Die Lokalzeitungen vor 50 Jahren: verkohlter Kuchen und Wahlkampfgetöse

Die Lokalzeitungen vor 50 Jahren : Verkohlter Kuchen und Wahlkampfgetöse

Das Duell Willy Brandt gegen Kurt Georg Kiesinger war im September 1969 das beherrschende Thema in Alsdorfer Zeitung und AVZ. Zweiter Teil unserer Serie „Zurückgeblättert“.

Vermutlich hat noch kein Fleischer in eine Wurst gebissen, ohne dabei im Geiste die Arbeit seines Kollegen en Detail zu beurteilen. Ebenso kann ein Produktdesigner vermutlich kaum etwas kaufen, ohne sich zu überlegen, wie man den Gegenstand schöner, besser, praktikabler hätte gestalten können. Und als Zeitungsredakteur? Da bieten alte Zeitungen nicht einfach die Möglichkeit zum Stöbern in vergangenen Zeiten, nein, im Hinterkopf läuft parallel eine Blattkritik ab, und komme sie auch 50 Jahre verspätet.

Da ist jedenfalls so ein Text, der im September 1969 in der Alsdorfer Zeitung erschien und im Rückblick Fragen aufwirft. Die Überschrift lautet „Kuchen backen – kein Problem“, und die Unterzeile „Warum soll ein Mann das nicht auch können?“ Es geht um ein fiktives Paar namens Do und Jerry, das am Nachmittag Besuch von einer gewissen Frau Direktor Meyeling erwartet. Weil Do noch zum Friseur muss, erklärt sich Jerry bereit, den Kuchen zu backen, obwohl er ja ein Mann ist (Jerry: „Dem Ofen ist es egal, wer mit ihm backt!“).

Der Kuchen brennt allerdings an, und Jerry versucht, Do mit einem gekauften Kuchen zu betuppen, den er zu Hause in den Backofen stellt. Der Schwindel fliegt auf, denn in dem Kuchen sind Rosinen, und als gute Hausfrau weiß Do, dass solche gar nicht im Haus waren. Mit dieser recht hühnerbrüstigen Pointe endet der ohne jeden erkennbaren Grund abgedruckte Text. Vielleicht waren die Freiheiten beim Füllen einer Zeitungsseite vor 50 Jahren ganz einfach andere als heute.

Es gab für Alsdorfer Zeitung und Aachener Volkszeitung damals aber auch Relevantes zu berichten. Würselen bereitete sich auf seine 1100-Jahr-Feier vor. Alsdorf fieberte dem „Großen Preis der Bergbaustadt“ entgegen, einem Fahrradrennen. Im Atrium lief Disneys „20.000 Meilen unter dem Meer“ an und im Gloria „Ein Herz geht auf Reisen“ mit Heintje. Ford bewarb den allerersten Capri, und „die Mercury“ wurde als „neue, attraktive Zigarette“ vorgestellt.

Die Alsdorfer Burg wurde saniert. Die Straßenbaufirma Reuber stiftete dem Tierpark eine ausrangierte Dampfwalze als Attraktion für Kinder. In Broichweiden – hier wiederholt sich die Geschichte dieser Tage – wirkte man ambitioniert auf den Bau einer Sporthalle hin. Und der Bund der Steuerzahler gurkte mit einer schrottreifen Karre über die Lande und forderte die Abschaffung der Gewerbesteuer – vergeblich, wie jeder Geschäftsmann bestätigen kann.

Natürlich verging der Monat nicht ohne Unglücke. Bizarr wirkt aus heutiger Sicht ein Unfall in der Eifel, wo ein 28 Jahre junger Fahrer mit seinem Auto unter einen belgischen Panzer geriet, der unterwegs nach Vogelsang war. Die 20-jährige Beifahrerin starb auf der Stelle. „Von den Panzerketten zermalmt“ lautete die Überschrift, die man womöglich auch taktvoller hätte hinbekommen können.

Glimpflich endete ein Brand in der Gaststätte „Burghof“ am Alsdorfer Markt, die Feuerwehr rettete den Wirt. Glück im Unglück hatten auch die Bewohner eines Hauses in der Alfonsstraße in Aachen, als drei von ihnen zusammen mit ihrem Balkon abstürzten, aber mit Verletzungen davonkamen. „Nach Aussagen von Hausbewohnern stand bei schönem Wetter ein Kinderwagen mit einem Baby unter dem Balkon“, hatte ein Redakteur herausgefunden. Glücklicherweise war das Wetter an jenem Tage offenbar nicht schön genug gewesen.

Über allem dröhnte im September 1969 der Wahlkampf. Am Ende des Monats standen ja die Bundestagswahlen an, und dementsprechend gab sich auch in unserer Region die Polit-Prominenz die Klinke in die Hand. Bundesarbeitsminister Hans Katzer besuchte die EBV-Kokerei in Alsdorf und versprach eine bessere Kriegsopferversorgung. Kanzler Kiesinger besuchte Erkelenz und staubte eine Flasche Edelkorn bei Bürgermeister Stein ab.

Und Bundestagspräsident Kai-Uwe von Hassel wurde nach einem Besuch in Alsdorf von der Lokalredaktion regelrecht abgefeiert: „Rund 45 Minuten lang zu sprechen und in diese Zeit einen ganzen Katalog von Leistungen aus der Vergangenheit oder Aufgaben der Zukunft zu packen, dafür bedarf es schon eines Politikers von Format.“ Auch die heutige Lokalredaktion liebt politische Reden abgöttisch und spielt sogar Schere, Stein, Papier, um sich zu einigen, wer sie sich anhören muss, pardon: anhören darf.

1969 sorgte man sich darum, dass die NPD in den Bundestag einziehen könnte. Das dürfe „keine neue Nazipartei“ schaffen, forderten die Politiker der demokratischen Parteien einhellig. Die CDU versicherte zudem gebetsmühlenartig, dass sie niemals eine Koalition mit der NPD eingehen würde – all das erinnert frappierend an die heutige Debatte um die AfD, bloß dass die schon ins Parlament eingezogen ist (woran die NPD 1969 scheitern sollte). Nur Franz-Josef Strauß, seinerzeit höchst lebendiger Rechtsausleger der CSU, bereitete ein „Linksruck“ größere Sorge als Rechtsradikale.

„Ein Wechsel würde alles zerstören“

Das zentrale Duell um die Kanzlerschaft lautete: Herausforderer Willy Brandt gegen Amtsinhaber Kurt Georg Kiesinger. Dass die Sympathien der seinerzeit stramm konservativen AVZ bei Kiesinger lagen, vermag nicht zu überraschen, gewöhnungsbedürftig ist aus heutiger Sicht, dass man es mit der Neutralität nicht so genau nahm. „Kiesinger ist eine großartige Führungskraft“, war zum Beispiel ein Bericht überschrieben. Ähnlich das Bild im überregionalen Teil: Auf gefühlt jeder zweiten Titelseite fand sich eine fette Überschrift, die mit „Kiesinger“ begann. „Kiesinger: ‚Ein Wechsel würde alles zerstören‘“, zum Beispiel.

Und nach der Wahl? „Union blieb die stärkste Partei“, lautete die Schlagzeile. Kiesinger hatte bekanntlich trotzdem verloren, auch wenn das zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz klar war. Brandt bekam seine rot-gelbes Kabinett, wurde Kanzler und schaffte es nachweislich doch, nicht alles zu zerstören.

Eine ganz andere Frage ist nun, wie der Verfasser den letzten Rest an Weißraum in diesem Artikel zuschreiben könnte. Kennen Sie eigentlich schon Do und Jerry? Do musste eines Tages zur Nagelpflege und hatte deshalb keine Zeit, die Wäsche zu bügeln. Also sagte Jerry...

Okay, war nur’n Scherz.

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