Die Region vor 50 Jahren: ein Blick ins Zeitungsarchiv

Vor 50 Jahren: ein Blick ins Zeitungsarchiv : Im Boden Kohle, im Kino Mumpitz

Der Blick in die Aachener Volkszeitung und die Alsdorfer Zeitung von August 1969 ist mal aufschlussreich, mitunter erschreckend, oft kurios.

Früher war alles besser? Die Behauptung wird wahrscheinlich ähnlich häufig aufgestellt wie ihr widersprochen wird. Aber ist sie wahr? Psychologisch dürfte eine Rolle spielen, dass der Mensch mit wachsendem Abstand zur eigenen Jugend dazu neigt, das Schlechte verblassen zu lassen, wohingegen das Schöne rückwirkend in besonders schillernden Farben erscheint.

Zeitungsarchive sind deshalb so interessant, weil ein Teil unserer Welt dort genauso konserviert wird, wie sie den Menschen erklärt wurde, als die jeweilige Zeitungsausgabe noch in druckfrischem Zustand war. Dass sie nicht allzu schillernd daher kommt, gewährleistet schon der damals (und noch auf Jahrzehnte) übliche Schwarzweiß-Druck. Und was den Inhalt betrifft, wird unsere Redaktion ab sofort in unregelmäßigen Abständen 50 Jahre zurückblättern und besonders schöne, kuriose, aufschlussreiche Fundstücke im Rahmen einer Serie vorstellen. Weniger um der letztlich müßigen Frage auf den Grund zu gehen, ob es wirklich besser war, dieses ominöse „Früher“. Sondern um daran zu erinnern, was die Menschen damals bewegte. Wenn dennoch die vorsichtige Einschätzung eines Nachgeborenen gestattet ist: Besser war früher eher nicht so viel, manches war eindeutig schlechter, die Welt als solche aber womöglich etwas einfacher und übersichtlicher.

Viele Berichte aus Alsdorfer Zeitung und Aachener Volkszeitung vom August 1969 atmen den Geist des ausgehenden „Wirtschaftswunders“, doch auch der Strukturwandel im Wurmrevier kündigt sich hier und da bereits an. Ein großes Thema war 1969 natürlich das Ende der Zeche Gouley in Würselen. Die AVZ verkündete, dass die Stadt eine Aachener Lederfabrik zum Übersiedeln habe bewegen können, als „erster Industriebetrieb nach Gouley“.

Auch in Herzogenrath mühte man sich, „weitere Industrie in die Stadt zu holen“ und durch den Bergbau beschädigte Häuser durch neue, höhere zu ersetzen. In gesellschaftlicher Hinsicht maßen die Redaktionen den 50. Jubiläen des Tennisclubs Rot-Weiß Alsdorf und der Teutonia Weiden sowie den Reitertagen am Teuterhof, die laut AVZ-Einschätzung „längst den Rahmen des Ländlichen gesprengt“ hatten, große Bedeutung bei. In Würselen machte man sich Gedanken darum, wie man den Stadtwald aufwerten könnte – und traf sich zum ersten Spatenstich für ein neues Forsthaus. Nachhaltig war der Eindruck, den ein verheerendes Unwetter hinterließ, das in der Nacht vom 19. auf den 20. August über die Region fegte.

Schon 1969 konnte man sich nicht gänzlich risikofrei auf den Straßen der Region bewegen. Das dokumentiert etwa die AVZ vom 5. August. Eine Frau wurde in Eschweiler-Luchem mit 30 Messerstichen niedergestreckt, eine „Spanierin aus Stolberg“ ebenda von einem Handtaschenräuber gewürgt und verprügelt, ein junger Mann auf Sauftour in Aachen krankenhausreif geschlagen und ausgeraubt. All das findet sich in einer einzigen Ausgabe. Platz für eine kriminelle Petitesse fanden die Metteure dennoch. Unter der preisverdächtigen Überschrift „Bratwurst-Bestellung war nur ein Vorwand“ wurde über zwei Zechpreller berichtet, die eine Imbissstube in der Broicher Straße mit je einem halben Hähnchen verließen, ohne zu bezahlen. Um den Wirt abzulenken, hatten sie zuvor noch eine Bratwurst in Auftrag gegeben. So raffiniert das klingen mag: der Plan scheiterte. Wer die Bratwurst aß, ist nicht überliefert.

Ganz sicher nicht besser als heute, und da möchte die Redaktion sich festlegen, war im August 1969 das Kinoprogramm. Die Alsdorfer Zeitung, die einmal wöchentlich erschien, breitete in jeder Ausgabe die cineastischen Höhepunkte der kommenden Tage aus. Das Gloria buhlte mit tendenziell eher schmuddeligem Programm um die Gunst des Publikums und pries Werke wie „Zieh Dich aus, Puppe“ an. Der Streifen „Strandgut der Erotik“ war alldieweil nicht ganz so schmissig betitelt, versprach dafür aber, „bis an die Grenzen des Darstellbaren“ zu gehen, was auch immer das heißen sollte. Wer lieber „Nackt unter Affen“ genießen wollte, einen Film, der sich dem brisanten Thema „Menschenaffen auf der Jagd nach weißen Frauen“ widmete, war indes im Atrium richtig. Als Kinogänger des Jahres 2019 blickt man der drölfzigsten Marvel-Comic-Verfilmung da doch gleich viel aufgeschlossener entgegen.

Ebenfalls grauenvoll, allerdings überhaupt nicht witzig, war, was sich im Straßenverkehr abspielte. Die Polizei hatte in jenem August ihre Unfallstatistik veröffentlicht, allein in Alsdorf, damals noch deutlich kleiner als heute, waren acht Menschen gestorben. Zum Vergleich: Im gesamten heutigen Nordkreis waren es 2018 vier. 1969 setzte sich die Erkenntnis, dass das Auto eine tödliche Gefahr darstellen kann, offenbar erst so langsam durch. Tief blicken lässt ein Artikel aus der AVZ, in dem den Lesern nahegelegt wird, in der Dämmerung auf unbeleuchteter Straße das Abblendlicht einzuschalten statt nur das Standlicht.

Ein fleißiger Anzeigenkunde war im August 1969 die CDU. Die Bundestagswahlen standen ja bevor. In Alsdorfer Zeitung wie Aachener Volkszeitung warb Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger Ausgabe für Ausgabe mit großformatigen Anzeigen. „Wer Reform sagt und Anarchie meint, der stößt auf unseren entschlossenen Widerstand“, erklärte Kanzler Kiesinger, was natürlich auf die Studentenbewegung gemünzt war, und versprach, Deutschland „sicher in die 70er Jahre“ zu führen.

Der Rest ist Geschichte: Kiesinger musste das Kanzleramt räumen, Willy Brandt zog ein. Die SPD hatte vergleichsweise wenige Anzeigen geschaltet und im Rahmen ihrer Kampagne Anhänger vorgestellt. Ein gewisse Frau Wirtz aus Alsdorf etwa gab sich als SPD-Wählerin zu erkennen. Sie halte „sehr viel“ von Gleichberechtigung und glaube, dass die SPD „die richtigen Männer und die richtigen Frauen“ habe, ließ sie wissen. Abgelichtet hatte man Frau Wirtz mit Kochschürze vor einem Küchenzeilenpanorama.

Aus heutiger Sicht regelrecht haarsträubend ist das Artikelchen „Einwegteller ersparen Spülen im Haushalt“, in dem die Vorzüge von Tellern aus „hauchdünnem Polystyrol“, also Kunststoff, erläutert werden. Am besten nutze man stets „10 bis 15 übereinander“, um „die Stärke eines normalen Tellers zu erreichen“, so der redaktionelle Hinweis. Doch, das steht da wirklich.

Deutsche essen „sehr, sehr schnell“

Nett zu lesen ist, was französische Gastschüler aus St. Brieuc in der Bretagne an Eindrücken über Alsdorf Schwarz auf Weiß in der Zeitung hinterließen. „Der Teil der Stadt, wo die Bergwerke sind, ist sehr schmutzig“, schrieben zwei junge Menschen namens Morgane und Sylvie in aller Offenheit, lobten aber das umfangreiche Freizeitangebot und bestaunten die „breite und offene Autobahn“, auf der sie hergekommen waren. Christiane, Danielle, Christian, Anniek und Dominique indes widmeten sich in einem kurzen Aufsatz den Essgewohnheiten ihrer Gastgeber. „Wenn die Deutschen essen, trinken sie nicht. Nur nach der Mahlzeit. Sie essen sehr, sehr schnell.“ Alsdorf und St. Brieuc sollten im folgenden Jahr ihre Städtepartnerschaft besiegeln.

Im Zeichen der Aussöhnung stand im August auch ein Besuch der Fußballmannschaft Hapoel Haifa, die in Alsdorf gegen eine Mittelrhein-Auswahl spielte. Nach dem Spiel gab es einen Empfang im Waldrestaurant Gandelheid mit Bürgermeister Anton Schleibach. Krieg und Völkermord, kaum 25 Jahre her, fanden mit keiner Silbe Erwähnung, jedenfalls nicht soweit es sich dem AVZ-Bericht entnehmen lässt. Das Ergebnis indes ist überliefert: Die Israelis gewannen 4:0.

Verblüffend aktuell liest sich ein Bericht aus dem überregionalen Teil der AVZ mit der Überschrift „Attacken gegen Benzinmotor“. Geschildert werden Bemühungen, Benziner aus den US-amerikanischen Großstädten zu verdrängen und durch elektrisch angetriebene Fahrzeuge zu setzen. „Automobilhersteller und Mineralölfirmen wehren sich energisch“, erklärte der Autor. Da die Diskussion auch heute, ein halbes Jahrhundert später, wieder geführt wird, lässt sich sagen: Sie wehrten sich mit Erfolg.