Ernte im Nordkreis auf Hochtouren: Bis zu 35 Tonnen Getreide in der Stunde

Ernte im Nordkreis auf Hochtouren : Bis zu 35 Tonnen Getreide in der Stunde

Ernte auf Hochtouren mit 500 PS

Fast rund um die Uhr auf den Beinen sind Daniel Nollé und Guido Benend in der Erntezeit: Als Lohnunternehmer dreschen sie Raps und Getreide auf Feldern von Orsbach bis Jülich.

„Ich bin schon lange dabei“, sagt Max Benend mit verschmitztem Grinsen. Vier bis fünf Jahre meint er damit, in seinem Alter ist das eine Ewigkeit. Behende klettert der Zehnjährige auf den hohen Hänger, füllt eine Probe schwarzer Körnchen in einen winzigen Metallbehälter, den er dann in die Öffnung eines elektronischen Messgeräts stellt. Mit einer Kurbel zermahlt er den Inhalt. Ebenso routiniert drückt er zwei Tasten, wartet einen Moment und verkündet dann den Wert auf dem Display: „7,5 Prozent – sieht gut aus!“ Die Männer um ihn herum nicken zufrieden. Der Feuchtegehalt ist im Limit, der Raps steht gut dieses Jahr.

Die letzten Erntearbeiten laufen auf Hochtouren. Für Max‘ Vater Guido Benend (46), Landwirt aus Linden-Neusen, und Daniel Nollé (28) aus Broichweiden bedeutet das Einsatz fast rund um die Uhr. Denn sie bewirtschaften nicht nur ihre eigenen Betriebe, sondern haben sich ein zweites Standbein als Lohnunternehmer aufgebaut. Vor rund vier Jahren haben sie sich zusammengetan, ihre beiden kleinen Mähdrescher verkauft und in einen hochmodernen über 500 PS starken knallroten Ernteriesen investiert. In Kombination mit zwei kräftigen neuen Traktoren und insgesamt vier Hängern mit Rollplane können so stündlich rund 25 bis 35 Tonnen gedroschen und abgefahren werden.

Für zehn Landwirte von Orsbach bis Jülich sind Nollé und Benend tätig, insgesamt rund 250 Hektar beträgt die Erntefläche. Neben Raps landen gemäß strategisch ausgefeiltem Ernteplan auch Gerste, Weizen und Triticale (eine Kreuzung aus Weizen und Roggen) im Korntank. Ist der voll, wird minutenschnell in einen der am Feldrand wartenden Hänger umgefüllt. Und dann geht die wertvolle Ladung unverzüglich ab zum Landhandel.

Die Erntemannschaft: (v.l.) Guido und Max Benend, Daniel Nollé und sein Onkel Kornel Sturm, ebenfalls Landwirt, auf einem Feld bei Haaren. Foto: Beatrix Oprée

Klimatisierte Kabine

„Die Eigenmechanisierung der Landwirte stirbt allmählich aus, jetzt kommt Größeres“, sagt Nollé, während er das rund 7,60 Meter breite Schneidwerk des dröhnenden Riesen senkt und sorgfältig Bahn für Bahn abfährt. Feiner brauner Staub nebelt die Maschine ein. Der Fahrer sitzt unbehelligt in seiner klimatisierten Kabine, mittels Lenkrad und Joystick kann er sein sperriges Gefährt minutiös steuern, per Kamera hat er auch im Blick, was sich hinter ihm abspielt. Angesichts der stattlichen Ausmaße des modernen Erntehelfers stellt sich die Frage: Braucht es dafür eine besondere Fahrerlaubnis? Nollé lacht und schüttelt den Kopf: „Ein Autoführerschein reicht im Prinzip aus!“ Aber ohne gute Unterweisung und viel Übung geht natürlich nichts.

Dank moderner Technik hat Nollé in der Kabine des über 500 PS starken Mähdreschers alles im Blick. Foto: Beatrix Oprée

Für Nollé liegen die Vorteile des Lohnunternehmertums auf der Hand: Der einzelne Landwirt kann seinen Fuhrpark verkleinern. Die Kosten pro Hektar Anbaufläche verringern sich. Moderne Technik bei steter digitaler Kontrolle während des Dreschvorgangs sorgt dafür, dass Verluste – etwa durch brechendes Korn – unter einem Prozent gehalten werden. Gleichzeitig wird eine höhere Schlagleistung erzielt, will heißen: Felder sind in erheblich kürzerer Zeit abgeerntet. Was dem Bauern mehr Luft verschafft in der Sommerzeit, in der die Arbeit nie enden möchte.

Jeder Tag genau organisiert

Weswegen Nollé und Benend schon seit Jahren auf Ackerbau setzen. Viehhaltung ist mit 365 Tagen Anwesenheitspflicht im Betrieb verbunden, Urlaub mit der Familie Fehlanzeige. Das sollte möglichst auch anders gehen. „Meine Frau stammt nicht aus der Landwirtschaft und übt auch weiterhin einen Beruf aus, der nichts damit zu tun hat“, erzählt Benend. Drei Kinder haben die Eheleute, und die wollen den Vater auch schon mal im Freizeitmodus erleben. Jeder Tag will da genau organisiert sein. Da freut sich Benend natürlich, wenn der landwirtschaftlich begeisterte Sohn Max in den Ferien mit aufs Feld möchte.

Foto: Beatrix Oprée

Bei Nollé ist Familienplanung bislang kein Thema, noch fehlt dazu die passende Frau. Zwei Ausbildungen hat er absolviert, zunächst an der RWTH zum Industriemechaniker („um ein weiteres Standbein zu haben, und man kann auf dem Hof vieles selbst reparieren“) und danach zum Landwirt, Abschluss Staatlich geprüfter Agrarbetriebswirt. Landwirtschaft liegt ihm im Blut: „Schon der Vater und beide Großväter hatten Betriebe“, berichtet er auch, wie sehr sich die Branche verändert hat. Als Landwirt müsse man heutzutage nicht nur auf dem Feld, sondern auch als Unternehmer gut sein. „Die ganze Bürokratie ist mittlerweile ein Wahnsinn! Da freut man sich, wenn man auf der Maschine sitzt!“

Und wenn dann die letzte Ladung des Tages hinter ihm im Korntank liegt, genießt Nollé den Blick in die Weite, über abgeerntete, ockergelbe Felder hinweg: „Tolle Sonnenuntergänge kann man da erleben!“

Ist der Korntank voll, werden die Rapskörner umgefüllt. Die Spreu wird automatisch gehäckselt und wieder aufs Feld aufgebracht. Foto: Beatrix Oprée

Pfluglose Bodenbewirtschaftung

Überhaupt die Natur: Wer von der Scholle lebt, ist verantwortlich dafür, dass sie nicht erodiert. Denn die fruchtbare oberste Schicht lässt sich nicht mehr ersetzen, wenn sie einmal ausgewaschen oder weggeweht ist. Ein gesunder Boden zeichnet sich durch das Leben in ihm aus: mit Mikroorganismen und Würmern. Nollé und Benend setzen unter anderem  auf pfluglose Bewirtschaftung. „Ein Boden muss wie ein Schwamm sein“, erklärt Nollé. „Nur so kann er auch ausreichend Feuchtigkeit speichern.“ Ein Pflug würde die Porenstruktur zerstören.

In den Sommerferien ist der zehnjährige Max Benend am liebsten mit auf dem Feld unterwegs: Hier kontrolliert er mit einem elektronischen Messgerät schon ganz routiniert den Feuchtegehalt des Rapses. Foto: Beatrix Oprée

Und wie sieht es da aus mit Nitratbelastung und Glyphosateinsatz? Nollé: „Wir jungen Landwirte wollen ja etwas ändern.“ Herbizide kämen immer seltener zum Einsatz, auf Glyphosat versuche man zu verzichten. Gedüngt wird mit einem Mix aus Mineraldünger, Gülle und Kompost, um den organischen Anteil im Boden zu fördern, Humus aufzubauen.

Allen Bemühungen der Landwirte stehe in Deutschland jedoch immer noch Billigmentalität auf dem Lebensmittelsektor gegenüber – „und wir Bauern sollen dann auch noch alles Schuld sein, vom gefährdeten Grundwasser bis zum Insektensterben“. Liebend gerne, so konstatiert der junge Landwirt, „würde ich auf jegliche Prämien seitens der EU verzichten, wenn ich für meine Produkte vernünftig bezahlt würde!“