Claas Relotius und der ehrliche Syrer aus Alsdorf

Bericht des „Spiegel“-Reporters Relotius : Die Person des ehrlichen Syrers aus Alsdorf war nicht erfunden

Der der Fälschung überführte Spiegel-Starautor Claas Relotius hatte vor Jahren auch in unserer Region für eine seiner Geschichten recherchiert. Unsere Redaktion ist deswegen in die Nachrecherche des Nachrichten-Magazins zur Verifizierung des Beitrags einbezogen worden.

Es war eine kurze Polizeimeldung im Juli 2015, die auch den preisgekrönten Spiegel-Autor Claas Relotius interessierte: Ein Mann habe in Alsdorf die Polizeiwache aufgesucht, um ein Sparbuch mit zwei 500-Euro-Scheinen darin abzugeben, das er kurz zuvor in der Innenstadt gefunden hatte. Besondere Aufmerksamkeit erregte seinerzeit das Ende der Mitteilung: Bei dem Finder handele es sich um einen Flüchtling aus Syrien, der auch noch auf die ihm zustehende Belohnung verzichtete.

Nicht nur unsere Zeitung, sondern bundesweit berichteten in Folge die Medien über Mahmoud Abdullah, der mit seiner Familie aus dem zerbombten Aleppo in die Türkei geflohen war und sich dann alleine nach Deutschland durchgeschlagen hatte, um Asyl zu beantragen. Auch eine syrische Zeitung widmete ihm einen Beitrag.

Um die Umstände seinerseits zu recherchieren, kontaktierte Relotius im Sommer 2015 unsere Nordkreis-Redaktion. Anfang Oktober schließlich erschien seine Darstellung des Geschehenen. Unter dem Titel „Verlust“, versehen mit einem Foto Abdullahs vor der Flüchtlingsunterkunft und einem Ausriss aus der Süddeutschen Zeitung „Flüchtling gibt Geldfund ab“. Eingebettet war das Ganze in die Spiegel-Rubrik „Eine Meldung und ihre Geschichte“. Eine Geschichte, die zu diesem Zeitpunkt allerdings schon diverse Medien mehr oder minder ausführlich erzählt hatten.

Nachdem sich herausgestellt hat, dass Relotius seine vielfach ausgezeichneten Reportagen im großen Stil gefälscht respektive aus anderen Quellen abgeschrieben hat, ist der Spiegel erneut bei der Nordkreis-Redaktion vorstellig geworden. Diesmal um dem Wahrheitsgehalt von „Verlust“ nachzugehen. Und dabei auch klarzustellen, dass es den ehrlichen Flüchtling in Alsdorf bei Aachen tatsächlich gibt. Denn für diverse rechtspopulistische Foren im Internet war die Aufdeckung der Relotius-Fakes speziell im Kontext dieses Berichts prompt willkommener Anlass für Hetze gegen Flüchtlinge im Allgemeinen geworden.

Mit Blick auf eine stetig wachsende Dokumentation der Aufarbeitung stellt Anja zum Hingst, Leitung Dokumentation und Marketing des Spiegel-Verlags, auf Anfrage unserer Zeitung fest, dass der Spiegel bislang „alles offengelegt habe, was wir bisher über den Fall Relotius wissen“. Dabei würden einige Texte „gründlich nachrecherchiert und verifiziert, andere in Stichproben überprüft ... Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion und der Dokumentation arbeiten daran.“

Zusätzlich sollen „die Routinen im Haus und das Versagen der Sicherungssysteme“ überprüft werden, wozu bekanntlich eine dreiköpfige Kommission eingesetzt ist. Zum Hingst: „Brigitte Fehrle, Stefan Weigel und Clemens Höges untersuchen die Vorgänge und werden vor allem Vorschläge zur Verbesserung machen. Wie genau Claas Relotius Geschichten fälschen, Protagonisten erfinden, dabei auch Kollegen täuschen und die Sicherungssysteme überlisten konnte und was daraus an Veränderungen in der Organisation und anderen Bereichen zu folgern ist – dies ist das Mandat der Kommission.“ Diese werde „aller Voraussicht nach mindestens ein halbes Jahr lang tätig sein.“ Zu den gründlich nachrecherchierten Relotius-Artikeln gehört offenbar „Verlust“.

Unsere Zeitung hatte seit Veröffentlichung des Relotius-Skandals mehrfach Kontakt zu Mahmoud Abdullah. Der zunächst um Verständnis bat – zum einen, aufgrund seiner noch mangelnden Deutschkenntnisse noch nicht alle Details eines komplexeren Zeitungsartikels beurteilen zu können. Zum anderen habe er im Sommer 2015 zahlreiche Medienkontakte gehabt, seien sein Schwager und auch ein Mitbewohner vielfach als Dolmetscher eingesprungen. Was da genau gesagt worden sei, müsse er erst erfragen. Fakt sei aber, dass jemand vom Spiegel in Alsdorf gewesen ist.

Ob es tatsächlich Relotius war? Abdullah konnte das auch jüngst, bei einem Treffen mit unserer Zeitung zwecks gründlicher Lektüre von „Verlust“, nicht mehr genau sagen. Im Großen und Ganzen stimme Relotius’ Darstellung, kann Abdullah sich auch daran erinnern, dass der Spiegel-Reporter seinerzeit sehr ernst gewesen sei und sehr genau nachgefragt habe. Ob die Ungenauigkeiten in Relotius’ Artikel indes, die die zeitlichen Zusammenhänge und die Flucht von Abdullahs Familie betreffen, auf Fehlinterpretationen aufgrund von Sprachproblemen zurückgehen oder bewusst dramatisierend zugespitzt wurden, wird sich nicht mehr ergründen lassen.

Auch wenn sie im Bericht selbst einen Widerspruch darstellen, weil Relotius einerseits schreibt, dass Abdullah von Syrien aus seine Flucht alleine in Richtung Europa angetreten habe und dann darlegt, dass dessen Ehefrau Shirin und Töchterchen Ela „im Süden der Türkei“ auf dem Weg nach Europa gewesen seien. Tatsächlich war die Familie zunächst gemeinsam in die Türkei geflüchtet. Unklar ist auch, warum Relotius die Geburt der kleinen Ela in „eine Nacht im Juli 2012“ verlegt. Das Mädchen wurde im August 2012 geboren und zwar tatsächlich unter dramatischen Umständen, da sich in der Straße, in der das Krankenhaus stand, syrische Truppen und ISIS-Kämpfer ein heftiges Gefecht lieferten, wie Abdullah berichtet.

Richtig ist, dass der Familienvater im Sommer 2015 in tiefer Sorge um Frau und Tochter lebte. Seine größte Angst war, dass Shirin die lebensgefährliche Tour per Schlauchboot über die Ägäis antreten würde, was sie mit anderen Mitgliedern ihrer Familie schließlich auch tat. Dass er aber, wie Relotius es – neben anderen angeblichen Gedankengängen des Syrers – darlegt, den Geldfund in Alsdorf als Zeichen dafür gewertet habe, „dass Gott ihm helfen will“, entlockt Abdullah ein herzhaftes Lachen: „Warum sollte Gott mir 1000 Euro schenken, wo ich doch meine Familie bei mir haben wollte!?“

Lesenswert: der Relotius-Bot @ROB0TIUS auf Twitter, ins Leben gerufen von der freien Journalistin Marie Kilg.

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