Herzogenrath: Dringender Appell: Wurmtal abbinden

Herzogenrath : Dringender Appell: Wurmtal abbinden

„Wir verstehen ja, dass die Straße gebaut werden muss“, sagt Peter Sieben. Dann blicken er und seine Frau Elisabeth von ihrer liebevoll gestalteten Terrasse aus über den Vorgarten hinweg: Nur wenige Meter von ihrem Kaffeetisch entfernt soll sie dereinst verlaufen, die Markttangente, „die ja schon seit rund 40 Jahren im Gespräch ist“, wie Sieben darlegt.

Er selbst wohnt seit 71 Jahren in dem seither mehrfach ausgebauten Haus und ist mit seiner Familie in absehbarer Zeit der wohl unmittelbarste Anlieger der neuen Trasse. So diese denn realisiert wird.

Quer über den Sportplatz am Langenberg (Bild oben) soll die Markttangente einmal verlaufen. Jenseits des Platzes ganz rechts steht das Haus von Elisabeth und Peter Sieben (Bild unten). Kommt die Trasse, sind sie die unmittelbarsten Anlieger. Foto: Beatrix Oprée

Infoveranstaltung am 10. Oktober

Der Offenlage-Beschluss für den Bebauungsplan Langenberg steht in einer Sondersitzung des Umwelt- und Planungsausschusses respektive des unmittelbar folgenden Stadtrats am Donnerstag, 6. September, 17 bzw. 18 Uhr, im großen Sitzungssaal des Rathauses an. Vom 17. September bis 16. Oktober ist dann die Offenlagefrist vorgesehen, in der sich die Bürger im Zuge des Planverfahrens noch einmal zu dem Vorhaben äußern können. „Das Ziel ist, bis November Planungsrecht zu haben“, erläutert der Technische Beigeordnete Ragnar Migenda im Gespräch mit unserer Zeitung. „Davor aber stellen wir uns noch einmal allen Fragen aus der Bürgerschaft“, kündigt er für Mittwoch, 10. Oktober, 19.30 Uhr, Aula Kircheich- oder Pestalozzistraße, eine zusätzliche Infoveranstaltung der Stadt an. „Rein auf freiwilliger Basis“, um den Bürgern Gelegenheit zu geben, sich parallel zur Offenlage zu dem Vorhaben zu äußern.

Migenda verweist auf ein enges Zeitfenster, denn der Fördertopf, der für die Straßenbaumaßnahme in Anspruch genommen werden soll, sei schon stark überzeichnet, „und wenn wir für 2019 nicht berücksichtigt werden, haben wir ein Problem.“ Will heißen: Wenn Anfang November nicht alle Grundstücke sicher sind oder noch kein Baurecht besteht, „ist das Projekt tot“, sagt Migenda. Und dann herrsche Stillstand, „und zwar auch am Markt“.

Noch, so der Technische Beigeordnete weiter, herrsche überdies keine Klarheit darüber, ob am Langenberg wieder ein Nahversorger angesiedelt werde, „wenn, dann höchstens in der Größenordnung von maximal 2000 Quadratmetern“. De facto gebe es aber noch keinen Investor, sei der bisherige Interessent mit der Maßgabe „ohne Engagement am Markt auch keines am Langenberg“ nicht weitergekommen. Migenda weist zudem darauf hin, dass der Erfolg des Förderantrags für die Tangente ursächlich zusammenhänge mit einem weiteren Förderantrag, nämlich für den Um- und Ausbau der Sportanlage Oststraße zum Begegnungszentrum. „Dieses Geld gibt es aber nur, wenn die Tangente gebaut wird und deswegen der Sportplatz am Langenberg wegfällt“, gibt Migenda zu bedenken.

Der Sportplatz, neben dem Peter Sieben groß geworden ist, neben dem er immer gelebt hat.

Flämmchen auf dem Sportplatz

Viel hat er im Laufe der Jahre dort erlebt, etwa, wie in den Ruinen der abgebrannten einstigen Möbelfabrik in der Nachbarschaft ein Zirkus sein Winterquartier bezog. Wie damals der Elefant starb und abtransportiert werden musste. Und wie die Affen ausbrachen und auf den Häusern und in den Kellern herumturnten. „Zwei Tage hat es gebraucht, bis alle wieder eingefangen waren“, muss Sieben heute noch lachen.

Dann erzählt er, wie er als Kind mit dem Schlitten den Berg ins Wurmtal runtergerutscht ist, „bis zum Kohlebrand“, da, wo der Abraum aus der Grube verkippt worden war und offenbar noch immer glühte unter der Erde, so dass es oben drüber dampfte und der Schnee schmolz. Im Laufe der Jahre habe der Kohlebrand sich den Berg hinauf gefressen und sei schließlich unterhalb des Sportplatzes angekommen. Sieben erinnert sich, wie an eisigen Winterabenden blaue Flämmchen auf der Fläche zu beobachten gewesen seien. Anfang der 60er Jahre muss das gewesen sein.

Dann habe es plötzlich Verwerfungen auf dem Platz gegeben, „teils einen Meter tief“. Füllmaterial war offenbar unterirdisch verkohlt, was zu erheblicher Hohlraumbildung führte und den Platz unbespielbar machte. „Die Feuerwehr hat seinerzeit monatelang Wasser hineingepumpt“, erzählt Sieben. Schließlich sei dann eine Lehmbarriere eingebaut worden, „und dann war Ruhe“. Der Platz wurde eingeebnet und mit roter Asche bedeckt, „so ist er bis heute geblieben“. Allerdings, so gibt Sieben mit Blick auf die Baupläne zu bedenken: „Der Untergrund dürfte nicht ohne sein!“ Bislang, so betont er auch, „fühlen wir uns von Verwaltung und Politik fair behandelt.“ Aber: „Für uns ist wichtig, dass das Wurmtal abgeriegelt wird. Wir wollen, dass die Puetgasse definitiv zu ist, mit einem Poller für den Landwirt, der ja zu seinen Wiesen muss.“

Nicht nur Sieben befürchtet eine erhebliche Ausweitung des Schleichverkehrs von Bardenberg her: Auf der anderen Seite des Wurmtals hat sich eine Bürgerinitiative in Position gebracht. Ein Supermarkt am Langenberg, so die Befürchtung, würde diese Verkehre befeuern. Bestandteil des zu beschließenden Bebauungsplans II/66 Langenberg ist der dort in Rede stehende Nahversorger allerdings nicht mehr. „Weil die erforderlichen planungsrechtlichen Festsetzungen in diesem Bereich noch nicht ausreichend bestimmbar sind“, sagt Migenda auf Nachfrage. Und betont: „Die Verwaltung möchte dieses Gebiet in einem eigenständigen Bebauungsplan fortführen.“

Dabei sei durchaus vorgesehen, „hier mit der Bürgerschaft und der Politik in einem intensiven Dialog weiter zu arbeiten“. Und: „Es ist der Verwaltung allerdings besonders wichtig, vor dem Areal Langenberg den wichtigeren Bereich um den Markt weiter zu planen. Dazu wurden bis zuletzt wichtige Gespräche mit Investoren und Eigentümern geführt, die noch einmal intensiviert werden sollen, um nun eine abschließende Lösung herbeizuführen“, sagt Migenda. Die Verwaltung denke dabei unter anderem an einen Workshop „mit den wesentlichen Akteuren“. Unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung von Markt und Südstraße aber sei die verkehrliche Entlastung durch die Markttangente.