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In Baesweiler lebt das Hobby : Die Nische mit der kleinen Eisenbahn

In Baesweiler lebt das Hobby : Die Nische mit der kleinen Eisenbahn

Im vergangenen Jahr hat im Baesweiler Stadtteil Setterich ein Modellbahnladen neu eröffnet. Wer glaubt dieses Hobby sei tot, der sollte sich dort mal mit Sandro Concolato unterhalten.

Es handelt sich um eine Rarität. Im Großen wie im Kleinen. Die aus physischer Warte aus betrachtet große Rarität ist ein Laden, wie man ihn kaum und vor allem immer seltener findet – ein Modellbahngeschäft, eröffnet im vergangenen Jahr in Setterich. In dessen Hinterzimmer brütet Sandro Concolato mit einer Brille auf der Nase gerade über einem dicken Wälzer. Mit dem Zeigefinger fährt er Zeile um Zeile entlang, blättert vor und wieder zurück. „Eine SLR 800. Baujahr ‘38/‘39 müsste die sein. Hier. Tenderachsfolge B, Stromlinienform, schwarz, Aufbau Guß. Bürstenlager in Gehäuseaussparung“ – das ist die kleine Rarität.

Klein wiederum nur physisch betrachtet, denn eines solchen Modells der Marke Märklin aus der Vorkriegszeit habhaft zu werden, das dazu noch einigermaßen beieinander ist, das ist ein beinahe aussichtsloses Unterfangen und kann nur mit Glück gelingen. Genau das war Concolato hold. Am Wochenende zuvor hatte sich ihm eine seltene Gelegenheit geboten: Er hatte von einem Sammler im Rheinland erfahren, der seine Schätze aus Altersgründen abzugeben bereit war. Zusammen mit anderen delikaten Seltenheiten konnte Concolato ihm die Lok abkaufen. Im Konvolut, das anschließend mit dem 57-Jährigen die Heimreise nach Baesweiler antrat, befand sich eine sogar noch seltenere Variante.

Concolato schaut auf und hebt seine Brille von der Nase hoch auf den Kopf: „Die steht mit 4000 Euro im Katalog.“ Auch wenn der Betrag beim Verkauf der weinroten SLR 700 nicht in dieser Höhe über den Tresen gehen wird – dass dieses Modell lange stehen bleibt, wenn die Szene Wind davon bekommt, glaubt Concolato nicht.

Detailverliebt, aber nie richtig fertig

Erklärungen darüber, wovon genau die Faszination der kleinen Eisenbahnen ausgeht, werden so vielfältig ausfallen, wie es die einzelnen Sammelgebiete innerhalb des Hobbys sind. Für den einen ist es die Technik, für den anderen pure Nostalgie, ein Dritter mag meditative Entschleunigung im Betrieb seiner Modellbahn suchen. Concolato: „Eine Dampflok, besonders wenn sie sich bewegt, lebt in meinen Augen. Sie atmet, man hört die Maschine, sieht, wie sie arbeitet und wie sie sich anstrengt. In natura. Im Modell fasziniert mich, wenn eine Maschine sich so originalgetreu wie möglich über die Bahn bewegt. Über Gebirgsstrecken, die auch entsprechend ausgebaut sind.“

Sandro Concolato, der von Kunden auch schon mal Modellbahnpapst genannt wird, pflanzt einer analogen Lok einen winzigen Decoder ein, um sie für den digitalen Modellbahnbetrieb fit zu machen. Foto: MHA/Thomas Vogel

Kein Zufall also, dass Concolatos eigene, private Bahn zuhause genau über eine solche detailverliebt aufgebaute Strecke fährt. Ein Stammkunde, der den Laden zuvor betreten hat, pflichtet Concolato bei. „Aber: Einen Zeitrahmen sollte man sich nicht stecken“, fügt er an. „Denn so eine Modellbahnanlage wird eigentlich nie richtig fertig.“ Concolato nickt wissend.

Keine Wiederauferstehung

Erlebt das Hobby Modellbahn gerade eine Wiederauferstehung? Nun, dafür müsste es überhaupt erst einmal gestorben sein, und das sei es nie, meint der Fachmann. Auch wenn das Interesse daran in den vergangenen Jahrzehnten unbestreitbar nachgelassen habe. Immer noch würden Läden für immer geschlossen, allerdings hauptsächlich, weil das Internet großen Druck ausübe und den Geschäften vor Ort viele der verbliebenen Kunden abgrabe. Videospiele, Handys, Netflix sind Konkurrenten, gegen die eine Modellbahn bei jungen Menschen einfach den Kürzeren zieht.

Bei vielen, nicht bei allen. Ja, die meisten Kunden seien ihren Kinderschuhen schon ein paar Tage entwachsen. Nein, es seien nicht nur Greise, die in den Laden kämen. Ein klassisches Szenario erlebt Concolato immer noch: Mama und Papa kommen, um für den Sprößling eine Modelleisenbahn als Weihnachtsgeschenk zu kaufen. So hatte es einst auch bei ihm selbst angefangen, da war er gerade vier Jahre alt. Im vergangenen Dezember habe er extra fünf Startersets für diese Gelegenheit zusammengestellt. Sie alle fanden Abnehmer. Die jüngsten Kunden, die aus eigenem Antrieb kommen, schätzt er auf zehn bis 12 Jahre.

Nicht nur Schienenfahrzeuge, sondern auch Gebäude aller Art sind in Baesweiler zu bekommen, nicht nur neu, sondern auch gebraucht. Foto: MHA/Thomas Vogel

Trotz aller widrigen Umstände und des Nimbus’ der Vergangenheit, von dem Modellbahnen in der Wahrnehmung vieler Menschen umweht sind, hat im Oktober 2019 in der Baesweiler Emil-Mayrisch Straße 8 der Modellbahnladen eröffnet. Das kam so: Bevor der Laden existierte, hatte Concolato für die Glas Frings GmbH in Baesweiler gearbeitet. 2017 war er für längere Zeit erkrankt und eines Tages in die Firma gefahren, um seinen Chef zu besuchen, mit dem er sich immer schon gut verstand. Bei dieser Gelegenheit erzählte Concolato von seiner Leidenschaft – dem Modellbahnbau – und seiner Idee, gemeinsam mit einem Bekannten gebrauchte Modellbahnen zu kaufen, sie flott zu machen und wieder zu verkaufen. Sein Chef stellte eine naheliegende erste Frage: „Lohnt sich das denn überhaupt?“ Und Concolato zeigte ihm im Netz, wie groß der Markt und das Interesse an Modellbahnen immer noch ist.

Vor rund drei Jahren hatte er eine Facebook-Gruppe unter dem Titel „Märklin Hobbywerkstatt“ gegründet, in der alles rund ums Hobby gehandelt wird und in dem sich Modellbahnenthusiasten austauschen. Der Gruppe – die Mitglieder kommen aus ganz Deutschland, aber auch dem europäischen Ausland – gehören mittlerweile fast 2500 Menschen an. Es wird gezeigt, geschaut, gefachsimpelt. Darüber, wie sich analoge Bahnen digitalisieren lassen zum Beispiel, über neue Modelle, alte Schätzchen und den Anlagenbau. „Sag’ deinem Bekannten ab. Wir beide machen das zusammen“, hatte sein Chef daraufhin zu ihm gesagt. Eine Folge dieses Gesprächs ist der Laden in Setterich. „Es läuft“, sagt Concolato. Das Geschäft sei ein großer Erfolg. Nun gehöre zu seinem Tagesgeschäft vor allem, Bahnen zu reparieren und für den digitalen Betrieb umzubauen. Die Aufträge erreichen ihn nicht nur aus Deutschland.

Während er die Entstehungsgeschichte des Modellbahnladens Revue passieren lässt, meldet in der Facebookgruppe ein Mitglied aus Österreich bereits Interesse am Highlight der gerade eingesammelten Sammlerschätzchen an. Die weinrote SLR 700, von Märklin 1936 gebaut, war ohne Kennzeichnungen an der Seite laut Concolato damals nur im Werksverkauf zu bekommen. Dieser hier fehlen die Kennzeichen auch. Wer zuschlagen möchte, sollte schon ein paar Euro fünfzig einplanen.

Dem Stammkunden, der den Laden kurz zuvor betreten hatte, reicht Sandro Concolato die SLR 700 auf einen Blick. Der dreht sie ehrfürchtig hin und her, beäugt sie aufmerksam aus allen Winkeln, wiegt sie in der Hand. „Das ist echt ein superschönes Modell. Wirklich toll. Wirklich gelungen.“ So klingt Begeisterung. Begeisterung, wie sie Modellbahnen noch immer auslösen.