Nordkreis: Erste Hilfe: Sich ein Herz fassen und reanimieren

Nordkreis : Erste Hilfe: Sich ein Herz fassen und reanimieren

Als neben Anna Baum plötzlich eine ältere Dame umkippt, weiß sie nicht, was sie tun soll. Gut, für ihren Führerschein musste sie vor ein paar Jahren mal an einem Erste-Hilfe-Kurs teilnehmen, aber das liegt lang zurück. Sie alarmiert den Notruf und ruft um Hilfe.

Ein junger Mann bekommt das mit — und fängt nur wenige Sekunden später mit der Reanimation, also den Wiederbelebungsmaßnahmen, an.

Anna Baum gibt es so nicht. Aber solche oder ähnliche Erlebnisse, schildern Teilnehmer der Erste-Hilfe-Kurse von Walter Rühl, Breitenausbilder beim Deutschen Roten Kreuz in Aachen. Häufig hat er Menschen in seinen Kursen, die mit solchen Situationen so überfordert waren, dass sie in Zukunft besser darauf vorbereitet sein wollen. Er gibt die Seminare seit mehr als 20 Jahren. Mindestens genau so lange appelliert er an seine Teilnehmer, nicht wegzuschauen. Und mutig zu sein.

„Erste-Hilfe-Leistungen werden oft aus Angst vor Bestrafung wegen ‚falscher‘ Hilfeleistung unterlassen. Diese Befürchtungen sind aber unbegründet“, sagt Rühl. Und außerdem macht sich derjenige, der keine Hilfe leistet, strafbar. Denn: In Paragraf 323 c des Strafgesetzbuches heißt es „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

So klar das Gesetz ist, der Alltag sieht manchmal anders aus. Stress, Adrenalin, Hektik: In einem Notfall reagiert jeder Mensch anders. Umso wichtiger findet es Rühl, dass an immer mehr öffentlichen Orten Defibrillatoren zu finden sind. „Im Ernstfall kann so einfach schneller gehandelt werden“, ist sich Rühl sicher. Das Gerät gibt genaue Anweisungen, was zu tun ist: Elektroden anschließen, Person loslassen, Schock wird ausgelöst, Person kann wieder beatmet werden. Zwischendurch misst das Gerät die Herzfrequenz. Der sogenannte AED-Defibrillator ersetzt nicht die Reanimation, er wirkt unterstützend.

Nicht flächendeckend eingesetzt

Im Rathaus der Stadt Alsdorf hängt ein Defibrillator. Einen weiteren gibt es laut Stefan Schaum vom Amt für Kultur und Öffentlichkeitsarbeit in der Stadthalle — im Foyer im Erdgeschoss. Außerdem stellt die Gustav-Heinemann-Gesamtschule einen Defibrillator zur Verfügung. 2014 hatte eine selbst initiierte Pfandflaschen-Sammelaktion von Schülern das nötige Geld dafür zusammengebracht. „Für weitere Anschaffungen in der nächsten Zeit gibt es derzeit keine konkreten Pläne“, teilt Schaum auf Anfrage mit.

In Herzogenrath sind alle Kultureinrichtungen in den Schulen (Aula Gymnasium, Forum Europaschule, Aula Erich-Kästner-Schule und Aula ehemalige Realschule) mit Defibrillatoren ausgestattet. Teilweise sind die Schulen sogar mit zwei Geräten versehen, teilt der Erste Beigeordnete, Hubert Philippengracht, mit. Darüber hinaus haben auch das Hallenbad Bergstraße sowie das Freibad Merkstein einen Defibrillator.

Die Stadt Baesweiler hat bisher vier Defibrillatoren angebracht. Im Foyer des Rathauses Baesweiler, im Rathaus Setterich, im Vorraum des PZ im Gymnasium sowie im Freizeitbad. „Die Defibrillatoren sind während der Öffnungszeiten der jeweiligen Gebäude für jedermann zugänglich“, heißt es von Seiten der Stadt.

Die Stadt Würselen hat drei Defibrillatoren: im Rathaus, in der Feuerwache sowie auf dem Gelände des Betriebshofs.

Einblicke in die Praxis hat Markus Dohms, stellvertretender Leiter der Feuer- und Rettungswache Alsdorf. Er weiß, wie groß die Hemmschwelle bei Menschen ist, den Verletzten beispielsweise zu entkleiden, um vernünftig reanimieren zu können. „Bislang ist es zu keinem Einsatz gekommen, bei dem ein Defibrillator genutzt wurde. Das liegt aber schlichtweg daran, dass sie nicht flächendeckend aushängen“, sagt Dohms.

In Deutschland ist es nämlich keine Pflicht, Defibrillatoren anzuschaffen. Öffentliche Einrichtungen sowie Unternehmen entscheiden selbst, ob sie das Gerät anschaffen. „Unternehmen, denen die Sicherheit der Mitarbeiter am Herzen liegt, sollten einen Defibrillator besitzen“, sagt Rühl. Allerdings sind diese nicht günstig. Die günstigste Variante ist ab 1000 Euro zu haben. Und: Es gibt keine Förderung.

Aber: Weltweit — so auch in Deutschland — wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche sogenannte AED-Projekte gestartet und viele öffentliche Plätze wie U-Bahnstationen, Freibäder und Sportstadien mit automatisierten externen Defibrillatoren ausgestattet.

Dohms ist sich sicher: Je mehr Defibrillatoren zur Verfügung gestellt werden, umso sensibler wird die Gesellschaft dafür. „Das ist genauso wie mit den Rauchmeldern. Kaum werden sie verpflichtend eingesetzt, sind die Schäden bei Einsätzen mit Rauchentwicklung geringer“. So wünscht er sich das auch mit den Defibrillatoren.

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