Aufklärung vor Mäharbeiten mit Drohnen in Alsdorf und der Region

Piloten bieten Hilfe an : Aufklärung per Drohne rettet Rehkitze

Eine Gruppe von Drohnenpiloten bietet Landwirten und Jägern kostenlose Hilfe an, um in Wiesen versteckte Rehkitze vor Mäharbeiten aufzuspüren. Jedes Jahr werden wenige Wochen alte Tiere von Mähmaschinen zerfleischt.

Es ist nicht viel und schon gar nichts mit Wiedererkennungswert, was eine Mähmaschine von einem Rehkitz übrig lässt. Zumindest, wenn sie das Tier voll erwischt. Ansonsten kommt es immerhin zu abgetrennten Gliedmaßen und anderen schweren Verletzungen. So oder so: Wenn ein wenige Wochen altes Jungtier im hohen Gras liegt und bei Mäharbeiten ins Schneidwerk gerät, hat es keine Chance. Ein Schicksal, wie es laut Deutscher Wildtier Stiftung jedes Jahr zig Tausende Kitze ereilt. Szenarien wie diese würden Landwirte selbst liebend gerne vermeiden. Die Palette an Möglichkeiten dazu ist mit dem Einsatz ausgeklügelter Technik breiter geworden.

Für einen Landwirt kann es sogar rechtliche Folgen haben, wenn er die Verletzung oder Tötung von Wildtieren bei Mäharbeiten für möglich hält und keine geeigneten Maßnahmen ergreift, um das zu verhindern. Denn damit nähme er den sogenannten Mähtod billigend in Kauf, und das ist strafbar. Dass es sich dabei nicht bloß um ein theoretisches Gedankenspiel handelt, zeigt ein Fall aus dem Kreis Heinsberg, wo ein Jäger einen Kitzkadaver auf einer frisch gemähten Wiesenfläche fand. Er schaltete das Veterinäramt ein, mittlerweile liegt der Fall bei der Staatsanwaltschaft.

Luftaufklärung im Miniaturformat

Die klassische Methode, Wild aus einer hohen Wiese zu verscheuchen oder neugeborene Kitze und Bodenbrüter aufzustöbern, ist klar: von Hand zu Fuß. So machen sich Landwirte selbst oder von ihnen über anstehende Mäharbeiten informierte Jäger auf den Weg, um das Gelände zu sondieren. So ähnlich taten das bisher auch die Mertens. Noch 2018 war Katja Mertens in der Nähe ihres Familienhofs in Duffesheide auf der Wiese vor dem Traktor hergelaufen und schaute, dass sich im hohen Gras nicht irgendwo ein kleines Rehkitz versteckt. Dann stieß sie im Internet durch Zufall auf eine kleine Gruppe von Menschen, die ihr Know-how und ihre Ausrüstung ehrenamtlich dafür einsetzen, dass der Wildnachwuchs nicht unter die Messer gerät. In diesem Jahr erfolgte die Wiesenbeschau bereits aus der Vogelperspektive. Luftaufklärung im Miniaturformat – aber nicht weniger effektiv als im großen Maßstab.

Das Foto zeigt ein Kitz in einer vergrößerten Aufnahme einer Drohnenkamera. Deutlich wird, wie sehr man aufpassen muss, kein Tier zu übersehen. Foto: Heinz-Günther Henot

Einer von rund zehn Männern aus der Region, die mit kamerabewährten Drohnen – teilweise sogar Wärmebildkameras – große Flächen in relativ kurzer Zeit abfliegen können und damit für klare Verhältnisse sorgen, ist Heinz-Günther Henot aus Alsdorf. Gemeinsam mit zwei seiner Kollegen hat er auch die Wiese von Mertens sondiert.

Keine zwei Stunden für drei Hektar

Der zeitliche Aufwand sei überschaubar gewesen, erinnert sich Katja Mertens. „Für drei Hektar Wiese hat es keine zwei Stunden gedauert“, sagt sie, und die Wärmebildkamera unter einer Drohne hatte offenbart, dass nirgendwo auf dem Gelände ein Kitz versteckt liegt. Ein größeres Reh habe der Pilot ausgemacht und ein kleines, das aber schon groß genug war, um von selbst die Beinchen in die Hand zu nehmen. Im Anschluss konnten die Halme – und nur diese – einen Kopf kürzer gemacht werden.

Heinz-Günther Henot mit Drohne und Pilotenausrüstung. Foto: Thomas Vogel

Dennoch gibt Henot zu bedenken: Die Wiesen aus der Luft zu überprüfen, sei hilfreich und auch sehr genau – „eine Hundertprozent-Garantie können wir aber nicht geben.“ Nachvollziehbar, wenn man sieht, wie gut getarnt die neugeborenen Kitze in der Umgebung abtauchen.

Selbst mit der Technik brauchen die Drohnenpiloten ein geübtes Auge, um etwa Laufwege im Gras erkennen und verfolgen zu können, um vielleicht auf die kleinen Verursacher zu stoßen. Mit dem Einsatz der Wärmebildtechnik ist es etwas einfacher, allerdings sind entsprechende Kameras sehr teuer und bringen an sehr warmen Tagen nicht den erwünschten Erfolg.

Von der Möglichkeit, Wiesenflächen aus der Luft auf verstecktes Wild zu überprüfen, wissen längst nicht alle Landwirte. Noch weniger bekannt ist, dass ein solches Angebot – zumindest von der Gruppe „Aktion Tierrettung Drohnenflieger Alsdorf“ in der Region – von Jägern und Bauern kostenfrei in Anspruch genommen werden kann. „Wir wollen helfen, Leben zu retten und Bauern und Jägern entgegenkommen“, erklärt Henot. Ein positiver Nebeneffekt sei, dass man das in der Bevölkerung ansonsten doch eher negative Bild der Drohnenfliegerei wieder etwas ins rechte Licht rücken könne. Ein bisschen Imagearbeit ist die Rehkitzrettung also obendrein.

Der Entschluss, Landwirten und Jägern bei der Aufklärung von Wiesenflächen zu helfen und eine entsprechende Gruppe zu gründen, ist vor etwa zwei Jahren gefallen, nachdem Henot einen Bericht über Kitze gesehen hatte, die bei Mäharbeiten zerstückelt werden. Die meisten Piloten aus der Gruppe beschäftigten sich mit der Drohnenfliegerei in ihrer Freizeit. Immer, erklärt Henot, stehe die Sicherheit an erster Stelle. Jeder von ihnen habe mindestens eine Prüfung zum Kenntnisnachweis abgelegt. Auch auf die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen werde in der Gruppe penibel geachtet. Nichts geschehe ohne entsprechende Genehmigung.

Ein wenig Vorlaufzeit

An mögliche Interessenten an ihrem Angebot gerichtet bittet er darum, nicht ein paar Stunden vor Einsatz der Mähmaschine anzufragen. „Ein bisschen Vorlaufzeit brauchen wir schon“, sagt Drohnenpilot Heinz-Günther Henot. Zwei Tage, bevor eine Wiese gemäht werden soll, seien optimal, um die Drohne vorzubereiten und einen Piloten aus der kleinen regionalen Gruppe zu organisieren.

Als das beste Mittel, den sogenannten Mähtod zu vermeiden, nennt die Deutsche Wildtierstiftung übrigens eine möglichst späte erste Mahd – nämlich ab dem 15. Juni oder noch besser dem 1. Juli. Weil „Heu und Grassilage aus einem frühen ersten Schnitt im Mai die höchste Qualität haben“, sei diese Variante für Landwirte leider aber auch die kostenintensivste.

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