Zeitzeuge Hartmut Richter zu Gast beim Geschichtsverein Alsdorf

Zeitzeuge Hartmut Richter zu Gast : Die Erinnerungen eines Fluchthelfers

30 Jahre Mauerfall: Zeitzeuge Hartmut Richter erzählt zum Jubiläum im Alsdorfer Rathaus, wie er DDR-Staatsfeind wurde.

Anlässlich des Jubiläums 30 Jahre Mauerfall haben die Volkshochschule Nordkreis Aachen und der Geschichtsverein Alsdorf am Mittwoch, 2. Oktober, um 19 Uhr den Zeitzeugen Hartmut Richter zu Gast im Alsdorfer Rathaus.

Hartmut Richter wurde 1948 im brandenburgischen Glindow geboren. Als Schüler war er ein begeisterter Angehöriger der Jungen Pioniere, der kommunistischen Kinderorganisation der DDR. Als er dem Pionierleiter seiner Schule berichten sollte, welche Mitschüler heimlich westdeutsches Fernsehen sahen, änderte sich jedoch seine Einstellung zur DDR. Er lehnte nicht nur den Spitzeldienst ab, sondern weigerte sich in der 8. Klasse auch, der kommunistischen Freien Deutschen Jugend (FDJ) beizutreten. Im August 1961 erlebte er als 13-jähriger, wie in Berlin die Mauer errichtet wurde.

Da er gerade bei einer Cousine zu Besuch war, konnte er von West-Berlin aus verfolgen, wie an der Bernauer Straße die Grenzabsperrungen hochgezogen wurden. Wenig später kehrte er in die DDR zurück.

Ins Untersuchungsgefängnis

Sein Traum blieb es, frei zu sein und in den Westen fahren zu können. Im Januar 1966 versuchte er deshalb, über die Tschechoslowakei nach Österreich zu flüchten. Er wurde gefasst und in das Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Potsdam gebracht. Da er in einem Brief an seine Eltern Reue vortäuschte, fiel das Urteil relativ glimpflich aus: Im Mai 1966 wurde er zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Nach seiner Entlassung versuchte er erneut zu fliehen. Diesmal, im August 1966, gelang ihm dies. In einem tollkühnen Akt schwamm der 18-jährige durch den Teltow-Kanal nach West-Berlin.

Nach einer Amnestie für so genannte Republikflüchtige begann Hartmut Richter Anfang der 70er Jahre, Freunde und Verwandte aus der DDR herauszuholen. Da die Regierungen der beiden deutschen Staaten vereinbart hatten, dass auf den Transitstrecken zwischen Westdeutschland und West-Berlin Fahrzeuge nur noch bei begründetem Verdacht kontrolliert werden durften, gelang es ihm, in seinem Auto nach und nach 33 Menschen aus der DDR herauszuschmuggeln. Im März 1975 wurde er verhaftet, als seine Schwester im Kofferraum lag, und kam in die Untersuchungshaftanstalt nach Potsdam. Das Bezirksgericht Potsdam verurteilte ihn im Dezember 1975 unter Ausschluss der Öffentlichkeit wegen „staatsfeindlichen Menschenhandels“ zur Höchststrafe von 15 Jahren. Die Haft verbüßte er in den Strafvollzugsanstalten von Berlin-Rummelsburg und Bautzen II.

„Zersetzung der Seele“

Nach über fünf Jahren Gefängnis wurde Hartmut Richter im Oktober 1980 von der Bundesrepublik freigekauft und durfte nach West-Berlin ausreisen. Dort engagierte er sich bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGfM) und war bis 1990 Mitglied der CDU. Seit 1999 ist er Besucherreferent in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Sein Schicksal wurde in dem Dokumentarfilm „Zersetzung der Seele“ von Nina Toussaint und Massimo Iannetta (Belgien/Deutschland 2002) dargestellt.

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