Erlebnisraum Aachener Revier in Baesweiler

Was man mit Fördermitteln so alles machen kann : Wie Radfahren und Pausen inszeniert werden

Es fehlt nicht an Bedeutung heischenden Wortschöpfungen. Die Rede ist von Erlebnisräumen und -schleifen, Ankerpunkten, unverwechselbaren Geschichten, Gebietskulissen und Inszenierungskonzepten. Zudem gibt es „SWOT“, was auf den ersten Blick auf eine weitere Form eines mobilen Einsatzkommandos hinzuweisen scheint.

Dabei geht es nicht um die neue Bühnenfassung einer opulenten Oper im Rahmen der Wagner-Festspiele, sondern um die Frage, wie im „Erlebnisraum Aachener Revier“ tatsächliche und vermeintliche Sehenswürdigkeiten angesteuert werden können.

Die damit verbundene Erwartung lautet: am besten von Touristen per Rad, die auch noch unterwegs reichlich Geld ausgeben!

Und hinter „SWOT“ verbirgt sich eine Analyse, ein englisches Akronym für Strengths (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Opportunities (Chancen) und Threats (Risiken), was als ein Instrument der strategischen Planung gilt.

Wenn die Radfahrer, ob aktuelle oder potenzielle, nur wüssten, was für ein wortgewaltiger Aufwand da getrieben wird . . . Viele wollen einfach nur Rad fahren und unterwegs mal etwas trinken und Leichtes essen, damit es ungezwungen ohne Bauchkneifen weiter gehen kann.

Kommen wir auf den Boden der Tatsachen zurück: den Streckenverlauf. Von der Städteregion Aachen und den beteiligten Kommunen des „Nordraums“ (Vorsicht: nicht Skandinavien, sondern Alsdorf, Baesweiler, Herzogenrath und Würselen) wurden bereits zwei solcher Erlebnisrouten abgestimmt.

Nicht zufrieden: Der Stadt Baesweiler reicht es nicht, dass nur der Carl-Alexander-Park per Rad angesteuert werden soll. Foto: Karl Stüber

Tapfer trug Baesweilers Technische Dezernentin Iris Tomczak-Pestel Details im Bau- und Planungsausschuss vor. Sinnigerweise soll die „Zeitschleife“ für den ehemaligen Zechenstandort Baesweiler „Schwarzes Gold“ heißen. „Baesweiler ist unzufrieden mit den Vorschlägen der Städteregion. Wir haben darüber bereits mit dem Radbeauftragen gesprochen“, so Tomczak-Pestel. So wolle die Stadt, dass die Radler nicht nur zum Carl-Alexander-Park (CAP) geführt werden.

Das erscheint angesichts vieler Worte und wenig „Output“ absolut nachvollziehbar.

Nun könnten die Ausflügler im CAP nach Besuch der Shisha- und Cocktail-Bar im Roten Haus die Natur mit anderen Augen sehen lernen und ohnehin auf einen Ausflug in die Innenstadt verzichten. Aber das meinte Tomczak-Pestel nicht. Vielmehr wünscht die Verwaltung geradezu, dass die Erholungssuchenden auf ihren Rädern obendrein zur Burg und zum Reyplatz geleitet werden, wohl um die reizvolle Gastronomie und die Geschäfte dort aufzusuchen. Diese Zusatzschleife soll die Radler über den Herzogenrather Weg zu besagtem Reyplatz führen und von dort aus über Kück-, Löffel- und Kirchstraße (also die „Einkaufsmeile“ der Innenstadt) sowie zurück über Aachener- und Kapellenstraße zum CAP.

Die Phantasie der beauftragten Planer scheint vor keiner Hollywoodproduktion zurück zu schrecken. In Anlehnung an die Trilogie „Zurück in die Zukunft“ mit Michael J. Fox als Marty McFly lautet das Motto „Aachener Zeitschleifen – Mit dem Fahrrad vom Gestern ins Morgen“, wahrscheinlich nicht mit Fluxkompensator, sondern mit bürgerlichem Elektromotor als Unterstützung für die Pedalritter. Standortvorschläge mit ersten Planungsskizzen und Ausstattungsmerkmalen der „Rast- und Erlebnisorte“ sind den betroffenen Kommunen, also auch Baesweiler, präsentiert worden, wobei sich die Frage erhebt, was denn „zu verwendende identitätsstiftende Informationsobjekte oder Abstellanlagen“ sind. Indes ist einzuräumen, dass zweckdienlich wäre, die Abstellanlage fürs Rad einwandfrei identifizieren zu können, um nach der Pause zum Drahtesel zurückfinden zu können.

Übrigens: Beauftragt mit der Entwicklung „standortbezogener individueller Inszenierungsobjekte“ ist die Agentur pronatur GmbH aus Österreich, der wohl auch das Planer- und Marketing-Kauderwelsch zu verdanken sein dürfte.

Projektbeschreibung

Was kam bislang bei dem ganzen Aufwand für Baesweiler raus? Ein „Spielobjekt“, das „auf den Bergbau und den CAP Bezug nimmt“. Eine Lore? Dann werden für den CAP „Module“ vorgeschlagen: Infotafeln (für den Steg zur Haldenbesteigung und Grünachse, aha!), „Entwicklungsquader“, Fahrrad­abstellplätze (echt jetzt?) und eine „Schmetterlingsbahn“. Den Startpunkt hierfür bildet ein stilisiertes Fördergerüst. „Von diesem fliegt man mit dem Schmetterling (einem in das Seil eingehakter Sitz mit einem Schmetterlingsdach am Ende der oberen Stange) zu seinen Nahrungspflanzen. Das Teil ist 30 Meter lang und sechs Meter breit.

Zur Möblierung soll auch eine Ödlandschrecke gehören, eine geschnitzte Figur mit den Maßen drei mal 1,10 Meter, auf denen Kinder klettern können“, heißt es in der Projektbeschreibung. Bemäkelt werden Infotafeln und Spielgerät. Die Baesweiler wollen ein großes Klettergerüst haben. Das „Förderband“ (Puh, also doch keine Lore) falle viel zu klein aus. Und überhaupt!

Zu den Kosten hieß es: Von den 100.000 Euro insgesamt zahlt das Land 80.000, die Städteregion und die Kommune jeweils 10.000 Euro.

Auch aus Reihen des Fachausschusses wurde angesichts des Brimboriums um so wenig Kritik geübt. Da werde ein großes Inszenierungskonzept angelegt, nur um an Fördergelder zu kommen. Besser sei, sich erst einmal Gedanken zu machen, was wirklich Sinn macht, und dann nach einem Fördertopf zu suchen, wie Marika Jungblut (Linke) sagte. Befürchtet werden Metalldiebstahl und Vandalismus.

Rolf Beckers (Grüne) berichtete von Kritik aus Reihen des Tourismusausschusses der Städteregion. Zum Vorschlag, Baesweilers Innenstadt in die „Erlebnisschleife“ einzubeziehen, sagte der bekennende Radfahrer, der nach eigenem Bekunden viele Touren ausarbeitete und noch mehr abgefahren ist: „Niemand wird diese Zusatzschleife fahren.“ Allenfalls könnte sich der eine oder andere für die Burg interessieren. Vertreter von CDU und SPD sprachen sich für Nachverhandlungen aus.

Aber ob Baesweiler sich da durchsetzen kann? Schließlich ist man ja nur ein Partner unter mehreren. Zudem wolle die Städteregion die „Möblierung“ schon im August oder September bestellen, hieß es seitens der Verwaltung. So könnte es also sein, dass in ein paar Monaten Radfahrer am CAP an seltsamen Landmarken vorbei rollen, deren Bedeutung entweder nicht selbst erklärend ist oder durch die Erosion der Rücksichtslosigkeit unerkannt bleibt.

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