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Aktionswoche der Schuldnerberatung: „Chancenlose Kinder? – Gutes Aufwachsen trotz Überschuldung“

Aktionswoche der Schuldnerberatung : „Chancenlose Kinder? – Gutes Aufwachsen trotz Überschuldung“

Fast eine Dreiviertelmillion Minderjähriger startet mit Schulden ins Berufsleben – dabei könnte Forderungen der Arbeitsagentur oft widersprochen werden. Die Verbraucherzentrale informiert nun dazu.

Gegenüber fast 750.000 Minderjährigen hat die Bundesagentur für Arbeit nach eigenen Angaben offene Forderungen mit einem Gesamtbetrag von über 273 Millionen Euro. „In der Regel haben Kinder und Jugendliche diese nicht verursacht. Aber dennoch bekommen sie Post mit Rückforderungsbescheiden. Dass man diesen Forderungen aus der Kindheit widersprechen kann und muss, wissen viele einfach nicht. Und die jungen Erwachsenen werden auch nicht ausreichend informiert, dass sie für diese Außenstände zumeist nicht haften“, berichtet Torsten Wendt, Schuldnerberater der Verbraucherzentrale in Alsdorf.

Zur bundesweiten Aktionswoche Schuldnerberatung vom 25. bis 30. Mai fordern die beteiligten Verbände das Recht auf einen schuldenfreien Start ins Erwachsenenleben. Unter dem Motto „Chancenlose Kinder? – Gutes Aufwachsen trotz Überschuldung!“ wird auch in Alsdorf ein Informationspaket geschnürt, damit die gerade volljährig Gewordenen ihre Rechte kennen und durchsetzen können – was gerade angesichts der vielen finanziellen Notlagen in Corona-Zeiten noch einmal an Aktualität gewinnt.

Schuldenfrei in die Volljährigkeit zu starten, ist ein Grundrecht – so hat das Bundesverfassungsgericht bereits vor über 30 Jahren entschieden. Und der Gesetzgeber hat eine Reihe von Regelungen festgeschrieben, damit der Schutzschirm für den unbelasteten Start auch wirkt. „So sind Kinder und Jugendliche erst ab dem siebten Lebensjahr ‚beschränkt geschäftsfähig‘.

Für die meisten Verträge benötigen sie die Einwilligung oder Genehmigung der sorgeberechtigten Eltern. Im Rahmen des Taschengeldparagrafen dürfen sie aber zum Beispiel Buch, Computer-Spiel oder Kinoticket kaufen. Einen Fitnessstudio- oder Handyvertrag, für den über einen längeren Zeitraum gezahlt werden muss, dürfen sie aber nicht ohne Zustimmung der Eltern abschließen“, erläutert der Schuldnerberater.

Dennoch können Minderjährige mit Schulden belastet werden, etwa wenn Eltern Verträge auf den Namen ihrer Kinder abgeschlossen oder genehmigt haben, die den Minderjährigen dann über den Kopf gewachsen sind.

„Wer volljährig wird, muss solche Schulden nicht uneingeschränkt bezahlen. Denn für Zahlungsverpflichtungen, die während Kindheit und Jugend entstanden sind, können die jungen Erwachsenen ihre Haftung beschränken. Haften müssen sie nur mit dem Vermögen, das sie bei Eintritt der Volljährigkeit besitzen. Etwa mit dem Sparvermögen oder Geldgeschenken für den Führerschein, soweit diese vor dem 18 Geburtstag gemacht wurden.

Unpfändbare Gegenstände, also übliche Haushalts- und Gebrauchsgegenstände, werden hierbei allerdings nicht berücksichtigt. Ein normales, zwei Jahre altes Mobiltelefon darf man beispielsweise behalten“, kennt Ulrike Ermert, Schuldnerberaterin die Haftungsregeln. Diese Beschränkungen gelten übrigens auch, wenn Behörden Geld zurückfordern.

„Auch kommt es vor, dass das Jobcenter von den jungen Erwachsenen Geld für zu viel gezahlte Sozialleistungen zurückfordert, die Eltern und sie selbst bekommen haben, als sie noch minderjährig waren“, erklärt die Schuldnerberaterin die dubios klingende „Post vom Amt“. Die Forderungen resultieren meist daraus, dass Erhöhungen des Einkommens nicht rechtzeitig berücksichtigt worden sind.

„Leider wissen die jungen Erwachsenen oft nicht, dass sie für diese Nachforderungen häufig gar nicht geradestehen müssen. Anstatt zu zahlen müssen sie schriftlich reagieren und mitteilen, dass die Forderung während Kindheit und Jugend entstanden ist und sie deshalb von der Beschränkung der Haftung Gebrauch machen“, zeigt Torsten Wendt ein großes Informationsdefizit auf. Mit einem Musterbrief bietet die Beratungsstelle dabei Hilfestellung, um die Forderung unter Hinweis auf nicht vorhandenes Vermögen bei Eintritt der Volljährigkeit abzuwehren.

Als beste Lösung sieht die Verbraucherzentrale NRW, dass Forderungen gegen volljährig Gewordene nicht verfolgt werden sollen, sondern im Ergebnis Eltern dafür geradestehen müssen. „Dann wäre der schuldenfreie Start ins Erwachsenenleben garantiert“, so Ulrike Ermert. Begrüßenswert sei auch, dass die Bundesagentur für Arbeit zurzeit auch an einer technischen Lösung arbeite, wie volljährig Gewordene zeitnah verständlich über die Möglichkeiten zur Haftungsbeschränkung informiert werden können.

Informationen sowie ein Musterschreiben gibt es auch im Internet

www.verbraucherzentrale.nrw/schuldenfrei-erwachsen

Auch in einem Video der Verbraucherzentrale NRW ist Wissenswertes zu erfahren:

www.youtube.com/watch?v=j8ODaGMsocg

Zeitgleich mit der Aktionswoche können auch in der Beratungsstelle Alsdorf wieder Beratungen nach vorheriger verbindlicher Terminvereinbarung stattfinden.

Sie erreichen die Schuldnerberatung unter 02404-9032750 oder alsdorf.sib@verbraucherzentrale.nrw.

Ein Beratungsgutschein kann beim Jobcenter, der Bundesagentur für Arbeit und bei Sozialämtern beantragt werden.