Baesweilers Bürgermeister Dr. Willi Linkens im Interview

Interview mit Dr. Willi Linkens : Aus 100 sind 4200 Arbeitsplätze geworden

Dr. Willi Linkens ist bereits 40 Jahre im öffentlichen Dienst tätig. Davon allein 33,5 Jahre als Stadtdirektor beziehungsweise Bürgermeister von Baesweiler. In der Zeit hat er viel bewegt.

Zurzeit sei es in der Tat „ein bisschen viel“, bekennt Dr. Willi Linkens mit Blick auf seine Termindichte: „Momentan bin ich schon ab 6.30 Uhr im Büro.“ Als durchaus arbeitsversessen kennt man Baesweilers Bürgermeister, der selbst im Urlaub fast täglich im Rathaus nach dem Rechten sieht. In diesem Monat feiert Linkens sein 40-jähriges Jubiläum im öffentlichen Dienst. Seit 33,5 Jahren leitet er die Geschicke der Stadt, in der er geboren und aufgewachsen ist – zunächst als Stadtdirektor und in der mittlerweile vierten Amtszeit als hauptamtlicher Bürgermeister. Im Gespräch mit Beatrix Oprée wirft er einen Blick sein berufliches Wirken.

Erfüllt es einen eigentlich besonders, so langjähriger Bürgermeister der Heimatstadt zu sein?

Dr. willi Linkens: Ja, ich habe nie überlegt, mich woanders zu bewerben. Man kennt die Menschen und ihre Mentalität. Dazu Vereine und Institutionen. Das ist das Positive. Und was die Fähigkeit angeht, auf Menschen zuzugehen, sagt man, dass das bei mir gut klappt. Was wohl auch daran liegt, dass meine Eltern eine Bäckerei hatten, in der ich in meiner Jugend viel mitgearbeitet habe.

Aber da gab es vor Jahren auch mal den Blick auf den Posten des Städteregionsrats, der Ihnen zur Kandidatur angetragen worden war?

Linkens: Ja, und ich habe damals sehr lange überlegt. Und schließlich Nein gesagt. Ein wesentlicher Punkt war, dass ich den damaligen Ersten Beigeordneten Peter Strauch nicht überreden konnte, mein Nachfolger als Bürgermeister zu werden. Und ich hatte viel Zuspruch aus der Bevölkerung.

Das waren die einzigen Gründe?

Linkens: Man muss auch sehen, dass es bei der Städteregion im Wesentlichen um Aufsichtsfunktionen geht. Das Gestalterische hätte mir da gefehlt. Das, was man für eine Stadt bewirken kann.

Als Sie 1985 Stadtdirektor wurden, war Baesweiler noch von der Kohlevergangenheit geprägt. Hat sich da nicht ab und an ein wenig Reue eingeschlichen, nicht doch Richter geblieben zu sein?

Linkens: Nein, nie. Die vier Jahre als Richter waren gut und schön, zunächst am Landgericht und dann am überschaubaren Amtsgericht in Geilenkirchen. Aber ich war auch politisch aktiv und saß drei Monate für die CDU im Stadtrat, als der Stadtdirektor erklärte, in die freie Wirtschaft zu gehen und sein Mandat niederlegen zu wollen. Da habe ich mich beworben.

Das war ambitioniert.

Linkens: Ja, und es hat Diskussionen gegeben, ob da ein Parteiamt vergeben werde. Aber offenbar hatte meine Bewerbung überzeugt, ich wurde mit vier Stimmen mehr gewählt, als die CDU Sitze hatte. Das Ganze war eine Herausforderung, aber ich hatte als Wahlfach Verwaltungsrecht, gekoppelt mit Bau- und Beamtenrecht und glaubte schon, da ein bisschen fit zu sein.

Doch es galt ja auch, wirtschaftliche Perspektiven für eine Ex-Kohlekommune zu entwickeln …

Linkens: Sicher, als ich antrat, waren die Nachwehen der Kohle deutlich zu spüren. Die Zeche war zwar schon 1975 geschlossen worden, wirtschaftlich aber nicht viel geschehen. Emil-Mayrisch in Siersorf und Anna in Alsdorf waren noch aktiv. Also sagte man sich, könne Baesweiler als Wohn- und Schlafstadt dienen. Was gefährlich war: Denn die Zechen in Herzogenrath, Würselen und Übach waren ebenfalls schon dicht, was bereits erhebliche Auswirkungen auch auf den Einzelhandel hatte. So wurden in Baesweiler schwarze Fahnen gehisst.

Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um Aufbruchsstimmung zu verbreiten …

Linkens: Der Bergbau hatte sich still und heimlich zurückgezogen und eingezäuntes Brachland hinterlassen – da, wo heute der Carl-Alexander-Park ist. Und da zehn Jahre seit Zechenschließung nichts passiert war, fiel es schwer, auf wirtschaftlichem Sektor Fördergeber zu gewinnen. Beim ersten Bauabschnitt des Internationalen Technologie- und Service Centers (ITS) haben wir das zu spüren bekommen: Wir mussten zur Deckung der laufenden Kosten eine GmbH gründen. Weder IHK, Handwerkskammer noch Agit waren bereit, sich auch nur mit 1000 Mark daran zu beteiligen. Baesweiler war in Aachen bestenfalls als Endstation der Linie 51 bekannt.

Das Blatt hat sich dann bekanntlich schnell gewendet …

Linkens: Der erste ITS-Abschnitt war so erfolgreich, dass Zuschüsse für den zweiten kein Problem mehr waren und das Ministerium von sich aus anfragte, ob wir nicht noch einen dritten Abschnitt nachlegen wollten.

Amerikanische Firmen, heißt es, fühlen sich in Baesweiler wohl …

Linkens: Die ersten Firmen fürs ITS wurden über die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes akquiriert. Später waren wir in der Lage, selbst zu handeln. So meldete sich seinerzeit die Firma Cook aus Indiana gleichzeitig bei der GFW und deren niederländischem Pendant. Über 50 Städte bewarben sich um diese Ansiedlung. Letztlich waren noch fünf im Rennen. Dann stellte sich heraus, dass in Baesweiler schon zwei Firmen aus Indiana waren, und mit dem Präsidenten einer der beiden war ich befreundet. Beide Chefs haben bei Cook angerufen und von ihren positiven Erfahrungen berichtet. Wir haben eine Videobotschaft hinterhergeschickt. Das hat geklappt, Baesweiler bekam den Zuschlag. Wenn man nachweisen kann, dass sich amerikanische Firmen am Standort wohlfühlen, dann ist das ein gewichtiges Argument.

Was sich nachhaltig auf die Zahl der Arbeitsplätze auswirkt. Wie viele sind in den vergangenen drei Jahrzehnten geschaffen worden?

Linkens: Aus rund 100 in 1985 sind mittlerweile 4200 geworden.

Life-Science spielt da eine Rolle …

Linkens: Mittlerweile hatten wir das 18. Biotec-Meeting mit über 100 Anmeldungen aus ganz NRW. Auch Studenten waren dabei, mögliche Gründer von morgen.

Gibt es Neuansiedlungen?

Linkens: Zurzeit baut Ingeneric aus dem Bereich Lasertechnik im Gewerbegebiet. Rund 100 Arbeitsplätze sind hier angepeilt. Technologisch etwas Besonderes, unter dem Dach der Trumpf-Gruppe.

Baesweiler besaß bei Ihrem Amtsantritt gerade einmal zehn Jahre die Stadtrechte, war 1972 erst mit Setterich, Puffendorf und Oidtweiler fusioniert worden – wie steht es um die gemeinsame Identität?

Linkens: Insgesamt hat Baesweiler heute ja sieben Stadtteile. Man kann sagen, dass sich alle ernst genommen fühlen und eine starke Gemeinschaft bilden. Wir haben es geschafft, alle Grundschulen zu erhalten. Das war nicht einfach. Damals wollte die Landesregierung die drei Schulen in den Dörfern – in Beggendorf, Loverich und Oidtweiler – schließen. Das konnten wir verhindern, unter anderem durch Neubaugebiete. Und die Oidtweiler Schule muss nun schon zum zweiten Mal erweitert werden. Großes Thema ist auch die Bereitstellung von Kita-Plätzen in Zusammenarbeit mit der Städteregion. Das klappt auch sehr gut.

Kommen wir zur Innenstadtentwicklung: Welche Projekte sind umgesetzt, welche stehen kurz davor?

Linkens: Nach dem Volkspark sowie dem Bereich Feuerwehrturm und Kirchwinkel wird die Kückstraße saniert. Erweiterung und Sanierung des Hallenbades sind im Gange. Jetzt stehen Kirchplatz und Busknotenpunkt In der Schaf an. Es folgen ein Parkleitsystem und Hinweisschilder auf Ziele wie Burg und Sportbereich.

Manches wird nicht so schnell gegangen sein, wie ein Bürgermeister sich das vielleicht wünscht?

Linkens: Man muss manches Mal geduldig sein, aber mit einem starken Team haben wir vieles umgesetzt und auch kurzfristig geschafft.

Kritikpunkte wird es dennoch geben, die ein Bürgermeister äußert, der so lange im Dienst ist wie Sie?

Linkens: Da sind zum einen die Steueranteile, die für jede Stadt höher sein müssten. Die Verbundmasse ist vor 35 Jahren reduziert worden, und dabei ist es geblieben. Das muss verbessert werden. Ebenso wie die Abrechnung der Kosten für Asylbewerber. Aber im Präsidium des Städte- und Gemeindebundes, in dem ich schon seit vielen Jahren Mitglied bin, haben wir immerhin bewirkt, dass das Land die Mittel des Bundes, die bis vor zwei Jahren nicht an die Kommunen flossen, im vergangenen Jahr zu einem Fünftel, das sind 100 Millionen Euro, und ab 2019 im vollen Umfang, also 500 Millionen Euro, an die Kommunen in NRW weitergeben. Dafür sind wir dankbar. Positiv ist auch, dass über die Kommunalinvestitionsprogramme I und II sowie „Gute Schule“ und ISEK schon gute Fördersummen akquiriert wurden. Ende November ist der avisierte Bescheid zur Innenstadt- und Freizeitentwicklung über 4,4 Millionen Euro angekommen.

Und zum Dank gibt es den Ehrenlöwen für Ministerin Scharrenbach?

Linkens: Das hat mehrere Gründe: So gibt es nur drei Kommunen, in denen sich einst die Siebenbürgen niederließen, Baesweiler ist eine davon. Da wird der Begriff Heimat wichtig, gerade hier setzt das Ministerium neue positive Akzente. Die Siebenbürgen sind mit ihrer Tradition eine Bereicherung für die Stadt. Der Aspekt Förderung bezieht sich natürlich auch auf die Jahre vorher, in denen wir große Unterstützung hatten, ich denke an die Sanierung von Gymnasium und Burg sowie den Carl-Alexander-Park.

Ihre Bürgermeister-Amtszeit dauert bis Ende Oktober 2020. Was gilt es noch anzupacken?

Linkens: Vor allen Dingen ist da der Rathaus-Neubau, der bis 2020 allerdings nicht fertig wird. Aber vorher hat es eben vieles andere anzupacken gegeben – Schulen, Kitas, Innenstadterneuerung … Fertigzustellen ist das Schwimmbad. Und es ist festzustellen, dass wir stets die finanzielle Handlungsfähigkeit der Stadt erhalten, kein Haushaltssicherungskonzept benötigt oder einem Nothaushalt unterlegen haben.

Apropos neues Rathaus: Sie haben mal gesagt, dass Sie das Feld bestellt hinterlassen wollen, wenn sie, was 2020 der Fall sein wird, als Bürgermeister nicht mehr antreten. Haben Sie schon einen Nachfolger ausgeguckt oder ist es noch zu früh?

Linkens (lacht): Zwei Jahre vor der Wahl besteht noch kein Entscheidungsdruck.

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