, damit wir ausreisen konnten“, erzählt die 15-Jährige. „Dann hat er selbst kein Visum bekommen ...“

Aufladestation im Zelt

Wie fast jeder an diesem Morgen in der Notunterkunft halten auch die drei Irakerinnen ihre Smartphones ständig fest in der Hand. Der einzige, wichtigste Besitz, nachdem ihnen auf der Flucht Papiere und Geld gestohlen wurden. Die Handys hatten sie in der Hosentasche. Zum Glück. Nicht auszudenken, wenn dieses wichtige Medium ebenfalls abhanden gekommen wäre. Wie hätte man sich auf der langen Reise orientiert? Wie jemanden wiedergefunden, der verloren gegangen wäre? Und wie den Ehemann, den Vater in der Heimat kontaktiert, um zu berichten, dass man es bis Deutschland geschafft hat, dass alles in Ordnung ist?

Im Aufenthaltszelt an der Waidmühl liegen lange Steckerleisten auf der Theke der Essensausgabe. Frauen und Männer jeden Alters sitzen davor, warten geduldig, bis ihr mobiles Telefon wieder aufgeladen ist.

Mit Prepaid-Karten lässt es sich via Internet auch in der Fremde günstig telefonieren. Doch letztlich sind die finanziellen Möglichkeiten begrenzt. Die Freifunk-Initiative in Herzogenrath kommt daher wie gerufen.

Vorausschauend haben Kai Baumann und Jörg Schoog die nötigen Hinweise in diverse Sprachen übersetzen lassen. In laminierter Form werden sie an zentralen Stellen der Unterkunft aufgehängt, damit jeder gut über die neue Möglichkeit informiert ist. Die sich aber wahrscheinlich auch ohne Gebrauchsanweisung in Windeseile herumgesprochen hätte.

Denn die Stimmung in der Unterkunft, die nun vom DRK betrieben wird, ist gut, das berichtete auch die Erste Beigeordnete Birgit Froese-Kindermann am Dienstag dem Stadtrat. Viele Familien, hauptsächlich aus Syrien und Irak, seien gekommen. Um vor allem die Kinder zu beschäftigten, gebe es viele Angebote aus der Bevölkerung, die nun koordiniert würden.

Groß war auch das Spendenaufkommen im Gebrauchtwarenkaufhaus „Patchwork“, das die Erstausstattung der Flüchtlinge übernommen hat. „Kleiderspenden werden vorerst nicht mehr gebraucht“, sagt Nähwerkstatt-Leiterin Martina Bredohl.

Benötigt werden aber noch Babyartikel und Zubehör wie Kinderwagen und -wippen, dazu Rasierzeug, Shampoo, Körperlotion. Willkommen sind auch kurzfristig einspringende freiwillige Helfer.

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