Das Fanfarencorps der Prinzengarde Alsdorf nimmt Abschied von Fabian

„Il Silencio“ für den Kameraden Fabian : Das Fanfarencorps der Prinzengarde Alsdorf nimmt Abschied

Es gibt Bilder, die prägen sich ein. Die wird man so schnell nicht los. Dieses hier ist so ein Bild: Auf der Bühne der Alsdorfer Stadthalle steht eine Fanfare, neben der Fanfare steht ein halbes Glas Pils, oben über das Mundstück der Fanfare ist eine Narrenkappe der KG Prinzengarde Alsdorf gestülpt. Da, wo an diesem Abend normalerweise der Fanfarenspieler Fabian gestanden hätte, steht nur diese eine Fanfare – seine Fanfare.

Er hat sie geliebt. So wie er die Gemeinschaft des Fanfarencorps geliebt hat. Karneval war sein Ding. Und die Prinzengarde. „Er war ein Hundertprozentiger“, sagt Corpsführer Mark Engelen (33). „Wenn man sich auf einen verlassen konnte, dann auf Fabian.“

Am 19. Februar hatte sich der 21-Jährige, der als Geselle in einem Elektrobetrieb arbeitete, zu Hause hingelegt, er fühlte sich nicht wohl, war eingeschlafen – und nicht wieder wach geworden. Mitten aus dem Leben gerissen. Tod mit 21 Jahren. Eine Woche später sitzen einige seiner Freunde aus dem Fanfarencorps der Prinzengarde in einem Nebenraum der Prinzenhofburg Amadeus und ringen um Worte. Drinnen in der Stadthalle läuft die traditionsreiche Gardeströppsitzung des Gymnasiums Alsdorf, die Stimmung ist prächtig. Natürlich gibt es einen Auftritt des Prinzenpaars Stefan und Ute samt Fanfarencorps. Fabian ist nicht mehr dabei.

„Ein böser Traum“

„Es kommt einem so unwirklich vor, man meint, dass man am nächsten Morgen wach wird und alles nur ein böser Traum war“, sagt Christoph Drafehn (28), wie Fabian Fanfarenspieler im Corps.

In dem Nebenraum im Amadeus hängen Fotos der Prinzenpaare aus all den Jahren an der Wand. Für Fabian hatte 2014 alles mit Prinz Frank Breuer und Prinzessin Sandra begonnen. „Fabian spielte die dritte Fafarenstimme, er war ein sehr guter Bläser. Und er war das, was man einen perfekten Vereinsmenschen nennt, immer zur Stelle, immer da, sich für nichts zu schade“, sagt Corpsführer Engelen. Ein Lautsprecher, das sei Fabian nie gewesen, eher der stillere Typ. Doch eine Meinung zu den Dingen habe er immer gehabt, und mit der habe er niemals hinter dem Berg gehalten. „Nie hinten rum, immer geradeaus, bei ihm wusste man, woran man war“, sagt Engelen.

Beliebt war Fabian auch in den anderen Karnevalsvereinen. „Man musste ihn einfach mögen“, sagt Jonas Gilleßen (20), ebenfalls Mitglied im Fanfarencorps. „Wenn irgendetwas zu tun war, dann war Fabian der erste, der den Arm hob. Menschen wie er sind ein Glück für jeden Verein.“ Er werde fehlen. Wahrscheinlich werde ihnen allen das aber erst nach Karneval so richtig bewusst.

Der plötzliche Tod Fabians ereilt die Karnevalisten auf dem Höhepunkt jener Jahreszeit, die für sie die schönste des Jahres ist. „Im Moment funktionieren wir einfach nur“, sagt Prinzengarden-Kommandant Hans Peters, der vier Häuser neben Fabians Elternhaus lebt und als erster die traurige Nachricht erhielt.

Nachdem er das komplette Fanfarencorps informiert hatte, war man noch am Abend im Probenraum des Kultur- und Bildungszentrums (KuBiz) zusammengekommen, um gemeinsam den ersten Schock zu verarbeiten. Einen Tag später trafen sich große Teile der Prinzengarde in der Stadthalle, um im Beisein von Beatrix Hillerman, Pastoralassistentin und Trauerbegleiterin, an Fabian zu denken. „Jeder hat eine Kerze angezündet, wer etwas sagen wollte, hat etwas gesagt. Das waren bewegende Momente, die für alle sehr wichtig waren“, sagt Peters.

Eine psychologische Betreuung für das Fanfarencorps habe es übrigens zu keinem Zeitpunkt gegeben. „Das wurde erzählt, ich habe das mitbekommen, doch es stimmt nicht“, sagt Peters und nutzt die Gelegenheit, dies klarzustellen.

Natürlich habe sich den Verantwortlichen der Garde die Frage gestellt, wie es nun mit der Session weitergehen sollte. „Kann man unter solchen Umständen weitermachen? Kann man da noch Karneval feiern? Wie soll das gehen?“, sagt Peters. Fragen über Fragen. Letztlich habe man sie so beantwortet, wie Fabian es gewollt hätte: „Macht weiter, geht raus und spielt unsere Lieder!“

Große Unterstützung erfuhr das Corps von Prinzenpaar Stefan und Ute und dem gesamten Gefolge. „Das war beeindruckend, nicht nur deshalb, weil die beiden sich sofort entschieden haben, einige Tage gar keine Auftritte zu machen“, sagt Peters. Er weiß, dass es immer Menschen geben wird, die für die Entscheidung, nach einigen Tagen der Trauer wieder in das Geschehen einzugreifen, wenig Verständnis haben. „Wir haben das alle miteinander so vereinbart und wir sind mit uns und dieser Entscheidung im Reinen“, sagt der Kommandant. So sehr wie in diesem Jahr habe er den Aschermittwoch allerdings noch nie herbeigesehnt. „Das ist schon eine besondere Situation, aber wir gehen als Gemeinschaft da durch, ich glaube sogar, dass wir in den vergangenen Tagen noch ein Stück näher zusammengerückt sind. Das ist sehr tröstlich. Das macht Mut.“

Über das, was in jenen Momenten, als sie alle miteinander beim Kerzenschein an Fabian dachten, noch geschah, wollen die jungen Corpsmitglieder nicht reden. Das bleibe unter ihnen. Einen kleinen Eindruck vermittelt Christoph Drafehn dann doch: „Zu sehen, wie erwachsene Menschen in der Trauer ihr Herz öffnen und reden, weinen und sich umarmen, hat mich tief bewegt“, sagt der 28-Jährige. Das habe dann eben doch noch mal eine andere Qualität als die Trauerbekundungen, die in den Sozialen Netzwerken die Runde gemacht hatten. „Klar, auch Facebookeinträge können tröstlich sein, aber das ist dann doch etwas anderes.“

„Für die Ewigkeit“ von den Räubern war Fabians Lieblingslied. „Das war sein Lied“, sagt Denise Engelen (33), die im Fanfarencorps die Lyra spielt, das Glockenspiel. Wenn sie das Stück in diesen Tagen auf den Karnevalsbühnen Alsdorfs zum Besten geben, dann kann Denise nicht anders, dann kommen bei den ersten Tönen die Tränen. Auch Denise beschäftigt die Frage sehr, ob man angesichts von Fabians Tod einfach so weitermachen kann mit dem Karneval. „Fabian hätte es so gewollt. An diesem Gedanken kann man sich festhalten“, sagt sie.

Ein bisschen fühlt sie sich beobachtet in diesen Tagen, einerseits sei da die Erwartungshaltung, „vernünftig“ zu trauern, andererseits sei da der Karneval mit all den Auftritten, die noch zu absolvieren sind. Besonders hat sie geschockt, dass es bei manchen Menschen eine Art Wettbewerb zu geben scheint, wer denn am meisten trauert. „Ihr trauert ja gar nicht so sehr wie wir“, habe ihr neulich jemand aus einer Karnevalsgruppe gesagt. „Das war echt hart“, sagt sie.

Am Dienstagabend, wenn zwar noch nicht Aschermittwoch, aber für die Prinzengarde mit dem letzten Auftritt der Session alles vorbei ist, werden sie wie in jedem Jahr zum Alsdorfer Nordfriedhof fahren. Diese letzte Tour hat eine lange Tradition. Und so wird der Bus wie immer auf dem Parkplatz vor dem Friedhof vorfahren. Der Busfahrer wird das Licht im Bus löschen und die Türe öffnen. Einer der Fanfarenspieler wird hinausgehen, sich draußen vor das Eingangstor zum Friedhof stellen und das berühmte „Il Silencio“ blasen.

„So gedenken wir unserer Verstorbenen“, sagt Hans Peters. Und während er das sagt, ahnt man, dass dieses Ritual in diesem Jahr für alle Beteiligten noch einmal sehr anders sein wird.

Fabian, 21, wird am Samstag, 2. März, auf dem Nordfriedhof beigesetzt. Auf der Todesanzeige war ein Bild von ihm zu sehen. Fabian in der Uniform der Prinzengarde. Ein stolzer Gardist. Die Fanfare in seinen Händen.

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