Baesweiler: Das große Rechnen: Kirchengemeinde prüft Gebäudenutzung

Baesweiler: Das große Rechnen: Kirchengemeinde prüft Gebäudenutzung

Das große Rechnen hat begonnen. Dass die Baesweiler Tafel wie berichtet künftig Miete für ihre Räume im evangelischen Gemeindezentrum in Setterich zahlen muss, hat unterm Strich vor allem Symbolwirkung. Um viel Geld geht es dabei für die Essensausgabestelle nämlich nicht — aber insgesamt geht um sehr viel für die evangelische Kirchengemeinde Setterich-Siersdorf.

Die muss derzeit so ziemlich alles auf den Prüfstand stellen, was möglich ist. „Wir pendeln finanziell so gerade noch zwischen schwarzer und roter Null“, sagt Pfarrer Ulrich Schuster. Doch die Tendenz gehe ganz klar zu den roten Zahlen.

Festlich gedeckt: Dass Hochzeitsgesellschaften den Saal des Gemeindezentrums nutzen, freut Pfarrer Ulrich Schuster. Damit die Gemeindekasse sich füllt, müssten es aber deutlich mehr werden. In einem halben Jahr könnte über den Erhalt der Kirchengebäude diskutiert werden. Foto: S. Schaum

Mit der Gemeindekasse geht es auch deshalb bergab, weil die Zahl der Mitglieder rückläufig ist. 1964, als die Gemeinde Setterich-Siersdorf — zu der auch Loverich-Floverich und Puffendorf gehören — gegründet wurde, wurden gut 3400 Menschen gezählt. Aktuell sind es nur noch um die 1900 Mitglieder, etwa 20 Prozent davon aus Siersdorf. Damit schrumpfen auch die Mittel, über die die Gemeinde verfügen kann. Und mehr noch schrumpfen sie, weil die Landeskirche vor gut zwei Jahren die Auflage gemacht hatte, dass alle Gemeinden Rücklagen bilden müssen, um bei Bedarf Geld für die Sanierung ihrer Gebäude zu haben.

Etwa ein bis zwei Prozent des aktuellen Gebäudewertes müsse dafür pro Jahr von der Gemeinde abgezweigt werden, sagt Ulrich Schuster. Allzu konkret will er da zwar nicht werden, doch gehe es insgesamt „um eine richtig heftige Summe“. Das Dilemma: Diese Rücklage wird in Setterich-Siersdorf so bald wohl gar nicht gebraucht. „Es gibt keinen Sanierungsstau, die Grundsubstanz aller Gebäude ist noch gut.“ Dennoch fehlt am Ende des Tages das Geld aus der Rücklage für den laufenden Betrieb.

Kita steht nicht zur Debatte

Fünf Gebäude hat die Gemeinde. Die 1958 eingeweihte Gnadenkirche in Setterich und das dortige große Gemeindezentrum sowie die 1963 in Siersdorf eingeweihte Erlöserkirche mit kleinerem Gemeindezentrum. Plus das Evangelische Familienzentrum an der Settericher Hans-Böckler-Straße. Letzteres stehe ausdrücklich nicht zur Debatte, unterstreicht der Pfarrer. „Der Kindergarten trägt sich von alleine, der ist für uns bei der Buchhaltung ein durchlaufender Posten.“ Der Rest aber macht Sorgen.

Braucht die Gemeinde die übrigen Gebäude wirklich alle? Und wenn ja: Wie kann man sie so auslasten, dass sie wenigstens etwas Geld einbringen, statt es aufzuzehren? Darüber wird derzeit eifrig diskutiert. Noch geht man davon aus, durch neue Nutzungskonzepte die Gebäude halten zu können. Aber es könne nicht schaden, dass die Gemeindemitglieder „schon mal ein paar Warnlampen aufleuchten sehen“, sagt der Pfarrer.

Ulrich Schuster, der während seines Studiums den Schwerpunkt auf das Thema Gemeindeaufbau gelegt hatte, muss sich nun vor allem um den Gemeindeabbau kümmern. Das sei bitter, sagt er, aber unvermeidlich. Dass auch die Tafel zur Kasse gebeten wird, sei ein Signal: Alle müssen zahlen, damit das große Ganze funktionieren kann. Auch die, die sich um die Bedürftigen kümmern. Und schließlich stehe die Tafel Kunden aus der gesamten Kommune offen, „das geht ja weit über unsere Gemeindegrenzen hinaus“.

Sofia Sander hat Verständnis dafür. Nicht bloß, weil sie zugleich Vorstandsmitglied der Tafel und des Presbyteriums ist und somit die Interessen beider Seiten berücksichtigen muss. Sondern weil es ja gar nicht anders geht. Sander: „Als die Lebensmittelausgabe vor acht Jahren startete, lief sie in der Gemeinde unter dem Bereich Diakonische Aufgaben. Später wurde ein eigener Verein daraus, der als einziger Nutzer im Gebäude nie zahlen musste.“ Das sei nun nicht mehr möglich — und es gehe ja auch gar nicht um eine Miete, sondern eher um einen Zuschuss zu den laufenden Kosten, sagt sie. 60 Quadratmeter nutzt die Tafel als ständige Lagerfläche, sechs Euro pro Quadratmeter soll sie dafür nun monatlich zahlen. Schuster: „Wenn man berücksichtigt, dass an den Ausgabetagen gut 180 Quadratmeter genutzt werden, dann reden wir insgesamt noch von zwei Euro pro Quadratmeter.“

Am Ende zählt halt jeder Euro. Auch das Tanzteam Nessaja, das den großen Saal zum Training nutzt und die fünf, sechs Clubs, die regelmäßig im Keller kegeln, leisten ihren Beitrag. Jetzt hofft man, zum Beispiel den Saal noch deutlich besser auslasten zu können. Um die 20 Veranstaltungen finden derzeit pro Jahr dort statt, da ist noch Luft nach oben. Wenn mehr Hochzeitsgesellschaften oder Vereine ihn tageweise mieten, dann kommt was rein. Auch die Settericher Kirche selbst stehe anderen Nutzern für religiöse Feiern offen, sagt Schuster.

Leicht wird es nicht

Ob es gelingt wird sich zeigen. Leicht wird es sicher nicht. Zumal ganz in der Nähe „Konkurrenz“ entstanden ist. Unter dem neuen, modernen Dach des Hauses Setterich gehen viele Dinge über die Bühne, die man sicher auch im 50 Jahre alten Gemeindezentrum gern anbieten würde. Doch während das Haus Setterich im Rahmen des Projektes „Soziale Stadt Setterich-Nord“ finanziell bezuschusst wird, muss die Gemeinde die Interessenten zur Kasse bitten.

Ein halbes Jahr lang wolle man noch schauen, ob sich neue Einnahmen durch vermehrte Nutzung erzielen lassen. Andernfalls müsse man beginnen, noch einmal „sehr intensiv über die Gebäude selbst nachzudenken“, sagt Schuster.

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