Baesweiler: Ernüchternder Selbstversuch bei Mitfahrerbänken

Baesweiler: Ernüchternder Selbstversuch bei Mitfahrerbänken

Es ist nur eine Momentaufnahme, an einem beliebigen Tag, zu einer beliebigen Uhrzeit. Vor dem Hintergrund von Dieseldebatte, Stickstoffbelastung und der Angst vor dem Verkehrskollaps angesichts immer mehr angemeldeter Neuwagen (das Kraftfahrtbundesamt meldet aktuell ein Plus von 1,1 Millionen Fahrzeugen im Vergleich zu 2016): Seit über einem Jahr wartet die Stadt Baesweiler mit „Mitfahrerbänken“ auf, einem Angebot, das unter den Stichworten Klimaschutz und Nachbarschaftshilfe eingeführt worden ist.

Die Idee ist schnell beschrieben, an sieben Stellen — von Puffendorf bis Oidtweiler — stehen schmucke Bänke samt Hinweisschild, an dem ein Wunschziel, sprich einer der Ortsteile, aufgeklappt werden kann. Dann einfach hinsetzen und abwarten.

Wieder vorbeigefahren: Muriel Dunke möchte nach Baesweiler und wartet an der Mitfahrerstation in Beggendorf (Bild oben). Ein Wagen stoppt schließlich. An der Peterstraße (kleines Bild) wird die Mitfahrerbank vom Trafokasten verdeckt. Foto: B. Oprée

Wir wollten wissen, wie das vorbildliche Projekt so läuft und haben einen Selbstversuch gestartet. Unser „Lockvogel“ ist Praktikantin Muriel Dunke. Für die Nicht-Baesweilerin gilt es zunächst herauszufinden, wo sich besagte Bänke überhaupt befinden. Dass die Homepage der Stadt mit einer entsprechenden Liste aufwartet, wäre eigentlich naheliegend. Aber Fehlanzeige. Ein Anruf im Rathaus bringt indes schnell Aufschluss, inklusive Versprechen, den entsprechenden Infotext wieder einzustellen. Was auch prompt geschieht. Unter dem Suchbegriff „Mitfahrerbänke“ findet man jetzt auf www.baesweiler.de alles, was man braucht.

Ohne eigenen Wagen aus abgelegenen Ortsteilen ins Zentrum zu gelangen, ist Hauptziel der Mitfahrerbank-Idee, die auf Nachbarschaftlichkeit setzt und vor allem für jüngere und ältere Mitbürger eine probate Ergänzung zum Linienbus sein soll.

Unsere erste Station ist daher Beggendorf, Goethestraße, Höhe Ringofen. Muriel klappt „Baesweiler“ auf und nimmt Platz. Es ist windig, und am Himmel lassen dunkle Wolken ahnen, dass es nicht lange trocken bleiben wird. Einen Regenschutz böte nur die wenige Meter entfernte Bushaltestelle. Wer da drin Schutz sucht, würde bei den Vorbeifahrenden allerdings den Eindruck erwecken, er warte auf den Bus und nicht etwa auf einen hilfsbereiten Autofahrer...

Wenig Verkehr bewegt sich an diesem Vormittag in Richtung Baesweiler, auf der Gegenspur ist erheblich mehr los. Die meisten Fahrer, das kann man ihren Blicken entnehmen, haben Muriel auf der Bank durchaus im Visier, rollen aber dennoch vorbei. Ernüchterung macht sich breit. Dann endlich, nach einer Viertelstunde, stoppt ein blauer Kombi. Anneliese Hilgers aus Beggendorf sitzt am Steuer, auf dem Weg zum Einkaufen. „Zum ersten Mal sehe ich jemanden auf der Bank sitzen“, erklärt sie munter. „Da habe ich prompt gedacht: Die junge Frau nimmst Du mit.“ Fotografiert werden möchte sie nicht, aber das Projekt Mitfahrerbank findet sie gut.

Station eins ist also von Erfolg gekrönt. Auf den Bus zu warten, hätte in diesem Fall erheblich länger gedauert. Und eine nette Gesprächspartnerin gab es obendrein.

Zeitweise wird es eng

Zweiter Test: von Baesweiler aus ohne eigenes Auto wieder in einen der Ortsteile gelangen. Zwischenzeitlich hat der Regen eingesetzt. Die Mitfahrerbank an der Peterstraße, unmittelbar am Parkplatz des neuen Einkaufszentrums, glänzt vor Nässe, Hinsetzen ist also nicht. Muriel bewaffnet sich mit einem leuchtend pinkfarbenen Schirm und stellt sich direkt neben die vom Baesweiler Löwen gezierte Hinweistafel, „Oidtweiler“ hat sie aufgeklappt.

Dem Supermarkt sei dank herrscht hier erheblich mehr Verkehr, ist das Potenzial, auf jemanden zu treffen, der einen freundlicherweise mitnimmt, also deutlich höher. Oder nicht?

Hinter dem Trafokasten ist Muriel von der Parkplatzausfahrt aus nur schwer zu sehen. Und genau vor der Mitfahrerbank ist es aufgrund des regen Abbiegeverkehrs zeitweise eng und unübersichtlich auf der Fahrbahn. Wer da auch noch anhalten würde, um Muriel mitzunehmen, liefe Gefahr, die Geduld der anderen Fahrer zu strapazieren. Das möchte offenbar niemand. Nach einer Viertelstunde im Regen brechen wir den Versuch ab.

Und möchten jetzt unsererseits anderen Mitfahrwilligen eine Chance geben. Also fahren wir die sieben Stationen noch einmal ab. Und, wie schon drei Stunden zuvor, wir entdecken niemanden, den wir auf eine Fahrt einladen könnten. Schade.

Fazit: Wer die Mitfahrerbank nutzen möchte, muss Geduld mitbringen. Oder Glück haben, schnell auf jemanden zu treffen, der die nötige Offenheit mitbringt und dann auch noch das gleiche Ziel hat. Ein Regen-/Windschutz respektive die ein oder andere Nachjustierung beim Standort könnte im Sinne der Akzeptanz hilfreich sein. Und die hat das tolle Angebot auf alle Fälle verdient.