Der Wille zur Veränderung wird bei Bürgern deutlich größer

Anfrage-Ansturm auf Photovoltaik : Das Klima kippt zugunsten des Klimas

Gerhard Weiß ist ein erfahrener Energieberater der Verbraucherzentrale NRW in Alsdorf. Was derzeit in Sachen Beratung gerade für Photovoltaik- anlagen abgeht, ist auch für ihn bemerkenswert. „Gegenüber dem Vorjahr hat sich der Beratungsbedarf glatt verfünffacht.“

Auch die „normale“ Beratungstätigkeit in Sachen Dämmung und Heizung ist merklich angezogen. „Das Klima in der Bevölkerung hat sich deutlich geändert“, stellt er fest. Das hat offenbar direkt mit der Diskussion um Erderwärmung und Klimawandel zu tun, sagt er. Weiß führt das konkret auf die Wirkung der Bewegung „Fridays for Future“, aber auch auf das Programm der Bundesregierung für mehr Klimaschutz zurück.

Modalitäten noch nicht klar

„Es waren bereits Interessierte da, die wissen wollten, wie man denn an die Abwrackprämie für Ölheizungen kommt. Dabei sind die Ausführungsmodalitäten noch nicht klar.“ Hier sei es wichtig, schnell für Klarheit zu sorgen. Denn Unsicherheiten würden dann doch wieder zur Zurückhaltung bei der Umsetzung von Veränderungsplänen sorgen, weil der Verbraucher ja nie wisse, ob es nicht noch Förderprogramme gibt, lautet sein Appell an die Politik.

Im Gespräch sei die Einführung einer Verpflichtung zur Energieberatung beim Besitzerwechsel von Häusern und bei größeren Veränderungen im Bestand. Auch hier müsse flott Klarheit geschaffen werden. Und wer soll das kontrollieren? Die Verpflichtung zum Vorlegen eines Energieausweises für Häuser bei Verkauf habe leider nicht dazu geführt, dass dies auch konsequent befolgt wird, trotz drohender Bußgelder, nennt Weiß als Beispiel, aus dem man lernen sollte.

Durch die Gespräche mit Ratsuchenden in Sachen Energie weiß er, dass die Schwelle zur Veränderung bei Heizungen deutlich niedriger geworden ist. Früher sei es vornehmlich darum gegangen, durch höhere Energieeffizienz Geld zu sparen. „Jetzt sind die Leute zufrieden, wenn das plus minus null ausgeht. Oder sie wollen angesichts des Klimawandels einfach etwas dagegen machen, auch wenn es etwas teurer werden sollte.“ Jeder könne zunehmend in seinem näheren Umfeld erfahren, was Klimawandel mit sich bringt, sei es große und lang anhaltende Trockenheit wie im vergangenen Jahr oder etwa ein Tornado in Roetgen. Das trage zum Umdenken bei. Den Run auf Photovoltaikanlagen sieht er auch unter psychologischen Aspekten. Wer die auf dem Dach hat, signalisiert deutlich sichtbar für jeden, dass er etwas gegen den Klimawandel tut. Der Durchbruch für die E-Mobilität sei noch nicht gekommen, so Weiß. Es fehlten noch erschwingliche Fahrzeuge, bevor die Photovoltaikanlage die eigene E-Tanke aus der Steckdose speisen kann.

Auch Hans-Willi Grümmer bekommt die Auswirkungen der hitzigen Debatte um die Klimaveränderungen und der Fridays for Future-Bewegung hautnah zu spüren. Nicht, dass er wegen seiner persönlichen Energiebilanz „gegrillt“ wird oder ihm wegen Ressourcenverschwendung der Marsch von jungen Leuten geblasen wird – ganz im Gegenteil. Grümmer ist zunehmend gefragt und hat buchstäblich alle Hände und Füße voll zu tun. Und seine Mitbewerber auch, wie er betont. Er ist Inhaber der Euregio-Solarzentrum GmbH in Alsdorf. Entstanden ist die Firma aus der „Erneuerbare-Energien-Bewegung“ der Umweltverbände, Grümmer selber ist passionierter Grüner. Das wirkt sich natürlich auch auf die von ihm präferierte Energiegewinnung aus, erneuerbare soll es sein. Genau das, was jetzt mehr denn je in der öffentlichen Debatte angesagt ist.

Der Solarteur arbeitete bereits Jahre vorher in Vereinen und Verbänden an der Verbreitung der Vision der solaren Zukunft aktiv mit. Seinen Firmensitz gegenüber dem Alsdorfer Erlebnismuseum Energeticon nutzt er für Gesprächsrunden in Sachen Energie, gerade junge Leute sind bei ihm willkommen, was so manche Schulklasse bereits genutzt hat. „Inzwischen sind durchs Euregio-Solarzentrum weit über 1000 Solaranlagen auf die Dächer gebracht worden. Aneinandergereiht ergibt dies eine Kollektor- und Modulfläche von mehreren Fußballfeldern“, sagt er. Und es werden noch einige hinzukommen.

„Viele Menschen, die sich schon länger mit dem Thema erneuerbare Energien im privaten Bereich befasst haben, aber angesichts der damit auch verbundenen Kosten nicht den entscheidenden Schritt zur Veränderung getan haben, sind offenbar jetzt dazu bereit“, hat er festgestellt.

Nicht bloß ein Trend

„Das ist kein vorübergehender Trend, das Thema Energie bleibt“, sagt Christoph Hesse, Vertriebsleiter der EWV Energie- und Wasser-Versorgung GmbH mit Sitz in Stolberg. „Wir merken das“, verweist er auf deutlich mehr Anfragen. Die Nachfrage nach Ökostrom haben sich gegenüber dem Vorjahr verdreifacht. Stichwort Ölheizung: Hier gibt es für das vom Unternehmen aufgelegte Förderprogramm für Öltankentsorgung 50 Prozent mehr Anfragen und Förderanträge gegenüber 2018. Auch das Förderprogramm zum Umstieg auf Gas wird um 20 Prozent mehr genutzt. Befördert werde dies aber auch durch den stark volatierenden (schwankenden) Ölpreis.

Und der Druck gerade junger Leute? „Wir haben nicht gerade die Sechsjährigen vor der Türe stehen, die mit uns diskutieren wollen, aber als EWV-Mitarbeiter werden wir natürlich mit Fragen konfrontiert.“ Und das sei gut so, betont Hesse. Ständig überdenke das Unternehmen die eigenen Förderprogramme und Aktionen, schaue dabei auch auf die politische Entwicklung und die sich daraus ergebenden Anforderungen und Fördermöglichkeiten.

Zur Diskussion um die E-Moblitität merkt er an, dass der Durchbruch wohl erst für Ende 2020 zu erwarten sei, wenn die Hersteller die angekündigte E-Mobiloffensive umsetzen. Das dürfte sich auch auf die Einrichtung einer E-Tankstelle daheim auswirken. „Noch sagen viele Hausbesitzer, da würde die einfache Steckdose reichen.“ Das führe aber zu langen Ladezeiten. Mit einer „Wall Box“ (Wandladestation) könne durch Leistungssteigerung etwa auf 11 kW die Ladezeit deutlich verkürzt werden.

Weitere Informationen zur Energieberatung unter https://www.verbraucherzentrale.nrw/beratungsstellen/alsdorf