Baesweiler/Linnich: Blutiger Brüderstreit: Fast vier Jahre Haft

Baesweiler/Linnich: Blutiger Brüderstreit: Fast vier Jahre Haft

Ein blutiger Brüderstreit, ausgetragen am hellichten Tag vor dem St.-Josefs-Krankenhaus in Linnich, fand am Mittwoch ein Urteil mit Augenmaß. Die Richter des Aachener Schwurgerichts sprachen den 35-jährigen Tuncay Ö. aus Baesweiler schuldig wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Köperverletzung. Er wurde mit mit drei Jahren und neun Monaten Haft bestraft.

Zu seinen Gunsten hatte das Schwurgericht unter Vorsitz von Richter Roland Klösgen festgestellt, dass das Opfer und gleichzeit ältere Bruder des Angeklagten maßgeblich mit zur Eskalation des Brüderstreits beigetragen hatte. Den Grund der Auseinandersetzungen lieferte die Freundin des Angeklagten, die Tuncay Ö. kurz zuvor verlassen hatte und von der er vermutete, dass sie ein Verhältnis mit seinem ein Jahr älteren — verheirateten — Bruder hat.

Fünf Messerstiche

Nach Drogenkonsum war der Angeklagte in der Nacht auf den 9. September 2017 in der Wohnung seiner Ex-Freundin aufgetaucht. Die Begegnung gipfelte in Tätlichkeiten gegenüber der Frau. Er trat und schlug sie, kassierte ihr Handy ein und verschwand. Vor der Wohnung seines Bruders stieß er am Fenster lautstark Anschuldigungen aus. Danach ging er nach Hause, ließ sich sodann aus Angst vor einer Drogenvergiftung ins Linnicher Krankenhaus einliefern.

Als er am nächsten Morgen im Handy seiner Freundin anscheinend eindeutige Chats mit seinem Bruder fand, rastete er erneut aus und verabredete sich zum „brüderlichen“ Showdown vor dem Linnicher Krankenhaus. Der ebenso erzürnte und aggressive Bruder stellte sich, es kam zum blutigen Kampf.

Das Aachener Schwurgericht wertete die fünf Messerstiche, die Tuncay Ö. seinem Kontrahenten an dem Samstagmorgen vor dem Krankenhaus in die Schulter und den Brustkorb versetzte, als versuchten Totschlag, dies auch obwohl der ältere Bruder ebenfalls tatkräftig zur Sache ging.

Der Verteidiger des Angeklagten hatte einen Freispruch gefordert, da der Ältere ebenso gedroht habe und gewalttätig geworden sei wie der jüngere Bruder. Im Prozess war deswegen von der Nebenklage, die den älteren Bruder vertrat, ein Freispruch beantragte worden — eine seltene Sache, dass die Opferseite keine Verurteilung des Täters will.

Verminderte Schuldfähigkeit

Das Gericht wollte dem am Mittwoch nicht folgen. Zwar sei wegen des Drogenmissbrauchs des Angeklagten zur Tatzeit eine verminderte Schuldfähigkeit festzustellen, bei der Auseinandersetzungen aber habe er den Bruder töten wollen, sagte Klösgen. Er habe auch nur aufgehört, weil starke Hände von beherzt eingreifenden Helfern ihn fixiert hatten, so dass das Opfer sich entfernen konnte.

Er sei sogar vom Vorplatz hoch ins Krankenhaus gelaufen, in das sich der Schwerverletzte geflüchtet hatte. Selbst da habe er noch gerufen, er wolle „das Schwein abstechen“. Doch da hatte er das Messer bereits verloren. Es lag auf dem Gehweg vor einer Apotheke, wo es später von der Polizei sichergestellt wurde.

Strafschärfend wertete die Kammer die Gewalttaten von Ö. gegenüber seiner Ex-Freundin und legte dem Angeklagten auf, eine Drogentherapie zu absolvieren.