Behindertenbeauftragter in Würselen

Integration : Behinderten mehr Gehör verschaffen

Ein weites Feld: Dieter Schöner kümmert sich in Würselen seit sieben Jahren um die Belange der Menschen mit Handicap.

Rund 40.000 Einwohner zählt die Stadt Würselen. Etwa 8650 sind als behindert anerkannt (rund 22 Prozent der Bürgerschaft). Hiervon sind mehr als 5200 als schwerbehindert eingestuft (50 Prozent und mehr). Das ist eine Menge, der man sich kaum bewusst ist. Seit sieben Jahren kümmert sich der Behindertenbeauftragte Dieter Schöner um die Belange der Bürger mit Handicap – ein großes Aufgabenfeld.

Für ihre Arbeit haben der Behindertenbeauftragte Dieter Schöner und sein Stellvertreter Matthias Breuer jetzt viel Lob erfahren. Die Mitglieder des Ausschusses für Soziales, Sport und Kultur hatten den umfänglichen Tätigkeitsbericht der beiden auf dem Tisch liegen.

Wie fand Schöner zu dieser Aufgabe? Er ist gehandicapt. Nach einem Arztfehler, so Schöner, leidet er unter Lähmungen in beiden Händen. Vor 17 Jahren musste er deshalb seinen Beruf aufgeben. Er war Zollbeamter, hatte lange Zeit in Bonn gearbeitet, blieb aber immer seiner Heimat treu. „Ich bin in Broichweiden geboren und aufgewachsen. Ich kenne hier viele Menschen auch über die Vereine.“ So beschloss Schöner, sich ehrenamtlich zu engagieren. Da kam die Ausschreibung der Stadt Würselen für den Behindertenbeauftragten gerade recht.

Auch VdK-Vorsitzender

Schöner ist auch Vorsitzender des örtlichen Verbands der Kriegs- und Wehrdienstopfer, Behinderten und Sozialrentner (VdK) und für Belange von Behinderten gut vernetzt. Ausdrücklich lobt er die Zusammenarbeit mit dem Inklusionsamt der Städteregion Aachen und verweist auf verschiedene Ratgeber in leichter Sprache, so etwa den „Kleinen Knigge für Mitarbeitende der Verwaltung im Umgang mit außergewöhnlichen Menschen“ (abrufbar unter www.staedteregion-aachen.de/integration).

Seit zwei Jahren begleitet er das Projekt „Barrierefreies Wegweisungskonzept Wurm-/Broichbachtal“. Auf Vorschlag und mit der Städteregion sowie dem Hörgeschädigtenzentrum Aachen bereitet er für das Frühjahr eine Veranstaltung in Würselen vor, Stichwort „Alle mal herhören!?“ Schwerhörigkeit gilt als Volkskrankheit. Betroffene sind vom gesellschaftlichen Leben weit mehr ausgeschlossen als von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, will Schöner sensibilisieren. Noch hat er keinen passsenden Raum für die geplante Veranstaltung gefunden und braucht für die dort zu haltenden Vorträge von Experten eine Beschallungsanlage. Er hofft darauf, den großen Sitzungssaal des Rathauses nutzen zu können.

Schöners und Breuers Aufgaben der Behindertenvertretung sind von der Stadt schriftlich vorgegeben – in der entsprechenden Satzung der Kommune. Die Formulierung dort ist ambitioniert, „soll (doch) die Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen beseitigt und verhindert sowie die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Leben in der Gesellschaft gewährleistet und ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung ermöglicht werden. Dabei wird besonderen Bedürfnissen Rechnung getragen.“

Dem zugrunde liegt ein spezielles Gesetz des Landes zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, im dem das zentrale Ziel formuliert ist, in allen Lebensbereichen eine umfassende Barrierefreiheit herzustellen. Und dabei geht es nicht nur um das Absenken von Bordsteinkanten für Rollstuhlfahrer, sagt Schöner. „Barrierefreiheit bedeutet, dass Gebäude und öffentliche Plätze, Arbeitsstätten und Wohnungen, Verkehrsmittel und Gebrauchsgegenstände, Dienstleistungen und Freizeitangebote so gestaltet sind, dass sie für alle ohne fremde Hilfe zugänglich sind.“

Konkret gehe es darum, dass nicht nur Stufen, sondern auch ein Aufzug oder eine Rampe ins Rathaus führen, dass Formulare nicht nur in komplizierter Amtssprache, sondern auch in „leichter Sprache“ vorhanden sind und dass ebenso gehörlose Menschen einen Vortrag verfolgen können – zum Beispiel mit Hilfe eines Gebärdensprachdolmetschers, wie Schöner betont. Davon hätten alle etwas, Behinderte wie Nicht-Behinderte, Senioren, Kinder, Eltern und Menschen, die nur vorübergehend in ihrer Mobilität eingeschränkt sind.

„Viele Arztpraxen, Apotheken, Postamt und Bushaltestellen in Würselen sind nicht behindertengerecht. Daran muss gearbeitet werden“, wie er betont. Darauf und noch mehr drängt er bei seiner Mitarbeit als beratendes Mitglied in den Ausschüssen für Soziales, Sport und Kultur, Umwelt und Stadtentwicklung, Technik und Bauen sowie Bildung. Seine Aufgaben sind weitaus vielfältiger.

Die meisten suchen Rat wegen der Erhöhung des Grades der Behinderung im Behindertenausweis“, erzählt Schöner. Das führe oft zu langen Gesprächen, denn nicht immer sei es ratsam, auf die Erhöhung zu bestehen. Es komme auch vor, dass der Betreffende heruntergestuft wird und dann sei natürlich der Ärger groß. Natürlich bleibe immer noch die Option auf Einspruch.

Immer wieder Thema ist laut Ehrenamtler die Wohnungsversorgung und die Suche nach Arbeit. Gerade Schwerbehinderte hätten überproportional kleine oder gar kein Einkommen und wüssten nicht, wer ihnen da weiterhelfen kann. Schöner gibt hier gleichsam als Lotse wichtige Hinweise und  unterstützt bei Antragsstellungen.

Mobbing nimmt zu

Immer mehr Raum nehme das Thema Mobbing unter Kollegen ein. Der Arbeitsdruck wachse ständig, Behinderte jedoch könnten oft das Tempo nicht mitgehen. Eine wachsende Zahl an Vorgesetzten gehe nicht auf die Betroffenen ein, Mitarbeiter ohne Handicap würden sie als Last empfinden und mobben. „Der psychische Druck wächst“, sagt Schöner.

Mit Einwilligung der Betroffenen werde der sozialpsychiatrische Dienst der Städteregion Aachen eingeschaltet. „Auch kommen die Leute, die keine weiteren Familienangehörigen oder Verwandten mehr haben, mit den schwierigsten Problemen, die dringend auf staatliche Hilfe angewiesen sind und weitere Ansprechpartner suchen.“

Motivierend, so Schöner, sind gute Gespräche und andere Erfolge. So gelang es, auf der Emil-Nolde-Straße bei einer Linie von „Kölner Tellern“, die der Verkehrsberuhigung dienen, am Rand eine kleine Gasse für Rollstuhlfahrer freizuhalten. Und zusammen mit der Behindertengemeinschaft Würselen und dem Freizeitbad Aquana gelang es, dort einen Kran für einen Wassersitz zu installieren, wie er sagt.

Übrigens: Schöner und sein Stellvertreter Breuer bieten spezielle Beratungsstunden an (siehe Info oben).

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