Bürgermeister Willi Linkens hört auf: „Wir leben hier schließlich nicht in Neukölln!“

Bürgermeister Willi Linkens hört auf : „Wir leben hier schließlich nicht in Neukölln!“

Es ist das Ende einer Ära: Nach 35 Jahren ist für Baesweilers Bürgermeister Willi Linkens (66) im kommenden Jahr endgültig Schluss. Bei der Kommunalwahl im Herbst wird er nicht mehr für das Amt kandidieren. „Ich hatte meine Zeit, jetzt geht sie zu Ende, das ist auch gut so“, sagt Linkens im Interview mit Chefredakteur Thomas Thelen, in dem er auf eine erfolgreiche Zeit als Stadtdirektor und Bürgermeister zurückblickt.

Willi Linkens hört im kommenden Jahr als Bürgermeister der Stadt Baesweiler auf. Wie hört sich dieser Satz für Sie an?

Willi Linkens: Da meine Wahlzeit erst Ende Oktober 2020 endet, bleibt noch Zeit, sich darauf einzustellen. Aber es ist schon ein merkwürdiges Gefühl zu erkennen, dass die Aufgabe, die man so lange gerne wahrgenommen hat, bald endet und die jährlich stattfindenden Termine zum letzten Mal anstehen.

Fällt Ihnen der Abschied schwer?

Linkens: Ja, eindeutig ja! Aber es sind ja noch 14 Monate.

Die sind schnell rum...

Linkens: Und es gibt noch viel zu tun! Noch ist nicht die Zeit der Wehmut angebrochen. Aber ich bin sicher, dass mir der Abschied sehr schwerfallen wird von den vielen Kolleginnen und Kollegen, vom Rat und vor allem von den engagierten Bürgerinnen und Bürgern, zu denen ich eine sehr intensive und freundschaftliche Beziehung unterhalte. Aber ich bleibe ja Baesweiler Bürger.

Welcher Moment wird Ihnen in besonders Erinnerung bleiben?

Linkens: Da gibt es viele bedeutende Momente, die man nicht vergessen wird. Sicherlich die jeweiligen Wahlen zum Bürgermeister mit deutlichem Vertrauensbeweis. Aber auch so wichtige Ereignisse wie die Eröffnung des Carl-Alexander-Parks oder mehrfach der erfolgreiche Abschluss nach langen Verhandlungen bei der Ausweisung von Bebauungsplänen oder der Ansiedlung von Referenz-Unternehmen.

Wo Sie den Carl-Alexander-Park schon erwähnen: Mit einem guten Gefühl geht man da abends nicht allein spazieren. Nun ist Baesweiler nicht als Kriminalitätsschwerpunkt bekannt, doch Sie setzen seit einiger Zeit einen privaten Sicherheitsdienst ein. Wie sind die bisherigen Erfahrungen? Ist das ein Modell für die Zukunft?

Linkens: Der frühere Polizeipräsident hat meine ständige Forderung nach mehr Polizeipräsenz immer mit der eher niedrigen Kriminalitätsrate abgetan. Für mich war und ist die Sicherheit besonders wichtig. Wir setzen seit Jahren bedarfsorientiert Sicherheitskräfte ein, die zu den relevanten Zeiten und an den relevanten Orten ihren Dienst tun. Diesen Einsatz haben wir zuletzt deutlich ausgebaut, auch im Carl-Alexander-Park. Zahlreiche Städte informieren sich und übernehmen Teile unserer Regelung. Meines Erachtens ist der Einsatz geschulter Kräfte von zertifizierten Betrieben flexibler möglich.

Braucht es nicht einfach mehr Polizeipräsenz?

Linkens: Unbedingt! Gerade in den Abendstunden könnte eine stärkere Polizeipräsenz vieles bewirken, auch hinsichtlich der unvertretbaren Geschwindigkeit von Fahrzeugen in den Zentren. Nach dem Gesetz darf die Stadt leider keine Geschwindigkeitsmessungen vornehmen.

Und so rast die Szene mit lautem Motorengeheul und noch lauterer Musik bei geöffnetem Autofenster über die Kückstraße...

Linkens: Ich würde nicht von Rasen auf der Kückstraße reden, das nicht. Aber eine gewisse Präsenz der Szene, wie Sie das nennen, ist gewiss nicht zu leugnen.

Sie haben Baesweiler immer die Treue gehalten, gleichwohl gab es andere Offerten. Nun, da sich Ihre Amtszeit dem Ende zuneigt, können Sie uns endlich auch verraten, warum Sie 2009 nicht Städteregionsrat werden wollten.

Linkens: Das Amt des Städteregionsrates wäre eine interessante Aufgabe gewesen, die ich durchaus gerne wahrgenommen hätte. Andererseits ist Baesweiler meine Heimatstadt, der ich in ganz besonderer Weise...

... ich unterbreche Sie nur ungerne, aber ich befürchte, dass Sie meine Frage nicht beantworten...

Linkens: Lassen Sie mich das bitte mal zu Ende ausführen.

Natürlich.

Linkens: Das Amt des Städteregionsrates wäre eine interessante Aufgabe gewesen. Bei der damaligen Diskussion wurde ich von sehr, sehr vielen Bürgern, auch mit anderer Parteizugehörigkeit, dringend gebeten, doch in Baesweiler zu bleiben. Gerade wenn man viele Dinge auf den Weg gebracht hat und noch viele konkrete Pläne hat, fällt es nicht leicht, diese Position aufzugeben. Im Gegensatz zum Kreis geht es in einer Stadt nicht nur um rechtliche Aufgaben im Sinne der Aufsicht, sondern um konkrete Ziele und Verbesserungsmaßnahmen, die den Bürger unmittelbar berühren, und bei denen man ein objektives Feedback bekommt. Das macht dann schon mehr Freude!

Jetzt haben Sie meine Frage doch nicht beantwortet!

Linkens: Belassen wir es dabei.

Frühmorgens auf dem Reyplatz in Baesweiler – und Bürgermeister Willi Linkens, den man auf dem großen Foto aus der Vogelperspektive ausnahmsweise mal als kleine Gestalt in seiner Stadt wahrnimmt, ist schon unterwegs. Foto: Marco Rose

Gibt es in Ihrer Stadt mit den sieben Stadtteilen einen Ort, an dem Sie sich besonders gerne aufhalten?

Linkens: Nein, einen absoluten Spitzenreiter gibt es nicht. Andererseits ist es schon toll, mit dem Fahrrad bei schönem Wetter die Stadt abzufahren. Meine Tour geht dann oft von Loverich über Beggendorf zum Gewerbegebiet, um die Halde und durch die Innenstadt zurück. Manchmal brauche ich für die Tour sehr lange, weil ich mit vielen Leuten gerne rede. Zu Hause angekommen, stehen immer Mails an meine Kolleginnen und Kollegen an mit Anregungen, das eine oder andere zu verbessern oder beispielsweise grundlos weggeworfenen wilden Müll zu beseitigen.

Fahren Sie eigentlich auch schon mal Richtung Alsdorf?

Linkens: Ich fühle mich in Baesweiler extrem wohl.

Über 40 Jahre nach Ende des Steinkohlenbergbaus sieht die Bilanz gut aus, vor allem mit Blick auf die Arbeitsplatzsituation.

Linkens: Ja, der Strukturwandel nach Ende des Bergbaus ist geschafft! Nahezu 4500 Arbeitsplätze, ein florierendes Gewerbegebiet, das wir jetzt erneut erweitert haben. Das Technologie- und Gründerzentrum kann auf viele bedeutende Ansiedlungen verweisen. Das heißt doch, dass wir einer sehr großen Zahl von Menschen einen Arbeitsplatz bieten und das in unterschiedlichen Strukturen unter Vermeidung einer Monostruktur. Auch wohnortnahe Arbeitsplätze machen eine familienfreundliche Stadt aus.

Der Zuzug von außen scheint ungebrochen, neue Wohngebiete entstehen, die Prognose des ehemaligen Regierungspräsidenten Franz-Josef Antwerpes, wonach Baesweiler unter 20.000 Einwohner fallen würde, hat sich nicht bestätigt, heute sind es 28.000. Wohin soll die Reise noch gehen?

Linkens: Wir haben sicherlich nicht das Ziel, Großstadt zu werden. Es kann aber auch nicht sein, dass unsere jüngere Generation, die bauwillig ist oder eine angemessene Mietwohnung sucht, in eine andere Stadt ziehen muss. Auch müssen wir sozial geförderten Wohnraum bereitstellen. Wichtig ist auch, dass wir in den kleineren Stadtteilen Baumöglichkeiten schaffen in einem vertretbaren Rahmen. Nur so können wir verhindern, dass junge Leute dauerhaft wegziehen, nur so können wir z.B. in Beggendorf und Loverich die Grundschulen erhalten, um ein dörfliches Leben zu sichern. Wir wollen weiterhin ausgewogen bei Schonung der Natur handeln. Hier sei gesagt, dass ein Neubaugebiet auch erhebliche ökolgische Maßnahmen voraussetzt, etwa in Sachen Bepflanzung. Daher wird unsere Stadt auch durch Neubaugebiete „grüner“ als bei bloßen Ackerparzellen.

Baesweiler gilt in der Städteregion Aachen und darüber hinaus in vielerlei Hinsicht als vorbildlich, es gibt viel Lob und Anerkennung. Auch für den Bürgermeister. Kann zu viel Lob auch zum Problem werden?

Linkens: Wie soll ich diese Frage verstehen?

Na ja, wer nur über den grünen Klee gelobt wird, wird vielleicht ein bisschen nachlässig...

Linkens: Lob spornt an und motiviert, und das in vielerlei Hinsicht. Andererseits führt Lob auch dazu, dass man in keinem Bereich Schwächen entstehen lassen will. Ich kann jedenfalls gut mit Lob leben, bin aber auch für sachlich fundierte Kritik und für hilfreiche Anregungen immer offen und dankbar.

Dann nehme ich den Ball auf. Baesweiler wird von der Stadt als Ort der Harmonie und Heimatverbundenheit vermarktet, in der es sich gut leben lässt. Die wenigsten würden das bestreiten. Aber jenseits von Dämmerschoppen und Acht-nach-Acht-Kultur gibt es leichte Risse im Bild. Traditionsgaststätten schließen und weichen wie in anderen Städten Shisha-Bars, in der Innenstadt bleiben Ladenlokale ungenutzt. Wie bewerten Sie das? Beunruhigt Sie das?

Linkens: Die Aufzählung der positiven Eigenschaften unserer Stadt könnte man beliebig erweitern, insbesondere auf das vielseitige Angebot der Vereine hinweisen sowie auf das große ehrenamtliche Engagement und unsere Infrastruktur. Aber Sie haben recht. Auch bei uns gibt es Entwicklungen, die mir Sorgen machen. Aber wir leben nicht auf einer Insel. Die Schließung von Traditionsgaststätten kann ich nun wirklich nicht verhindern, manchmal mag es an der Veränderung der Ausgehgewohnheiten liegen, auf die sich nicht jeder einstellt.

Letztlich fällt alles auf den Bürgermeister zurück – im Guten wie im Schlechten. Fühlt man sich da ungerecht behandelt?

Linkens: Ich habe nun wahrlich keinen Grund, mich zu beschweren, das tue ich auch nicht. Ich sage halt nur, dass es gewisse Dinge und Entwicklungen gibt, auf die ich auch keinen Einfluss habe.

Sieht „keinen Grund, sich zu beschweren“: Willi Linkens im Gespräch mit Thomas Thelen. Foto: Marco Rose

Dinge und Entwicklungen?

Linkens: Ich meine damit deutschlandweite Einflüsse, die sich auch in Baesweiler auswirken. Die Schließung von Ladenlokalen macht uns Sorgen, wenn wir auch kräftig gegensteuern. Der Internethandel hinterlässt auch bei uns Spuren, wir unterstützen den Einzelhandel, wo es eben geht, bauen beispielhaft das Zentrum um. Wenn man sich die Aufwertung des Reyplatzes und bald des Kirchplatzes ansieht, so erkennt man auch die positiven Wirkungen, insbesondere auch mit der Außengastronomie.

Letztlich ist selbst in Baesweiler nicht alles Gold, was glänzt. In Setterich-Nord und in Baesweiler-West wird gerade ordentlich nachgebessert. Haben Sie das Augenmerk vielleicht zu stark auf Wirtschaftsförderung und Neubaugebiete gelegt?

Linkens: Man sollte nicht von Nachbessern, sondern von einer Fortsetzung der bisherigen erfolgreichen Bemühungen sprechen. Natürlich ist nicht alles perfekt, das wäre ja auch keine Herausforderung.

Ich frage nur nach.

Linkens: Das weiß ich doch. Wir sollten aber nicht so tun, als lebten wir in Neukölln oder in Duisburg! Es ist sicher einiges zu tun, aber die Strukturen sind bei weitem nicht so schlecht wie in vielen anderen Städten, das bedeutet jedoch nicht, dass wir uns zurücklehnen, wir wollen unsere Lage verbessern, unser Ehrgeiz ist sehr groß.

Zum Beispiel in Setterich?

Linkens: Genau, und hier muss ich einiges richtigstellen. Da haben wir in den vergangenen Jahren sehr viel getan. Mit dem Haus Setterich haben wir viele Impulse gesetzt, haben auch erhebliche bauliche Maßnahmen ergriffen, in der Siedlung das Umfeld und den Wohnwert verbessert. Es ist uns gelungen, einige wichtige Geschäfte anzusiedeln und wir arbeiten daran, dass dieser Weg weiter geführt wird. Die Maßnahmen zur „Sozialen Stadt“ Setterich, insbesondere auch die Beratung und Betreuung der dort lebenden Menschen, sind vorbildhaft, andererseits erreichen wir nicht alle Einwohner. Wie in anderen Städten gibt es auch bei uns eine gewisse Tendenz zur selbst gewollten Isolierung von Menschen. Unsere Integrationsbemühungen setzen aber die Bereitschaft voraus, mitmachen zu wollen.

Und in Baesweiler?

Linkens: Hier haben wir uns mit der Erstellung des Sozialplans entschlossen, im sozialen Bereich wichtige Schritte zu unternehmen, etwa für Alleinstehende. So wollen wir eine Anlaufstelle schaffen, die sicher eine Anonymisierung reduzieren könnte. Im Übrigen sind Wirtschaftsförderung und Sozialpolitik keine Gegensätze. Ich glaube, dass wir die Ziele parallel erreichen.

Im August 2015 haben Sie in dieser Zeitung gesagt, dass Sie es als Ihre Aufgabe ansehen, dafür zu sorgen, dass ein geeigneter Nachfolgekandidat rechtzeitig zur Verfügung stehen wird. Haben Sie ihn gefunden?

Linkens: Ja. Aber in unserem demokratischen System, das wir zum Glück haben, nominieren die Parteien die Kandidaten und die Bürger wählen.

Sie werden uns jetzt sicher verraten, wie er heißt...

Linkens: Nein.

Wie wollen Sie von 180 km/h auf Ruhestand runterkommen? Wohin werden Sie Ihre Energie und Ihre innere Unruhe führen?

Linkens: Das weiß ich noch nicht. Ich hoffe, hierzu noch im nächsten Jahr bis zur Pensionierung Ideen entwickeln zu können. Es steht jedoch fest, dass ich mich freue, in Zukunft mehr Zeit für meine Familie zu haben, die in meiner aktiven Zeit sicher oft zu kurz gekommen ist.

--- Bis hier konnten Sie das Interview auch in unserer gedruckten Ausgabe lesen. Lesen Sie nun die zusätzlichen Fragen und Antworten. ---

Wie beurteilt Sie die finanzielle Lage der Stadt?

Linkens: Man überträgt den Kommunen immer mehr Aufgaben, ohne ausreichend für einen finanziellen Ausgleich zu sorgen. Andererseits kann ich feststellen, dass ich in den 35 Jahren nicht die schwierige Aufgabe hatte, einen Nothaushalt beschließen zu lassen oder ein Haushaltssicherungskonzept oder ein Sanierungskonzept aufzustellen. Ich kann also feststellen, dass wir trotz vieler Aufgaben und vieler zukunftsweisender Investitionen und trotz niedriger Steuersätze handlungsfähig geblieben sind und insbesondere die Bürger nicht unzumutbar belastet haben. Es ist eben die Aufgabe, kostenbewusst mit dem Vermögen der Stadt umzugehen. So hält sich auch die städtische Verschuldung trotz der Investitionen in einem gut vertretbaren Rahmen.

Wie wirkt sich das bei den Entscheidungen für den Bürger aus?

Linkens: Die Hebesätze der städtischen Steuern sind im Vergleich zu den anderer Städten ausgesprochen niedrig. Das entlastet die Hauseigentümer, aber auch die Mieter hinsichtlich der Nebenkosten, aber auch die Gewerbetreibenden. Auch die Gebühren in den unterschiedlichen Bereichen, so z.B. für Abfall und Abwasser, sind in unserer Stadt vergleichsweise niedrig. Also eine deutliche Entlastung für unsere Bürgerinnen und Bürger.

Man sagt Ihnen nach, Sie seien ein sehr bürgernaher Bürgermeister. Was ist Ihre persönliche Definition des Begriffs bürgernah?

Linkens: Für mich bedeutet Bürgernähe, für jeden Bürger ansprechbar zu sein und deren Anliegen ernst zu nehmen. Dies gilt nicht nur für die Zeit im Rathaus, nein auch bei vielen Veranstaltungen und zufälligen Treffen. Der Bürger merkt, ob man ein offenes Ohr für ihn hat. Schön ist, wenn man dann helfen kann, wichtig ist aber auch, eine notwendigerweise negative Entscheidung im Gespräch zu erklären. Dafür haben die meisten Bürger Verständnis. Das Gespräch auf der Straße oder Kirmes im Zelt oder das Anhalten und Plaudern bei der Radtour sind gelebte Bürgernähe und das nicht nur ein halbes Jahr vor der Wahl! Das war für mich vom ersten Tag an selbstverständlich.

Wo lernt man dieses Auf-die Menschen-Zugehen?