Nordkreis: Das Jugendamt hat viel zu tun — zu viel?

Nordkreis : Das Jugendamt hat viel zu tun — zu viel?

Eigentlich wäre da ja noch der Gerichtsbericht zu verfassen, aber dann kommt plötzlich doch noch ein Notfall rein, der den Tagesplan komplett umwirft. Situationen wie diese gehören zum Berufsalltag eines Sozialarbeiters des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) beim Jugendamt.

„Das ist eine der größten Herausforderungen: die fehlende Planbarkeit“, sagt Jochen Neukirch, Sozialarbeiter beim Jugendamt Alsdorf. „Man weiß nicht, was als nächstes kommt und macht sich auch schon mal Sorgen, wie man alles schaffen soll.“ Neukirch kennt aber auch andere Tage. Bei ihm liegt das Verhältnis von Bürozeit und Außenterminen in einem angemessenen Verhältnis.

Jochen Neukirch ist Sozialarbeiter beim Jugendamt Alsdorf. Er kennt die stressigen Tage mit vielen Notfällen. Foto: Laura Laermann

Repräsentative Umfrage

Doch in vielen Jugendämtern anderer Städte in Deutschland sieht das anders aus, wie eine repräsentative Umfrage der Hochschule Koblenz unter gut 600 Mitarbeitern aus 175 Jugendämtern zeigt. Die Studie wurde in Kooperation mit dem Jugendamt Berlin-Mitte im Zeitraum von Oktober 2016 bis März 2018 organisiert und vor wenigen Tagen veröffentlicht. Laut Studie fühlen sich viele Beschäftigte des ASD der Jugendämter überlastet.

Außerdem würden sich rund 13.000 Fachkräfte um mehr als eine Million Fälle von ambulanten und stationären Maßnahmen, nachfolgend Hilfe-Fälle genannt, kümmern. Das sind die Fälle, bei denen Familien oder auch Kinder im Heim vom Jugendamt betreut werden. Zur Zeit würden Vollzeit-Mitarbeiter meistens bis zu 100 Hilfe-Fälle bearbeiten, in Ausnahmen auch mehr. Hinzu kommen Notfälle, Inobhutnahmen, familiengerichtliche Verfahren, begleitete Umgänge und formlose Betreuungen.

„Das darf nicht sein. So kann der Kindesschutz nicht gewährleistet werden“, sagt Jochen Neukirch. Beim Jugendamt im Alsdorf sind es 452 Fälle auf 12,2 Personalstellen, also 37 Fälle pro Mitarbeiter. Richtwert für die Jugendämter sind 35 Hilfe-Fälle. „Diese Fallzahlen sagen für uns nicht viel aus“, erklärt Neukirch. Denn unter den Hilfe-Fälle seien auch viele gut laufende, die wenig Arbeit in Anspruch nehmen. Viel zeitintensiver seien die Notfälle, also Hinweise auf Gefährdung des Kindeswohls, die zu den gezählten Hilfe-Fällen obendrauf kommen. Aber dennoch: 100 seien zu viel, findet Neukirch.

Auch in den anderen Kommunen des Nordkreises zeigt sich ein anderes Bild als das der Studie: In Würselen sind es 344 Fälle auf 7,72 Stellen; das sind 44,5 Fälle pro Mitarbeiter. „Wir arbeiten stetig daran, die Fallzahlen zu reduzieren“, erklärt Herbert Zierden, der Fachdienstleiter für Schule, Jugend und Soziales in Würselen. Beim Jugendamt in Herzogenrath zählt man 236 Fälle auf 7,6 Stellen, also 31 Fälle pro Mitarbeiter, teilt Amtsleiter Bernd Krott mit.

Für Baesweiler ist das Jugendamt der Städteregion zuständig, das unserer Zeitung keine Fallzahlen nennen konnte, weil die reinen Hilfe-Fälle nicht erfasst würden, wie Pressesprecher Detlef Funken erklärt. Aber auch beim Jugendamt der Städteregion kennt man die Herausforderungen. Für Baesweiler hat man sich daher vor Kurzem neu aufgestellt mit einem Fachteam — „zwei Kräfte, die sich nur mit dem Thema Kindeswohlgefährdung befassen“, erklärt Funken. Die Hilfe-Fälle werden von anderen Mitarbeitern übernommen und abgearbeitet.

In der Befragung der Hochschule Koblenz gaben knapp zwei Drittel der Befragten an, maximal eine Stunde bei Terminen in den Familien zu sein. 60 Prozent der Arbeitszeit nutzen sie, um ihre Fälle zu dokumentieren. „Berichte und Verwaltungssachen nehmen schon viel Zeit in Anspruch“, bestätigt auch Neukirch. Es komme auch schon mal vor, dass etwas länger liegen bleibt, denn: „Sobald ein Hinweis auf Gefährdung des Kindeswohl kommt, hat das Vorrang“, sagt der Sozialarbeiter des Jugendamtes Alsdorf. „Man muss Prioritäten setzen. Bei uns wird nicht das als erstes bearbeitet, was auch als erstes reinkommt, sondern das Dringlichste.“

Und das ist oftmals die große Schwierigkeit: allen gerecht zu werden. „Für jeden steht natürlich sein eigenes Leid im Vordergrund. Aber wir kommen manchmal zu einer anderen Einschätzung, das stößt — nachvollziehbarer Weise — auf wenig Verständnis.“

Die Sozialarbeiter richten sich bei ihrer Einschätzung nach Standards, die manchmal zwar Zeit kosten, aber auch der Sorgfalt und Sicherheit dienen. Bei Notfällen, also Hinweisen auf die Gefährdung des Kindeswohls, fahren die Sozialarbeiter zu zweit raus. Das dient auch der persönlichen Absicherung, um nichts zu übersehen.

Dennoch weiß Neukirch: Auch Fehler kommen vor. „Manchmal sind die Erwartungen an das Jugendamt zu hoch. Wir arbeiten sorgfältig, aber auch wir sind nur Menschen.“ Ganz genau wie ihre Klienten: „Wir schauen den Leuten auch nur vor den Kopf. Wenn keine Gefährdung vorliegt, müssen wir hoffen, dass sie unsere Ratschläge umsetzen. Da sind wir machtlos.“

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