Würselen: Ein undankbarer Job: Als Politeur auf Parkscheinkontrolle

Würselen : Ein undankbarer Job: Als Politeur auf Parkscheinkontrolle

Sven Barth dreht seine Runde auf der Kaiserstraße in der Würselener Innenstadt. Der Politeur — ja so heißt die männliche „Ausgabe“ einer Politesse — überprüft, ob die Fahrzeuge korrekt abgestellt sind, also gültige Parkscheine oder Berechtigungsausweise unter der Windschutzscheibe auszumachen sind.

Eine „Brötchentasten-Regelung“, die es ermöglicht, bis zu 15 Minuten zu parken, ohne zahlen zu müssen, gibt es in Würselen nicht. Barth räumt säumigen Fahrern fairerweise noch die Chance ein, innerhalb von ein paar Minuten ihr Gefährt wegzufahren oder einen Parkschein an einem der Automaten zu ziehen. Deren Funktionstüchtigkeit überprüft der Mann vom Ordnungsamt auf seiner Tour.

Manche Fahrer kehren vom Kurzeinkauf noch rechtzeitig zurück, andere haben ihn entdeckt und eilen herbei, wenn er weitergeht, um das eigene Fehlverhalten zu korrigieren. Wie auch jetzt: Der Fahrer eines Sportwagens US-amerikanischer Provenienz löst schnell nach und spricht den Ordnungshüter auch darauf an.

Noch mal gut gegangen.Erst zeitversetzt, bei der zweiten Runde, zückt Barth sein Erfassungsgerät und gibt die relevanten Daten ein, um ein Knöllchen auszustellen. Wenn allerdings Geh- und Radwege zugeparkt werden, gibt es keine Schonfrist. In besonders krassen Fällen muss sogar der Abschleppdienst bemüht werden.

„Erzieherische Wirkung“

Im Regelfall wird bei Parkverstößen ein Ausdruck unter die Wischerblätter geklemmt, damit der Fahrer weiß, was er versäumt bzw. angestellt hat. Nach ein paar Tagen wird der Betroffene (es gilt grundsätzlich das Prinzip Halterhaftung) nach Weiterbearbeitung im Ordnungsamt von der Stadt Würselen angeschrieben und erhält einen Anhörungsbogen, um gegebenenfalls Widerspruch einlegen zu können. Oder aber er bezahlt sogleich, wie in den meisten Fällen.

Im vergangenen Jahr hat die Stadt Würselen durch Knöllchen exakt 359 258,96 Euro verbucht, wie Stadtsprecher Bernd Schaffrath sagt. „Es geht aber nicht darum, möglichst viel Geld für die Stadtkasse einzunehmen, sondern eine erzieherische Wirkung auszuüben, damit der zur Verfügung stehende Parkraum korrekt und fair bewirtschaftet und genutzt werden kann“, sagt Barth. „Wenn wir nicht wären, würden auf vielen Parkplätzen Fahrzeuge dauerhaft stehen und kaum Wechsel stattfinden. Dann wäre die Parksituation viel schlimmer.“

Die Diskussion um die vermeintliche Stellplatznot in der Würselener Innenstadt kann er nicht nachvollziehen, zumal auf dem Singergelände und von der Kaiserstraße aus erreichbar eine große Fläche eingerichtet wurde, um Ausgleich gerade während der Sanierung des Parkdecks am Morlaixplatz zu schaffen, wie er sagt. „Es gibt im Umfeld genügend freie Parkplätze, man muss bis zur Innenstadt nur wenige Minuten gehen.“

Der gelernte Physiotherapeut Barth arbeitet seit einem Jahr beim Ordnungsamt der Stadt Würselen. Von einer Kollegin wurde er vier Wochen lang in die neue Tätigkeit eingewiesen und in Rechtsfragen von einem Richter geschult. Vier weitere Kollegen vom Ordnungsamt überwachen in Würselen den ruhenden Verkehr, drehen in zwei Schichten von 7.30 bis 16 Uhr und 11.30 Uhr bis 20 Uhr wochentags ihre Runden durch die Innenstadt, aber auch in den Außenbezirken. Ebenso ist man samstagvormittags im Einsatz. Im Regelfall sind Politessen und Politeure allein unterwegs, nur am Abend bzw. bei Einbruch der Dunkelheit sind sie zu zweit, was dem Selbstschutz dient.

Erwischt Barth einen Autofahrer, der sich ohne einen gültigen Parkzettel am Automaten gezogen zu haben, entfernt, spricht er ihn an und weist ihn auf sein Fehlverhalten hin oder bittet ihn, den Wagen wegzusetzen, wenn der falsch geparkt ist. „Ich hatte noch nicht viele Auseinandersetzungen der negativen Art“, sagt er. Das mag daran liegen, dass er ein Mann ist, wenngleich seine Kolleginnen auch nicht auf den Mund gefallen sind und verbindlich aufzutreten wissen, wie er betont. Aber Begriffe wie „Zettelpuppe“ und „Arschloch“ seien auch schon mal gefallen — und wenn es im Weggehen war.

Leider gibt es unbelehrbare Wiederholungstäter. „Ich kenne meine Pappenheimer“, sagt der 31-Jährige. Da kommen schon mal in kurzer Zeit mehrere Knöllchen zusammen. Die Spannweite des Verwarngeldes reicht dabei von zehn Euro für „einfaches“ Falschparken bis zu 35 Euro für unberechtigtes Abstellen eines Fahrzeugs auf einem ausgewiesenen Behindertenparkplatz. Die gelbe Kralle zur Stilllegung eines Fahrzeugs bei notorischem Nichtbegleichen von Knöllchen kommt aber nur selten zum Einsatz, sagt Stadtsprecher Schaffrath.

Bis zu 16 Kilometer am Tag legt Barth zu Fuß zurück. Eine nicht zu unterschätzende körperliche Belastung bei Wind und Wetter. Hinzu kommt, dass Knochenbau, Sehnen und Muskulatur durch das Schlendern von Fahrzeug zu Fahrzeug stärker belastet werden als beim gleichmäßigen und zügigen Gehen. „Obwohl ich als Physiotherapeut mich fit zu halten weiß, habe auch ich anfangs Probleme gehabt. Mittlerweile hat mein Körper sich daran gewöhnt.“ Pressesprecher Schaffrath, der zugleich Personalchef der Würselener Verwaltung ist, führt auf diese Art der Belastung auch die recht hohe Fluktuation bei den Kollegen zurück, die den ruhenden Verkehr überwachen.

Auch positive Reaktionen

„Bei Starkregen oder wenn die Windschutzscheiben vereist sind, macht es keinen großen Sinn, unsere Parkzonen abzulaufen. Wir dürfen die Fahrzeuge nicht anfassen um die Scheiben frei zu kratzen oder zu -wischen“, sagt Barth.

Randalierende Parksünder darf er nicht festsetzen, kann nur die Kollegen des Ordnungsamtes oder direkt die Polizei per Diensthandy herbeirufen. Auch die Feststellung der Identität hat seine Grenzen. Es gibt aber auch positive Reaktionen auf seine Arbeit, etwa von Anwohnern, die sich darüber freuen, dass Barth dafür sorgt, dass die Straße nicht mehr zugeparkt wird. „Da gehen schon mal Leute vorbei, lächeln einem zu und heben den Daumen.“

Das Ordnungsamt geht auch Hinweisen aus der Bevölkerung nach, die sich aus Problemen durch gehäuftes Falschparken in Straßen ergeben. Stadtsprecher Schaffrath bestätigt, dass gemäß allgemeinem Trend auch in Würselen Anzeigen inklusive Fotos gegen Falschparker verstärkt per Mail oder via Website der Stadt eingehen. „Denen gehen wir genauso sorgfältig nach“, betont er.

Der Kontakt: Stadt Würselen, Fachdienst 3.2 Ordnung und Verkehr/Verkehrsangelegenheiten, 02405/67-246 oder https://serviceportal.wuerselen.de / Suche: „Knöllchen“.

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