Herzogenrath: Chance, das Leben in die Hand zu nehmen

Herzogenrath: Chance, das Leben in die Hand zu nehmen

Wenn man Herbert Poque nach seinem Traum fragt, muss er nicht lange überlegen. Eine feste Arbeitsstelle, eine gemeinsame Wohnung mit der Freundin und Kinder - das wäre sein Wunsch. „Morgens aufstehen und mit einem Lächeln zur Arbeit gehen - was gibt es Schöneres?”, fragt er in die Runde und fügt hinzu: „Durch die Arbeit hat das Leben doch wieder einen Sinn.”

Der Langzeitarbeitslose ist einer von Unzähligen, die eben nicht in das gemeine Klischee des faulen und trägen Erwerbslosen passen. Natürlich sei das Leben nicht einfach, erzählt er. Aber: „Man muss sich öffnen. Dann kommt der Rest von alleine.” Und dann sagt er etwas, womit er vielen voraus ist: „Nur die Politik kann dabei helfen, Hartz-IV-Empfänger aus dem Loch zu holen und zu motivieren.” Dass hierzu ein politisch gebildeter Mensch notwendig ist, haben die Mitarbeiter des Nell-Breuning-Hauses (NBH) längst erkannt. Die politische Bildungsarbeit hat im vergangenen Jahr in dem Projekt „Politik trifft Hartz IV. Neue Verbindungen wagen” eine neue Form gefunden. Das sah auch der Bundesausschuss Politische Bildung so und zeichnete das Projekt des NBH mit dem zweiten Preis der Ausschreibung „Politische Bildung 2011. Politische Bildung und Partizipation” aus.

Gefördert wird der alle zwei Jahre verliehene Preis vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie der Bundeszentrale für politische Bildung. Schirmherrin ist Bundesministerin Kristina Schröder. Politische Bildung sei etwas, das in der Realität, trotz NRW-Verfassungsrang oft zu kurz kommt, sagte NBH-Geschäftsführer Leo Jansen. „Aber je politischer jemand agieren kann, desto besser kommt man in der Arbeitswelt zurecht und kann sich dort behaupten.”

Die Auszeichnung bedeutet für die Fachbereichsleiterin Projekte im NBH, Dr. Christina Herrmann, vor allem eines: Anerkennung. Der Realitätsbezug fehle Politikern häufig, das habe sie in den vielen Gesprächen mit Erwerbslosen festgestellt. „Politiker sind Menschen, die Erfolg im Leben haben. Mit Hartz IV konfrontiert zu werden, heißt, auf Misserfolg zu stoßen - das ist eine emotional schwierige Situation.” Die Volksvertreter könnten sich in der Regel nicht in die Lage der Sozialhilfeleistungsempfänger versetzen, wüssten nicht, dass „es wirklich so schlimm ist”. Um die Langzeitarbeitslosen aus der Resignation und der Haltung „Kein Geld, keine Rechte, kein gesellschaftliches Ansehen” und der damit verbundenen Folgerung „Was können wir schon ändern? Auf Politik haben wir eh keinen Einfluss” zu holen, initiierten Christina Herrmann und der sozialpädagogische Mitarbeiter im NBH, Simon Winkens, das Projekt „Das Leben ist kein Ponyhof”, aus dem das ausgezeichnete Konzept (siehe Kasten) entstand. Damit sei es den Initiatoren gelungen, beruflich wie gesellschaftlich „die Isolation zu durchbrechen und die Situation von Langzeitarbeitslosen sichtbar zu machen”, sagte der ehemalige Vorsitzende des Bundesausschusses Politische Bildung, Theo W. Länge, in der Laudatio bei der Preisverleihung im Mai in Berlin.

Mit dem Lob im Ohr ist die Motivation bei allen groß, ein Folgeprojekt in die Wege zu leiten. Das Preisgeld von 5000 Euro würde Christina Herrmann gerne darin investieren. Sie machte aber auch deutlich, dass ohne Unterstützung von „mächtigen Fürsprechern und Sponsoren” nichts läuft. Die Realisierung des Vorgänger-Projekts kostete etwa 20.000 Euro.

„Außerdem wünsche ich mir”, sagt Christina Herrmann, „dass das Job-Center der Städteregion sich für unsere Arbeit interessiert und mit uns ins Gespräch kommt”. Leo Jansen bekräftigt: „Wir braucht Orte, wo grenzüberschreitende Begegnungen stattfinden können.”

Dass hierzu der Wille der Betroffenen nötig ist, ist auch für Herbert Poque selbstverständlich. „Wir können nicht tiefer sinken. Projekte wie diese sind die Chance, aus sich herauszukommen, sich zu öffnen, sein Leben in die Hand zu nehmen.”