Europa-Planspiel Herzogenrath

Europa-Planspiel : Schüler werden zu jungen Abgeordneten

Der Brüsseler Plenarsaal wurde kurzerhand und in deutlich verkleinerter Form in die Räumlichkeiten des städtischen Gymnasiums „verlegt“.

Mit dem Abgeordneten Arndt Kohn aus Stolberg hatte sich auch gleich ein Insider angemeldet, der den wissbegierigen Schülern Rede und Antwort stand in Bezug auf die europäische Parlamentsarbeit. Die sogenannte „Planspielreihe“ der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland hatte unmittelbar vor den Weihnachtsferien auch in Roda Halt gemacht. „Europa erlebbar machen“ - unter diesem Motto diskutierten die Schüler unter professioneller Anleitung dringende Fragen des Kontinents und schlüpften für einen Tag in die Rollen der vielen EU-Akteure.

Via Losverfahren bekamen die Schüler einzelne Rollen auf den verschiedenen Ebenen des Brüsseler Politikapparates zugeteilt. Zum Themenbereich Asyl- und Flüchtlingspolitik sollte eine eigene Verordnung diskutiert und erstellt werden. Zu guter Letzt wurde das fertige Manuskript zur Abstimmung gegeben. Alternativ hätten die jungen Abgeordneten die Möglichkeit gehabt, über das brandaktuelle Thema Datenschutz zu entscheiden. In Absprache mit den Organisatoren entschied man sich jedoch für die Integrationsfragen in Bezug auf den Flüchtlingsstrom.

Im Tagesverlauf wurde die komplexe Wirklichkeit der Entscheidungsfindung in europäischen Fragen und das zeitintensive Verfahren vereinfacht dargestellt. „Spielerisch“ machten sich die Schüler mit den Funktionsweisen europäischer Institutionen vertraut. Sowohl argumentatorische und rhetorische Kompetenzen, als auch das demokratische Grundverständnis wurde durch die gemeinsame Arbeit gezielt autodidaktisch gefördert. Die etwa 25 Jugendlichen der Q2 des städtischen Gymnasiums nahmen hierbei auf freiwilliger Basis teil. Im Zuge des Unterrichtsfachs Sozialwissenschaften wurde für das Projekt geworben.

Vom „Politik-Profi“ Arndt Kohn gewannen die Schüler wichtige Eindrücke vom politischen Alltag in Brüssel. Während der intensiven Diskussionsrunde zu Beginn des Projekttages wurden besonders ökonomische und rechtliche Themen vertieft. Beispielsweise interessierten sich die Schüler für die Maßnahmen der EU, die Steuerhinterziehung bekämpfen und weiteren Vergehen vorbeugen soll. Kohn erklärte dem Plenum, dass sich die einheitliche Gesetzgebung und -einhaltung teils kompliziert gestalte: „Die Gesetze sind immer nur so gut, wie sie in einzelnen Mitgliedsstaaten nicht umgangen werden können.“ Die Problematik von sogenannten „Steueroasen“ war eines von vielen interessanten Themen.

In Bezug auf einen drohenden Wegfall des Bargelds vertrat Kohn eine klare Meinung: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sämtliches Bargeld komplett verschwindet. Allerdings findet im Zahlungsverkehr natürlich ein fortwährender Wandel statt.“ Mit Blick auf das Debattenthema des Projekttages hakten die Schüler beim Europaabgeordneten auch bei den Flüchtlings- und Integrationsfragen nach. Populistische Parolen, die von Abschottung, Mauern und Zäunen getränkt sind, seien für Kohn keinesfalls weiterbringend. Bezüglich der 2015er Flüchtlingswelle mahnte er an, dass es richtig gewesen sei, „die Menschen aus ihrer Not zu befreien.“ Allerdings sei die Vernachlässigung von Kontrollen und Registrierung ein Fehler gewesen.

Nach dem aufreibenden Projekttag war den Teilnehmern klar, dass eine schnelle Kompromissfindung sehr viel Geduld und Kommunikation braucht. Eine allumfassende Lösung für die Probleme im gewählten Themenbereich, die die Wünsche aller Beteiligten vereinte, gehörte auch an diesem Nachmittag lediglich zum Wunschdenken. Dafür zeigten sich die Schüler äußerst sensibilisiert für die schwierige politische Arbeit, die Europa im 21. Jahrhundert gemeinsam zu bewältigen hat.

(yl)
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