Herzogenrath: Beim Rodarock sind Musiker und Fans in Topform

Herzogenrath: Beim Rodarock sind Musiker und Fans in Topform

Für die einen ist es Gebrüll, für die anderen cooler Gesang. In einem Punkt dürfte es aber keine Unstimmigkeiten geben - nämlich dass es laut ist. Die Lautstärke gehört für Metal- und Hardcorefans dazu wie für Volksmusikfreunde das Dirndl.

Metal- und Hardcoreklänge dröhnten nun aus den Lautsprechern - dort, wo sich früher einst Badegäste sonnten: Zum siebten Mal fand auf dem ehemaligen Freibadgelände in Herzogenrath das „Rodarock Festival” statt. Veranstalter war das Jugendamt der Stadt Herzogenrath.

Der Mann, ohne den das Festival nicht zu realisieren wäre, heißt Berthold Koerver. Mit 58 Jahren liegt Koerver zwar deutlich über dem Durchschnittsalter der Besucher, aber im Herzen ist der Mann jung geblieben. Und er hat sich die Liebe zur Musik bewahrt. Das ist es, worauf es bei diesem Festival ankommt.

Musik hat viel mit Koervers Alltag zu tun: Er besitzt eine Firma für Veranstaltungstechnik. Warum er ehrenamtlich ein so großes Event mitorganisiert, liegt daran, dass er in der Rodastadt aufgewachsen ist und sich ihr immer noch verbunden fühlt. Was ein Glück für Hardcore- und Metalfans ist, denn Koerver stellt sein Know-how und technisches Equipment kostenlos zur Verfügung.

„Es ist schon toll, die Stadt hinter sich zu haben - und das nicht nur wegen der Bühne und der Zelte, sondern vor allem wegen der vielen Genehmigungen, es muss ja alles seine Ordnung haben”, sagt Koerver und schenkt sich einen Kaffee ein. Koffein braucht man als Organisator bei einem solchen Festival reichlich, denn Schlaf gibt es in der Hochphase nur wenig.

Es geht zu wie in einem Bienenstock. Im Minutentakt ruft immer wer an, mal ist es die Security, die einen Fotografen ankündigt, mal ein Helfer, der ein Problem mit einem Autofahrer hat, der mit seinem Wagen die Zufahrt blockiert. Aus einem Pkw, der bis oben hin mit Instrumenten, Kabeln und Koffern vollgepackt ist, krabbelt ein Musiker. Keine Ahnung, wie der junge Mann inmitten des Durcheinanders noch ein Plätzchen gefunden hat. Aber Hauptsache ist, die Band ist vollzählig zum Konzertauftritt erschienen.

„Du musst da lang”, schickt Berthold Koerver den Musiker in Richtung Bühne, während Ehefrau Heike im Minutentakt Anweisungen an die Security durchgibt. Und obwohl sein Job angesichts von schätzungsweise 700 Besuchern und elf Bands zweifelsohne stressig ist, kommt keine Hektik auf.

Wer hier als Helfer im Einsatz ist, tut das ehrenamtlich, sofern man von einer geringen Aufwandsentschädigung für die Verpflegung absieht. Insgesamt 30 Helfer sorgen für einen reibungslosen Ablauf. Und Zeit für ein Küsschen zur Begrüßung ist immer.

Die entspannte Atmosphäre schwappt auf das Publikum über, der Besucher wird Teil einer großen Familie. Auch der 15-jährige Nico Erens aus Stolberg, der mit seinen Freunden das Festival besucht, spürt dieses besondere Flair. „Die Leute hier kennen sich zwar nicht, aber trotzdem verstehen sich alle”, schreit der junge Mann gegen die Lautstärke an. „Es ist einfach toll hier”, pflichtet ihm Timo Defourny (15) aus Kinzweiler bei. „Das sind die allergeilsten Bands überhaupt, und wir werden im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder kommen.”

Er sagt noch etwas, aber das ist beim besten Willen nicht mehr zu verstehen, da die Band „Until September” just zur Höchstform aufläuft.

Es ist erstaunlich, zu welch tiefen Tönen der junge Sänger in der Dreiviertelhose fähig ist, zumal seine Sprechstimme ganz normal klingt. Möglich macht das eine ausgeklügelter Atem- und Gesangstechnik. „Wenn Sie ohne Technik einige Zeit lang so singen würden, wären Ihre Stimmbänder ruiniert”, sagt Dion Geilenkirchen von der Aachener Band „Tornapart”, der sich Backstage auf seinen Auftritt vorbereitet.

Sänger Benny von „Tracy Ate A Bug” ist ein Fachmann, was das gekonnte Kreischen, in Fachkreisen „Screaming” genannt, betrifft. Seinen Nachnamen möchte er nicht nennen. Mittlerweile sei die Gruppe so populär, dass er und seine Bandkollegen ihr Privatleben schützen müssten.

Nach fünf Minuten Nachhilfe in Sachen Kreischen steht fest, weiß man auch als Laie, dass das Screaming viel, viel Übung erfordert. Dem Kreischgesang kann Josef Poqué, Leiter des Bereiches Schule, Sport und Kultur der Stadt Herzogenrath nicht viel abgewinnen: „Meine Musik ist das nicht”, sagt er ehrlich. Aber darauf, dass es ihm persönlich gefalle, komme es auch nicht gar an. Wichtig sei allein, dass mit diesem Festival jungen Menschen ein echtes Highlight geboten werde.

Vielleicht ist ja für Poqué eines Tages die richtige Musik dabei. Der Traum von Berthold Koerver ist es nämlich, ein Rodarock-Festival mit Bands unterschiedlicher Musikrichtungen zu organisieren. Das wäre aber nur dann möglich, wenn mehrere Bühnen zur Verfügung stünden, was einen erheblichen Mehraufwand an Logistik und Kosten bedeuten würde. „Aber das ist ein Traum.”