Herzogenrath: Alter Brecht, modernes Gewand

Herzogenrath: Alter Brecht, modernes Gewand

Armut und Verzweiflung herrschen in Sezuan vor. Egoismus ist an der Tagesordnung, jeder ist sich selbst der nächste. Das Stück von Bertolt Brecht, das 1941 erschien und zwei Jahre später uraufgeführt wurde, ist bis heute eines seiner bekanntesten Werke.

„Der gute Mensch von Sezuan” thematisiert Konflikte und den Versuch, ethische Grundsätze allen Umständen zum Trotz aufrechterhalten zu wollen.

Eine Parabel

Eine Parabel, die sich auf die heutige Zeit durchaus übertragen lässt, findet Jens Wacholz, der unter anderem an der Theaterschule Aachen Schauspiel unterrichtet. Er unterstützt die Theatergruppe des städtischen Gymnasiums in Herzogenrath, die das epische Drama erarbeitet hat.

Und zwar in der nahezu ungekürzten Fassung. „Das sieht man heute auf den Bühnen dieser Welt sehr selten”, sagt Jens Wacholz. Und so präsentieren die Schüler der elften Jahrgangsstufe (Q1) unter Leitung von Wilma Hoekstra-van Cleef ihre Interpretation des Klassikers. Schlichte Holzregale stehen auf einer sonst spärlich dekorierten Bühne.

Eine „Maneki-neko”, zu deutsch „winkende Katze”, ist das einzige Element, das auf den chinesischen Handlungsort hinweist. Die Präsentation ist auch sonst modern: Die drei Götter, die die Welt auf der Suche nach einem guten Menschen durchwandern, sind hier Frauen, die sich in Flip-Flops und in viel zu großen Jacketts zeigen.

Schnell gesprochen

Aktuelle Lieder aus dem Pop-Genre begleiten die szenischen Übergänge. Auch wenn stellenweise zu schnell gesprochen wird - was schade ist, denn dadurch kann der gewichtige Text Brechts nicht seine Wirkung entfalten -, sind alle mit großer Spielfreude dabei. Süß ist die Interpretation von Timo Gervens, der einen Kuchen stehlenden Jungen mimt.

Peter Frohn in der Rolle des Wasserverkäufers Wang ist szenenweise tollpatschig, mit einem Hang zur Dramatisierung, jedoch stets mit dem passenden Bedacht gegenüber den Erleuchteten. Schöne Gegensätze zeichnen sich zwischen den Hauptfiguren Shen Te und Shui Ta ab. Bertolt Brecht hatte beide Figuren charakteristisch konträr gezeichnet: Shen Te, die Prostituierte, die für die Obhut, die sie den Göttern gewährt, 1000 Silbertaler von jenen bekommt. Damit eröffnet sie einen Tabakladen und verspricht, redlich zu sein.

Bald wird sie ausgenutzt und sieht sich gezwungen, ihren Vetter Shui Ta zu erfinden. Und Shui Ta ist in Brechts Stück die verkleidete Shen Te, die sich so unter die Nutznießer mischt. Die Theatergruppe des Gymnasiums hat zwei Rollen da-raus gemacht - und so steht Ina Hovestadt als gutgläubiger und mitfühlender Shen Te Juliane Esser in der Rolle des harten Geschäftsmannes Shui Ta gegenüber.

Es ist eine gelungene Inszenierung, insbesondere, weil die Schüler ihre eigene Interpretation in die Worte Brechts legen und durch Handlung und Betonung einen Spannungsbogen in die Gegenwart schaffen. Während Shen Te versucht, mit dem ihr zur Verfügung stehenden Geld Gutes zu tun, Essen austeilt und ein Obdach gewährt, wird sie von jenen, die sich in ihrem Tabakladen einnisten, hofiert. Menschen, die anschließend kommen, werden von den Nutznießern verspottet und beschimpft.

Die Theatergruppe hält sich bei der Aufführung ganz an die Maximen von Bertolt Brecht: Fragen aufwerfen, auch unbequeme, den Blick öffnen und weiten. Und keine Antworten vorgeben. Denn die sollen die Zuschauer selber für sich finden.

Die Theatergruppe präsentiert das Stück ein weiteres Mal im Rahmen der „Schultheatertage” am Donnerstag, 24. Mai, um 19 Uhr im Space im Ludwig Forum, Jülicher Straße 97-109, Aachen.

Kartenreservierungen sind telefonisch unter 0241/27458 oder per E-Mail möglich: daniel.dericum@schultheatertage.eu.

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