Alsdorf: Erfahrener Kämpfer für die Arbeitnehmer

Alsdorf: Erfahrener Kämpfer für die Arbeitnehmer

„Viele unserer Mitglieder bei Cinram sagen, wir sind es nun leid“, fasst Manfred Maresch zusammen. Als Leiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie Bezirk (IGBCE) Alsdorf, kennt er die Stimmung nur zu gut, ist mit dem Betriebsrat in engem Kontakt, gehört der Tarifkommission an, die zuletzt die Verhandlungen mit der Geschäftsführung abbrach (wir berichteten).

Welche Opfer sollen die Mitarbeiter noch bringen? Es steht spitz auf Knopf. Sechs Millionen Euro sollen die knapp 1000 Festangestellten und die rund 200 befristet nach Tarif bezahlten Kollegen pro Jahr durch Verzicht in verschiedenen Bereichen einsparen. „Im Grunde würden die dort Beschäftigten durch ihren Verzicht die Anschaffung neuer Blu-ray-Liner mitfinanzieren“, sagt er zur Zielsetzung neben den modernen „Silberlingen“ auch die Klassiker DVD und CD zu produzieren.

„Alle Gruppen sind gleichermaßen betroffen. Wenn es nach Geschäftsführer Klaus Schramm geht, sollen die Kollegen nur noch ihr nacktes monatliches Gehalt bekommen.“ Heißt: Urlaubs- und Weihnachtsgeld ade, Demografiefonds futsch, dafür 40-Stunden-Woche und, und, und. Gerade das Weihnachtsgeld ist für viele wichtig, nicht nur mit Blick auf die Versicherungsbeiträge, die oft zum Jahreswechsel fällig werden. „Da hatte man bislang mit diesem Geld die Gelegenheit, sich etwas zu gönnen, was sonst nicht möglich ist. Nun will man den Kollegen ein wichtiges Stück Lebensqualität nehmen.“

Und wie wird ein altgedienter Gewerkschafter wie Maresch mit solchen Entwicklungen, mit Schicksalen, mit dem drohenden Aus für eine Firma fertig? Maresch lächelt und muss wohl an seine Zeit als Bergmann denken und das Zechensterben. Er stammt aus Lünen in Westfalen, wurde auf der Zeche Gneisenau in Dortmund-Derne zum Betriebsschlosser ausgebildet. Das war Anfang der 1980er Jahre. Dann arbeitete er unter Tage auf der Schachtanlage Viktoria II in Lünen, diente sich in der Gewerkschaft — damals noch die IGBE ohne das C für Chemie — hoch, besuchte die Sozialakademie in Dortmund, wurde Gewerkschaftssekretär, und ist das seit 1993 hauptamtlich.

Er hat unzählige Auseinandersetzungen geführt und „Schlachten geschlagen“, fand über die Stationen Rostock, München und Düsseldorf im September 2007 nach Alsdorf.

Was kann eine Gewerkschaft noch für abhängig Beschäftigte tun? Haben nicht zunehmend höchste Gerichte und Gesetzgeber immer mehr zugunsten der Arbeitgeberseite entschieden und Regelungen getroffen? Und wie steht es um die Solidarität? Vorbei sind die Zeiten, als die gute alte IGBE die Massen bewegte, mit Demonstrationen und Aktionen ganze Stadtzentren lahmlegte, mit Macht und Folgen an die Türen von Entscheidungsträgern schlugen. Ist die Gewerkschaft nur noch ein Reparaturbetrieb, der Unternehmensentscheidungen im Grunde hilflos gegenübersteht?

Der Kämpfer Maresch lässt das nicht gelten. Gerade im Fall Cinram zeige seine Gewerkschaft klare Kante, sagt er. Einige Zeit hätten Gewerkschaften das Allgemeinwohl auch der nicht-organisierten Arbeitnehmer mit im Auge gehabt. Die hätten immer gerne das angenommen, was Gewerkschafter für sie erstritten haben — ohne jeglichen Beitrag. „Das ist so, als wenn jemand eine Versicherungsleistung ausgezahlt haben möchte, ohne je einen Euro eingezahlt zu haben“, sagt Maresch. Nun habe die IGBCE bei Cinram voll und ganz auf die Mitglieder gesetzt und sich nach deren Meinung gerichtet — als Form der Wertschätzung.

In zwei Versammlungen entschied die Basis, ob überhaupt mit der Geschäftsführung über neue Einschnitte verhandelt wird und mit welchen Vorgaben. „Das hat natürlich zu teilweise sehr kritischen Reaktionen der Kollegen geführt, die nicht in der Gewerkschaft organisiert sind und folglich nicht beteiligt wurden“, verweist Maresch auf einschlägige Schreiben. „Aber es geht um tarifliche Leistungen. Und die hat die Gewerkschaft mit den Arbeitgebern ausgehandelt“, zieht der IGBCE-Bezirksleiter eine klare rote Linie. Wer mitentscheiden will, kann ja in die Gewerkschaft eintreten, was einige Cinram-Kollegen auch getan haben.

Aber reicht das? Maresch sagt, dass die IGBCE bei Cinram mittlerweile ihre Möglichkeiten fast ausgereizt hat. Letztlich kommt es auf die Frage an, ob die Mitglieder auf Basis dessen, was nun der Betriebsrat mit Hilfe eines externen Wirtschaftsprüfers in einem Gespräch mit der Geschäftsführung noch herausarbeitet, für eine Wiederaufnahme der Tarifverhandlungen stimmen.

Anders formuliert: „Ist das dann der Preis, den die Kollegen zum Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu zahlen bereit sind?“ Weiterer Aspekt: Wie sieht die Gegenleistung aus, wie lange sind die Arbeitsplätze sicher, wer garantiert das?

„Geschäftsführer Klaus Schramm verlangt von den Menschen eigentlich zu viel“, sagt Maresch. Und Schramm kann oder darf wohl mit Rücksicht auf Konzernzentrale und Investor gar keine Garantien abgeben. Derzeit versucht ja die Geschäftsführung den bereits gemeinsam mit dem Betriebsrat vereinbarten Sozialplan wieder zu unterlaufen, weil man dafür kein Geld mehr ausgeben will. Dennoch will man weiter Leute „abbauen“. Maresch: „Wir dürfen nicht denen, die gehen müssen, auch noch einen Tritt geben, indem sie nicht Leistungen aus einem Sozialplan erhalten.“ „Und über allem schwebt die Drohung der Geschäftsführung: Wenn ihr Mitarbeiter uns nicht entgegenkommt, gehen hier die Lichter aus“, fasst der IGBCE-Bezirksleiter die Lage zusammen.

Arbeitnehmervertreter zu sein, ist eben ein zunehmend schwieriger Job. Maresch kämpft weiter.