Feuerwehr trainiert die Rettung großer Tiere in Alsdorf

Feuerwehr trainiert Großtierrettung : Wenn die Kuh kippt, kommen die Profis

Das Bild war kurios: Eine trächtige Kuh lag in ihrer eigenen Tränke, mit dem Rücken voraus und ihren Beinen zur Seite weg. Die Lage indes war ernst: Für die Kuh, weil sie sich nicht selbst aus ihrer misslichen Lage befreien konnte. Für die alarmierten Einsatzkräfte der Feuerwehr, weil sie vor der Aufgabe standen, ein mehrere Hundert Kilogramm schweres Tier zu retten, ohne die eigene Gesundheit oder die der Kuh zu gefährden.

Einsätze solcher Art sind selten, folglich hält sich die Erfahrung mit derlei Situationen in engen Grenzen. Die Alsdorfer Wehr hat improvisiert und die Kuh Glück gehabt, dass die Retter einfallsreich waren. Diesen Vorgang, geschehen Mitte Juli 2014 in Schaufenberg, würde Lutz Hauch vielleicht als symptomatisch bezeichnen. Zumindest den Umstand, dass die Einsatzkräfte improvisieren mussten.

Denn das mussten sie bis vor kurzem bei der Großtierrettung ausschließlich, entsprechende Trainings gab es nicht. Seit vier Jahren nun ist Hauch zertifizierter Großtierretter. Der einzige Deutschlands. Seitdem bereist er die Republik und zeigt Feuerwehren, Tierärzten oder Pferdebesitzern, wie sie großen, schweren Tieren in Not helfen können und welches Equipment dafür nötig ist – zuletzt der Alsdorfer Feuerwehr bei einer besonderen Übung im Tierpark.

Sam wird mehrfach gerettet

Im Mittelpunkt steht Sam – das Pferd, das an einem warmen Dienstagmittag in verschiedene Notsituationen gebracht wird, aus denen die Einsatzkräfte es zu Trainingszwecken befreien sollen. Der Vollständigkeit halber und um Missverständnissen vorzubeugen sei erwähnt, dass Sam aus Plastik ist. Ein Metallskelett, eine Kunststoffhülle und ein ausgeschäumter Körper ergeben das rund 200 Kilogramm schwere, aber recht antriebslose Tierimitat, das eine englische Firma für Hauch angefertigt hat (siehe Box). Kosten: 10.000 Euro. 20 Männer und eine Frau legen an diesem Tag Hand an die Attrappe, die meisten von ihnen von der Alsdorfer Feuerwehr, ein paar von den Wehren aus Würselen, Herzogenrath und Eschweiler.

Alsdorfer Feuerwehr übt die Rettung von Pferden

Wie wichtig es ist, die richtigen und wichtigsten Handgriffe – ein Nothalfter anlegen oder Gurte an den richtigen Stellen um das Tier zu legen etwa – schon einmal ausgeführt zu haben, betont Hauch mehr als einmal. Was in der Trainingssituation nicht so ganz deutlich werden kann, Sam ist schließlich äußerst geduldig, wird es spätestens im Ernstfall werden. Dann nicht selten mit einiger Wucht.

Wenn ein Tier in Panik gerät, verletzt ist und nichts als die Flucht im Kopf hat, kann es für die Helfer sehr schnell sehr gefährlich werden. Bilder von Verletzungen, die ein Pferd mit einem Tritt verursachen kann, seien keine schönen, sagt der Experte und fügt, als wolle er nichts der Fantasie überlassen, ein Beispiel an: Einer Tierärztin sei einmal das halbe Gesicht weggetreten worden. Allerdings könne so ein Tritt schnell auch tödlich enden.

Was sich erschreckend anhört, macht gleichzeitig aber klar, warum der Experte mahnt: „An die Kollegen, die vor dem Tier arbeiten: Achtet immer darauf, maximal möglichen Abstand von Kopf und Beinen zu halten.“ Um Gurte dennoch gezielt um den Leib des Tieres legen zu können, kommt Spezialausrüstung zum Einsatz – Haken, Stangen, Leinen, die den Kräften im Einsatz die Arbeit wesentlich leichter machen können. Mit Kosten von rund 6000 bis 7000 Euro sei man dafür dabei.

Rund fünf Jahre her: In Schaufenberg hatte sich eine trächtige Kuh in eine missliche Lage gebracht, war rücklings in ihre Tränke gefallen. Die Alsdorfer Feuerwehr konnte sie retten. Foto: Feuerwehr Alsdorf

Wenn der Notruf kommt und die Feuerwehr sich auf den Weg zu einer Tierrettung macht, wissen die Beamten in der Regel kaum genau, was sie am Einsatzort wirklich erwartet. Lutz Hauch hat deshalb gleich diverse Szenarien für das Training vorbereitet. Sam muss auf der Wiese möglichst behutsam gedreht werden. Hauch erklärt Spezialtechniken wie den Seitwärtsassistenten, den es auch als Vorwärts-, Rückwärts- und Drehvariante gibt. Sam muss in den Hänger bugsiert werden, ohne dass die Beamten sich auf dem engen Raum selbst in Gefahr bringen. Sam muss aus einem Bachlauf gerettet und einen Hang hinaufgezogen werden. Sam muss von einer schmalen Brücke geschafft werden, hat sich zudem mit den Beinen in deren Geländer verfangen.

Mit der Truppe, die Hauch an diesem Tag unterweist, kann er zufrieden sein. Die Helfer sind, auch nach 2,5 Stunden Theorieunterricht, die der Übung im Tierpark vorausgegangen sind, konzentriert bei der Sache, streicheln sogar über die Pferdeattrappe und reden ihr gut zu.

Notfall am Pool und in der Bank

In den vergangenen Jahren hatte die Alsdorfer Feuerwehr bereits mehr als einmal Gelegenheit, sich in der Praxis als Großtierretter zu beweisen. Befreien konnte sie etwa ein Rehkitz, das sich im Februar 2015 in die Filiale einer Bank in Mitte verirrt hatte, sowie ein Pferd, das im vergangenen September in einem Ofdener Swimmingpool gefangen war.

Und auch für die eingangs erwähnte trächtige Kuh, die rücklings in ihre Tränke gefallen war, haben die Einsatzkräfte mit viel Fingerspitzengefühl und Einfallsreichtum einen Weg aus der Misere finden können. Auf einer Seite der Tränke wurden Schwerlastkissen aufgebaut, die Tränke auf der anderen Seite mit einem Radlader angelupft, so dass die von einer Tierärztin sedierte Kuh sanft auf die Seite gelegt werden konnte. Wie die Kuh sich damals in ihre missliche Lage gebracht hatte, ist bis heute unklar.

Um den 200 Kilogramm schweren Pferdedummy kümmern sich die Einsatzkräfte der Feuerwehr gewissenhaft. Foto: ZVA/Thomas Vogel

Das Ergebnis bei Einsätzen war bisher optimal. Mit dem nun absolvierten Training zur Großtierrettung wird sich vielleicht nur der Weg dahin ein wenig ändern.