Alsdorf: Verwaltungsmitarbeiter zunehmend bedroht und beschimpft

In der Stadtverwaltung : Mitarbeiter immer öfter bedroht, beschimpft, beleidigt

Ein besorgniserregender Trend: Beleidigungen, Hass und Hetze gegenüber Mitarbeitern der Stadtverwaltung nehmen zu – nicht nur hier in der Region. Ein Einblick in den Alltag.

„Geh’ Deinem Kollegen doch einen lutschen.“ Sie finden diesen Einstieg in einen Artikel drastisch und sehr vulgär? Nun, Sie haben recht, aber genau das ist Sinn und Zweck der Übung. Obwohl Übung in diesem Fall vielleicht der falsche Ausdruck ist, handelt es sich doch um Worte eines Bürgers, die in etwa so gefallen sind – gerichtet an einen Mitarbeiter der Alsdorfer Stadtverwaltung. „Schakale“, „asoziales Pack“, „Vollidioten“, „Arschlöcher“ – die Frauen und Männer auf dem Amt sind für einige Bürger wohl alles, nur keine Menschen, die gerade ihrer Arbeit nachgehen. Gerne wird auch mal mit gerecktem Mittelfinger demonstriert, was man von seinem Gegenüber hält – oder wer die bessere Erziehung genossen hat, je nach Blickwinkel.

Die Äußerungen stehen stellvertretend für Beleidigungen, Beschimpfungen, Drohungen, rassistische Auswürfe ebenso wie Rassismusvorwürfe, die sich Mitarbeiter in Verwaltungen, aber auch Kommunalpolitiker immer häufiger anhören müssen. Gefallen lassen müssen sie sich die Angriffe im Gegenzug nicht. Etliche Beispiele liegen der Redaktion vor, von übelster Sorte und in der Hauptsache so derb, dass sie an dieser Stelle lieber nicht wiederholt werden sollen.

Als bei einer Ausgabe der Alsdorfer Stadtteilgespräche von einer Seniorin der Vorschlag kommt, ältere Menschen loszuschicken – jeweils zu zweit als Unterstützung der Mitarbeiter des Ordnungsamts – kommt Bürgermeister Alfred Sonders Replik wie aus der Pistole geschossen: „Ich kann doch keine Rentner mit Westen losschicken ... das gibt Mord und Totschlag.“ Diesen Satz sagt Sonders nicht aus einem Gefühl heraus, er basiert auf Erfahrungen – nicht nur eigenen. Bei Kommunalpolitikern wie auch in den Ämtern der Verwaltung ist die Erfahrung, dass der Umgangston rauer, die Stimmung aggressiver wird, stellenweise sehr ausgeprägt. Und das betrifft nicht nur Außendienstmitarbeiter, die Strafzettel ausstellen oder Platzverweise aussprechen. Ein „Hass-Duktus“, so Sonders, greife in der Kommunikation um sich.

„Wir sehen mit großer Sorge, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickelt“, sagt er. Mittlerweile kämen Dinge vielfach nonchalant über die Lippen, die sich vor zehn Jahren niemand getraut hätte in den Mund zu nehmen. Das findet sich auf der kleinen Ebene in den städtischen Rathäusern ebenso wie auf der großen Bühne. Ein jeder müsse begreifen: „Typen, die sich diesen Duktus zu eigen machen, haben überhaupt kein Interesse daran, Probleme zu lösen. Sie wollen einfach und allein Macht ausüben.“ Wer wisse schon, ob es Deutschland nicht so ergehe wie Polen, Ungarn, teilweise den USA oder Italien, wo man heute schon Gerichte in ihren Kompetenzen beschneide und beginne, demokratische Strukturen abzutragen.

Unerfreuliche Eindrücke mit persönlichen Angriffen habe er selbst schon gesammelt, erzählt Sonders. Ein besonders renitenter Mann habe etwa eines Tages vor dem Rathaus gestanden und herumgebrüllt: „Sonders, du Hurensohn!“ Die Verhandlung zu diesem Vorfall starte in Kürze, erklärt der Bürgermeister. Nach einer Wahlveranstaltung habe jener Mann einmal mit drei, vier anderen vor der Halle auf ihn gewartet und dann gesagt: „Ah, da kommt er ja. Ich krieg dich noch ... ich krieg dich noch ...“ Eine Drohung. Nicht die einzige von dieser Seite. In den Sozialen Medien war Sonders von der Person öffentlich massiv beschimpft und beleidigt worden – auch hier in einer Art und Weise, die eine Wiederholung an dieser Stelle verbietet. Der Mann war zuvor bereits wegen eines ähnlichen Vorgangs verurteilt worden.

Variantenreiche Palette

So wie in diesem Fall wurden die manchmal schwer erträglichen Auswürfe vieler Zeitgenossen, die sich offenbar nicht im Griff haben, angezeigt. Mit „Anzeige wegen Beleidigung im Amt“ sind die zu Papier gebrachten Flegeleien überschrieben, die dann zuerst im Rechtsamt, später bei Gericht landen. Was Delinquenten, die sich der Beleidigung schuldig gemacht haben und verurteilt werden, erwartet, klärt § 185 des Strafgesetzbuchs: „Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Die Geldstrafe setzt das Gericht fest, bemessen in Tagessätzen, die sich in ihrer Höhe am Einkommen des Verurteilten orientieren.

Besagte Tätlichkeit fehlt in der variantenreichen Palette an Hass und Hetze, die Mitarbeitern auf Amtsstuben entgegenschlägt, übrigens auch nicht. Ein Bürger, dem im Rathaus für ihn Unerfreuliches eröffnet wurde, griff sich einen Stuhl und wollte den Überbringer der Nachricht mit Hilfe des Sitzmöbels von seinem Ärger wissen lassen. Der Mitarbeiter konnte das gerade noch verhindern, wurde zur Verabschiedung aber mit dem Satz bedacht: „Wenn die richtige Regierung in Deutschland an der Macht wäre, wäre einer wie er schon längst in der Kammer gelandet.“ Ein Strafbefehl war die Folge.

Auch Gewerkschaftsmitarbeiter hätten mit einer zunehmenden Zahl an Hasskommentaren zu tun, vornehmlich auf den Auftritten in den Sozialen Medien und vornehmlich aus der rechten Ecke, sagt Ralf Woelk, Geschäftsführer DGB-Region NRW Süd-West. Er sehe einen Zusammenhang mit der Verrohung der Sprache und der Zunahme von Gewalt. Als prominentes Beispiel nennt er den Mord am Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke. Zu diesem Thema wird es bei der Veranstaltung „Solidarisches Handeln statt Hass und Hetze“ am kommenden Donnerstag in der Stadthalle Alsdorf (siehe Box) auch einen Vortrag geben. Sowohl Sonders als auch Woelk werden zu diesem Anlass außerdem an einer Podiumsdiskussion teilnehmen.

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