Aachen: Am Landgericht wird wegen eines Enkeltricks verhandelt

Gerichtsverhandlung: Ein Enkeltrick und sein langes juristisches Nachspiel

Minutenlang liest der Richter aus dem Attest vor. Es listet die körperlichen und psychischen Leiden auf, die bei Janusz S. diagnostiziert worden sind, es sind sehr viele, und wenn Janusz S. so dasitzt, kommen keine Zweifel auf, dass es ihm nicht gut geht.

Janusz S. ist 61, könnte aber locker 15 Jahre älter sein, er zittert permanent, an seinem Stuhl lehnt ein Stock. Er wurde von zwei Justizbeamten in den Gerichtssaal geleitet, wo wegen eines sogenannten Enkeltricks verhandelt wird. S. ist der Angeklagte. Nicht das Opfer.

Die Tat hat sich bereits 2013 abgespielt. An einem Novembertag klingelte bei einer damals 55-jährigen Frau aus Setterich das Telefon. Der Anrufer gab sich als ihr Neffe aus, er habe Geldprobleme und brauche dringend Hilfe, jammerte er. Die Settericherin allerdings drehte den Spieß um. Sie habe zwei Kilogramm Goldschmuck zu Hause, die könne er haben, erklärte sie. Sie und eine Nachbarin füllten Katzenstreu in eine Plastiktüte und versetzten es mit ein wenig Parfüm, parallel wurde die Polizei zu der fingierten Übergabe eingeladen. Glücklicherweise war gerade eine Streife in der Nähe, und Janusz S. und ein damals 41 Jahre alter Komplize wurden vor Ort festgenommen. Das ist fast sechs Jahre her. Wer der Anrufer war, weiß man bis heute nicht, die Hintermänner sitzen wohl in Polen.

Der kuriose Fall demonstriert in wohltuender Weise, dass nicht alle Bürger, die als Opfer ausgeguckt werden, so leichtgläubig sind wie die Trickbetrüger es gerne hätten. Aus der Perspektive des Jahres 2019 führt die Sache allerdings auch vor Augen, wie viel Zeit und Aufwand es in einem Rechtsstaat kosten kann, bis ein mutmaßlicher Täter rechtskräftig verurteilt worden ist. Denn was S. betrifft, ist es dazu bis heute nicht gekommen.

Das erste Verfahren fand 2015 am Amtsgericht Aachen statt, wo S. wegen versuchten gewerblichen Bandenbetrugs zu einem Jahr und sieben Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt wurde. Er ging in Berufung, der Fall ans Aachener Landgericht. Dort wurde das Strafmaß 2016 auf ein Jahr reduziert, gute Gründe für eine Bewährung sah jedoch auch der neue Richter nicht.

S. legte erneut Rechtsmittel ein, womit das Oberlandesgericht Köln zuständig war. Dort stellte ein weiterer Richter fest, dass das zweite Urteil aus Aachen „prozessual fehlerhaft“ gewesen sei – und schob den Fall genau dorthin zurück. Man kann nur erahnen, was schon bis hierhin an Arbeitsstunden für Rechtsanwälte, Staatsanwälte, Gerichtsdiener und Richter angefallen ist – und es geht ja noch weiter. Das vierte Verfahren fiel nämlich flach, weil der Angeklagte nicht erschien. Seit Anfang Februar dieses Jahres läuft das insgesamt fünfte Verfahren.

Dass S. ihm nicht wieder fernbleibt, wird durch den Umstand sichergestellt, dass er mittlerweile wegen einer anderen Sache in der JVA Remscheid sitzt. Das Problem aus Sicht der Anklage ist, dass es immer schwieriger wird, gerichtsfest nachzuvollziehen, was sich anno 2013 abgespielt hat. Das wird im aktuellen Verfahren deutlich, als ein Polizeibeamter, der damals beteiligt war, in den Zeugenstand gerufen wird. Zwar kann er sich an die kuriose Sache mit dem Katzenstreu erinnern, aber nicht mehr an Details. Solche muss der Richter den Gerichtsakten der abgeschlossenen Verfahren entnehmen, die auch schon wieder Jahre alt sind. Der Anwalt des Angeklagten stellt einen Beweisantrag: Er will noch zwei weitere Polizisten im Zeugenstand sehen, die seit November 2013 womöglich Hunderte Male auf Streife waren und an Dutzenden Festnahmen beteiligt gewesen sein dürften. Der Richter genehmigt den Antrag.

Verwandtschaft hin oder her

Der Mann, der 2013 zusammen mit Janusz S. festgenommen wurde, heißt Robert R. und kommt aus Köln. Er kam seinerzeit mit einer Bewährungsstrafe davon, die er akzeptierte und die längst verstrichen ist. Im aktuellen Verfahren ist er als Zeuge geladen. Es wird nicht ganz klar, ob R. nun mit dem Angeklagten verwandt ist oder nicht – zunächst bezeichnet er ihn als Cousin zweiten Grades, dann soll er wieder nur ein guter Freund seines Vaters sein, die Frage wurde privat anscheinend nie mit letzter Sicherheit geklärt. Aber R. will so oder so aussagen, Verwandtschaft hin oder her.

Er habe damals einen Anruf aus Polen erhalten, von einem „Keiler“, erklärt R. So werden die Drahtzieher der Enkeltrickbanden genannt, die meist im Ausland sitzen. Leute wie Robert R. sind für die Banden Handlanger, und vor allen Dingen sind sie willkommene Bauernopfer, falls etwas schief geht wie damals in Setterich. Der Anrufer habe ihn gebeten, in Setterich „etwas“ abzuholen und ihm dafür 500 Euro versprochen, berichtet R. weiter. Er selbst habe dann wiederum Janusz S. gefragt, ob er nicht mitkommen wolle, gegen Bezahlung. Ihm selbst sei wohl bewusst gewesen, dass es um etwas Illegales geht, S. aber habe keinen blassen Schimmer gehabt, behauptet Robert R. In Setterich angekommen, habe er S. dann jedenfalls an die Tür des vermeintlichen Opfers geschickt und sich selbst erst einmal in einem nahen Blumengeschäft umgesehen. Der Festnahme entging er trotzdem nicht. Die Geschichte klingt ganz so, als wäre Janusz S. das Bauernopfer des Bauernopfers gewesen.

Von wem denn eigentlich dieser ominöse Anruf aus Polen gekommen sei, fragt der Richter. Robert R. will das nicht mehr so genau wissen. „Da gibt es so viele“, sagt er.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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