Würselen: Die Würselener Flüchtlingsbetreuer wissen, was es heißt, fremd zu sein

Würselen : Die Würselener Flüchtlingsbetreuer wissen, was es heißt, fremd zu sein

Die stärkste Gruppe unter den rund 350 der Stadt Würselen zugewiesenen Flüchtlingen bilden die Afghanen. Und um diese Gruppe sorgen sich die beiden Sozialbetreuer Zahra Siapoureh und Cagdas Türkyilmaz besonders. Grund für die Sorge seien Ängste unter den Afghanen, wieder in ihrer von Terror erschütterte Heimat abgeschoben zu werden, je nachdem, aus welcher Region sie stammen.

Auch viele Iraker und Syrer leben in Würselen, wobei letztere größtenteils bereits vom Jobcenter betreut werden, da sie am ehesten und schnellsten anerkannt werden, wie beide im Gespräch mit unserer Zeitung erzählen.

Im November 2016 hatte die Stadt auf der Höhe des Flüchtlingszustroms drei Sozialbetreuer eingestellt. Eine Kollegin ist derzeit aus familiären Gründen nicht im Dienst. Siahpoureh und Türkyilmaz sind in der Lage, dank ihrer Sprachkenntnisse einen guten Zugang zu vielen der Asylbewerber zu bekommen und so die Kollegen zu unterstützen, die für die Gewährung von Leistungen und für die Verwaltung der Unterkünfte bzw. Wohnungen zuständig sind, wie die Teamleiterin Soziales in der Stadtverwaltung Würselen, Jutta Wittke, hervorhebt.

Hinzu kommt noch eine besonders große Motivation aufgrund ihres Migrationshintergrunds, wie beide sagen. Zahra Siahoureh stammt aus dem Iran. Sie kam nach Aachen, um Elektrotechnik zu studieren. Nach dem Abschluss arbeitete sie in diesem Bereich einige Jahre. Dann öffnete sich Deutschland vielen Flüchtlingen. Das ließ sie nicht kalt, da wollte sie unbedingt mithelfen, sagt sie. Sie fing als Ehrenamtlerin an, arbeitete beim DRK, das die Flüchtlingsunterkunft in der ehemaligen Albert-Schweitzer-Schule, Helleter Feldchen, betrieb.

Dabei waren nicht nur ihre Einfühlsamkeit, sondern auch ihre Sprachkenntnisse von großem Wert. „Ich habe oft Tag und Nacht dort verbracht und mich besonders um die Frauen gekümmert.“ Viele unter ihnen seien krank gewesen und hätten medizinisch betreut werden müssen. Sie half, Verständigungsprobleme zwischen Patientinnen und medizinischem Personal zu überwinden.

Schließlich waren Beruf und Ehrenamt nicht mehr zu vereinbaren, sagt Siahpoureh, die in Bardenberg lebt. Sie gab ihren Beruf auf und nahm eine Teilzeitstelle beim DRK an. Und als die Stadt Würselen Sozialbetreuer suchte, zögerte die heute 57-Jährige nicht lange.

Cadgas Türkyilmaz wurde in Würselen geboren, ging zunächst zur Hauptschule, besuchte das Euregio-Kolleg, studierte Gesellschaftswissenschaften. Beim VfR Würselen spielte er in der Jugend. Dort und in seinem Umfeld bekam er erste Kontakte zu Flüchtlingen, die der Krieg in Jugoslawien nach Deutschland brachte, wie der heute 35-Jährige erzählt. Er hatte sich gerade für den Master angemeldet, als er von der Stellenausschreibung der Stadt Würselen erfuhr — und auch er griff sogleich zu.

Er spricht Türkisch und Kurdisch, ist also ebenfalls für Teamleiterin Wittke besonders wichtig. „Bei der Stellenausschreibung hatten wir Wert darauf gelegt, Mitarbeiter zu finden, die bereits mit diesem Aufgabenfeld vertraut sind“, sagt Wittke. „Wir sind sehr froh, die beiden eingestellt zu haben. Heute ist es fast unmöglich geworden, noch entsprechend geeignetes und motiviertes Personal zu finden.“ Und die beiden Sozialbetreuer bedanken sich ihrerseits ausdrücklich für den Vertrauensbeweis der Stadt.

Sie gehen in ihrer Arbeit auf, wie nicht nur bei einem Vortrag im Ausschuss für Soziales, Sport und Kultur deutlich wurde, sondern auch im direkten Gespräch. Sie freuen sich über die kollegiale Zusammenarbeit mit Verwaltungskollegen und heben die Arbeit des Vereins Förderkreis Asyl Würselen hervor. Auch aus Reihen der Bevölkerung würden sie immer wieder viel Unterstützung erfahren, was angesichts der aktuellen Debatte um Flüchtlinge keinesfalls eine Selbstverständlichkeit sei.

Es gibt Rückschläge

Siahpoureh und Türkyilmaz sowie andere müssen immer wieder Asylbewerber im wahrsten Sinn des Wortes an die Hand nehmen und in die Pflichten, aber auch Rechte eines für sie bislang nicht bekannten Lebens einführen. Mit dem Vermitteln einer Wohnung ist es nicht getan, der Alltag will bewältigt, die Anerkennung erwirkt und die Integration vorangetrieben sein.

Immer wieder gibt es Rückschläge, weil die Bearbeitungszeiten zu lang sind. Nun haben sie das Projekt „Demokratie leben“ in einer Flüchtlingsunterkunft gestartet. Dabei geht es um Selbstverwaltung. Es bleibt viel zu tun.