Alsdorf: Ein „Nöhjjoohr” hat stets zwei Gesichter

Alsdorf : Ein „Nöhjjoohr” hat stets zwei Gesichter

Viel Radau zur Mitternacht - den wird es heute geben und den gab es schon vor vielen Jahren. Vor gut 50 Jahren wetteiferten zudem in den Silvesternächten die Tanzkapellen in den Gaststätten.

Und für den Morgen danach lag in Alsdorf vielerorts „d´r Nöhjjoohr” parat. Jenes ganz besondere Gebäck. Ein im regionalen Umfeld bekannter „Weckmann” mit zwei Gesichtern.

Damals war das Tanzorchester des Alsdorfers Hannes Esten eine der beliebtesten Kapellen. Bis zu zwölf Musiker bevölkerten die Bühne, wenn Hannes mit seinen „Rosen aus dem Süden” loslegte. Wenn dann um Mitternacht die Glocken aller Kirchen hell läuteten, fielen sich die Menschen in die Arme, wünschten einander ein glückliches neues Jahr. Feuerwerke wie heutzutage gab es damals allerdings noch nicht. Die Menschen liefen nicht auf die Straße, um das Spektakel am Himmel zu erleben - sie tanzten einfach weiter in das junge Jahr hinein.

Trinkgeld für die Briefträger

Dafür gab es vor Jahrzehnten viele heute kaum noch bekannte Neujahrsbräuche. Briefträger oder Paketzusteller kamen seinerzeit auch am Neujahrsmorgen mit Sendungen an die Haustüren und wünschten dabei „Prosit Neujahr”. Von den meisten Familien wurden sie mit einem Trinkgeld entlohnt. Auch das ist in heutiger Zeit kaum noch üblich. Die Männer der Müllabfuhr kamen am Silvestertag vorbei und wünschten Glück mit ihrem Spruch: „Bross Nöhjjoohr! De Dreckkar ess dooh!”

In späteren Jahren, als viele Zugezogene in Alsdorf wohnten, versuchte man sich mit diesem Spruch auf Hochdeutsch, wobei der Charme und der Reim verloren gingen: „Ich komme ein Prosit Neujahr von der Müllabfuhr wünschen.” Doch auch dafür gab es ein Trinkgeld. Sehr bekannt war früher in Alsdorf und Umgebung der große Weckmann mit den zwei Köpfen. Diese „Janusköpfe” stammen aus der römischen Mythologie, wobei der eine Kopf in die Vergangenheit schaut und der andere in die Zukunft. Im Volkssinn stand beim „Nöhjjoohr”-Gebäck der eine Kopf für den Anfang des neuen und der andere für das Ende des alten Jahres.

„D´r Kopp voll Hoor”

Am Neujahrsmorgen suchten die Kinder ihre Patenonkel auf, um ihnen ein gutes neues Jahr zu wünschen. Dazu lautete der Spruch: „Bross Nöhjjoohr, d´r Kopp voll Hoor, de Mull voll Zäng, d´r Nöhjjoohr en de Häng.” Dies bedeutete: ein gutes Neujahr, ein voller Haarschopf, gesunde Zähne - und den erwartungsvollen Hinweis auf den leckeren Weckmann. Und den bekamen die Kinder dann auch vom Paten in die Hand gedrückt.

So hat Papa es gemacht

Heute gibt es nur noch wenige Bäckereien, die diese Brauchtumswecken zum neuen Jahr backen. In Mariadorf erfreut man sich der schönen Gebäcke, die Bäckermeister Karl-Heinz Gielen in der Blumenrather Straße herstellt. „So hat es schon mein Vater gemacht”, sagt er. Und auch sein Sohn Ralf ist im Fertigen eines guten alten „Nöhjjoohrs” geübt.

Der besteht aus einem süßen Hefeteig, der nach dem Aufbacken mit ein wenig Zuckerwasser überpinselt wird. Der Brauch, seinen Patenonkel am Neujahrsmorgen aufzusuchen und mit einem Spruch den „Nöhjjoohr” zu erbitten, ist heute nicht mehr üblich. Viele Alsdorfer und Mariadorfer Kinder bekommen ihren Weckmann nun bereits einen Tag zuvor oder weit vor Neujahr. Doch schmecken - das tut ein echter „Nöhjjoohr” immer noch so gut wie vor vielen, vielen Jahren.

Ein Rezept für das süße Weck-Gebäck

Ein süßes „Nöhjjoohr” können die „Nachrichten”-Leser sich bereiten. Im Backofen nämlich. In den Teig des Weck-Gebäcks gehören folgende Zutaten: Weizenmehl Typ 405 (600 Gramm), 160 Milliliter Milch, 60 Gramm Zucker, 60 Gramm Butter, 50 Gramm Hefe, 10 Gramm Salz sowie zwei Eier.

Die Hefe wird zunächst in der lauwarmen Milch aufgelöst und anschließend mit den übrigen Zutaten vermischt. Den Teig in einer Schüssel gut durchkneten, bis er nicht mehr an den Händen klebt. Bei Bedarf noch ein wenig Mehl hinzugeben.

30 Minuten muss der Teig dann ruhen, bevor die Neujahrsfigur geformt werden kann: einen ovalen Bauch sollte sie haben und zwei Köpfe an den Seiten. Die Jahreszahl kann mit dem Finger in den Bauch „eingraviert” werden. Anschließend sollte der Teig weitere 40 bis 50 Minuten abgedeckt ruhen.

Im vorgeheizten Backofen (180 Grad Celsius) wird der mit dem Ei bestrichene „Nöhjjoohr” zum Schluss für etwa 50 Minuten fertig gebacken.

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