Situation bei Avos in Alsdorf: „Ich habe weinende Kollegen am Telefon“

Situation bei Avos in Alsdorf : „Ich habe weinende Kollegen am Telefon“

„Wenn die Indizien für eine Insolvenz sich so häufen wie hier, ohne dass der rechtlich vorgegebene Schritt erfolgt, muss man die Frage stellen, ob sich die Geschäftsleitung noch im legalen Bereich bewegt“: Gewerkschaftssekretär Jörg Erkens spricht im Interview über die Situation beim Cinram-Nachfolger Avos.

Die Krise bei der Firma Avos in Alsdorf hat am vergangenen Freitag ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Wobei es vielleicht angemessener ist, von einem Tiefpunkt zu sprechen. Rund 70 Mitarbeiter, die überwiegend am Standort der Druckerei in der Joseph-von-Fraunhofer-Straße arbeiten, gingen auf die Straße und forderten ihre Gehälter ein. Denn die zahlt Avos schon seit dem vergangenen Jahr nur sehr unpünktlich. Organisiert worden war die Demonstration von Jörg Erkens von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE).

Im Interview mit Jan Mönch spricht der Gewerkschaftssekretär über die Situation der Firma zwei Jahre nach der Cinram-Übernahme, falsche Rücksichtnahme von Gläubigern und die Not der Avos-Mitarbeiter.

Herr Erkens, schon seit dem vergangenen Jahr haben Sie es mit Klagen von Avos-Mitarbeitern zu tun, die ihrem Gehalt hinterherlaufen. Am Arbeitsgericht stapeln sich die Klagen, vergangenen Freitag kam es zur Demonstration. Ist das für einen Gewerkschaftssekretär das ganz normale täglich Brot oder doch eher jenseits der Norm?

Jörg Erkens: Was da abläuft, ist Gott sei Dank die Ausnahme. Ich gehe davon aus, dass die Situation auch von der Geschäftsleitung nicht gewollt ist. Dennoch wurde, aus welchen Gründen auch immer, dieser Weg gewählt, um die Zahlungsschwierigkeiten in den Griff zu bekommen.

Bei der Demo haben Sie gesagt, was bei Avos geschieht, gehe „in Richtung Kriminalität“. Was haben Sie damit gemeint?

Erkens: Es gibt in Deutschland den Straftatbestand der Insolvenzverschleppung, und wann ein Unternehmen insolvent ist, ist sehr genau definiert. Nämlich dann, wenn es zehn Prozent seiner fälligen Zahlungsverpflichtungen nicht leisten kann. Wenn die Indizien für eine Insolvenz sich so häufen wie hier, ohne dass der rechtlich vorgegebene Schritt erfolgt, muss man die Frage stellen, ob sich die Geschäftsleitung noch im legalen Bereich bewegt.

Weiter sagten Sie, Avos würde mit Samthandschuhen angefasst. 

Erkens: Alle, die von Avos Geld bekommen, haben im Hinterkopf: Wenn ich mein Recht knallhart durchsetze, gefährde ich eventuell Arbeitsplätze und Existenzen. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch richtig. Aber wenn die Rücksichtnahme nicht zur Zahlung der Löhne führt, tut man den Kolleginnen und Kollegen ab einem bestimmten Punkt keinen Gefallen mehr.

In der Tat wird von Arbeitgeberseite  mitunter behauptet, das Engagement von Gewerkschaften und mediale Berichterstattung über kriselnde Unternehmen verschlimmerten die Situation nur.

Erkens: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Wenn ein Unternehmen auf diese Weise ins Zentrum des öffentlichen Interesses rückt, kann das Kunden und Lieferanten abschrecken. Es kann aber nicht angehen, dass ein Unternehmen über Monate seine Zahlungsverpflichtungen nicht erfüllt. Seien Sie versichert, dass wir das Treiben lange genug beobachtet haben. Im Übrigen hat das Unternehmen überhaupt keine Anstrengungen unternommen, zu erklären, wie es seine Probleme in den Griff kriegen will.

Haben Sie das Gefühl, dass die Unternehmensleitung zumindest gegenüber der Belegschaft eine angemessene Kommunikation an den Tag legt?

Erkens: Da die Firma immer nur dann, wenn sie nicht mehr anders kann, mit den Kollegen redet und sie ansonsten nur hinhält, kann davon keine Rede sein.

Hat die Demo Wirkung gezeigt?

Erkens: Die Demo wird in Kreisen der Mitarbeiter sehr intensiv und positiv diskutiert. Am Dienstag soll es wohl zu einer Belegschaftsversammlung in der Druckerei kommen, zu der die Unternehmensleitung eingeladen hat. Ob dies eine Konsequenz aus der Demonstration ist, vermag ich nicht zu sagen.

Sie leisten als Gewerkschaft vor allen Dingen Rechtsberatung und verhelfen Ihren Mitgliedern dazu, zu ihrem Recht zu kommen. Jenseits der Formalitäten bekommen Sie sicherlich auch mit, was die Situation für die Angestellten ganz konkret bedeutet.

Erkens: Das können Sie sich gar nicht vorstellen. Ich habe weinende Kollegen am Telefon, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Manche können ihre Miete nicht zahlen, anderen ist der Strom abgestellt worden. Bei großen Unternehmen haben die Versorger da Angst vor, bei den kleinen Leuten wird mal schnell der Schalter umgelegt. Manche haben schon ihr Auto verkauft, weil sie nicht wissen, wie sie ihr Leben finanzieren sollen. All das wird vom Unternehmen nicht wahrgenommen und nicht kommentiert, geschweige denn wertgeschätzt.

Harte Worte...

Erkens: Wenn es einem Unternehmen schlecht geht, ist das die eine Sache. Aber dann sollte es ehrenhaft mit der Situation umgehen, und das Ehrenhafte vermisse ich bei Avos ganz gewaltig.

Fehlt es in Deutschland an geeigneten Mechanismen, um eine solche untragbare Situation zügig zu beenden?

Erkens: Ich denke, wir haben in Deutschland gute Mechanismen, mit Ausnahme der Absicherung der Arbeitnehmer in solchen Fällen. Es gibt zwar das sogenannte Insolvenzgeld, aber eben erst dann, wenn Insolvenz angemeldet ist. In den Niederlanden ist man da weiter, dort kann die Gewerkschaft die Insolvenz eines Unternehmens beantragen, wenn es zahlungsrückständig ist. Diese Möglichkeit haben wir nicht. Niemand ist in der Lage, den Arbeitnehmern kurzfristig zu helfen.

Unsere Redaktion hat ein Brief von Avos-Mitarbeitern erreicht. Überschrieben war er mit der Frage „Wird Avos das zweite Kronenbrot?“ Trauen Sie sich eine Antwort zu?

Erkens: Die Situation kann man so nicht vergleichen. Avos ist an der Tatsache gescheitert, dass das Umfeld von Cinram nach der Übernahme nicht so positiv reagiert hat wie man sich das vorgestellt hat. Bleiben Aufträge aus und wandern Kunden ab, hat man als Unternehmen schlechte Karten und muss Konsequenzen ziehen. Das fehlt hier bislang. Es sei denn, es taucht doch noch der große, steinreiche Onkel auf, der das Unternehmen mit einer ansehnlichen Summe unterstützt. Aus eigener Kraft kann Avos die Situation hingegen nicht mehr meistern, da bin ich mir leider ziemlich sicher.

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