Alsdorf: Nachts im Museum - im Energeticon schlafen

Bei Nacht erleben : Licht aus, Entdeckerlust an im Energeticon

„Nachts im Museum“: Im Alsdorfer Energeticon kann man jetzt allein, zu zweit oder mit Kind die ganze Nacht verbringen. Damit erscheint das Bergbau-Museum tatsächlich in ganz neuem Licht. Der Strom wird nämlich abgeschaltet – ein experimenteller Selbstversuch.

Eric brüllt, Romy kreischt. Tränen fließen. Ausnahmezustand. Die beiden Zweijährigen sehen ziemlich verzweifelt aus, als wir in die Tiefe rauschen. Das ist der Einstieg in eine Nacht im Museum, die Spuren hinterlässt. Und faszinierende Erinnerungen.

Ab sofort ist es im Alsdorfer Energeticon – das deutlich mehr als ein Bergbaumuseum sein möchte – möglich, nach den regulären Öffnungszeiten zu bleiben. Und zwar bis zum nächsten Morgen. Allein, zu zweit, mit der Familie. Die ganze Nacht. Man übernachtet mitten in der historischen Waschkaue in einem sogenannten „Sleeperoo“-Bett. Das wurde dafür eigens aufgebaut. Klingt verrückt. Erst am nächsten Morgen schließt der Hausmeister wieder die Tür auf. Genial oder gruselig?

So weit sind wir noch nicht. Meine Frau Katja und unsere beiden jüngsten Kinder wagen – zugegeben, nicht ganz freiwillig – das ungewöhnliche Abenteuer. Wer den Hollywood-Film „Nachts im Museum“ mit Ben Stiller kennt, weiß, was Fantasie beflügelt. Nur dass in der Realität nicht Kriegsherren, Seefahrer, wilde Tiere und Steinzeitmenschen das Museum unsicher machen. Sondern zwei kaum ein Meter große Zwerge, Eric und Romy, eingepackt in dicke Thermo-Anzüge, kleine Grubenlampen auf der Stirn.

Es ist 16 Uhr, draußen fast dunkel. Drinnen erläutert eine Führerin exklusiv und kundig, worum es im Energeticon geht. 30.000 Quadratmeter Grundstücksfläche, drei historische Gebäude des ehemaligen Steinkohlebergwerks Anna II, mittendurch ein 700 Meter langer Parcours mit 30 Stationen. Nach dem Sonnenraum mit der glühenden Halbkugel an der Decke geht’s bergab. Buchstäblich. Der Aufzug, der die Seilfahrt in die Tiefe des Schachts simuliert, rattert und scheppert. An der Aufzugdecke ein riesiger LED-Bildschirm, auf dem der Schachteinstieg immer kleiner entschwindet, der Fall ins nahezu Bodenlose daher noch packender ausfällt. Brüllen, Kreischen, Tränen.

Erst unten im Schacht beruhigen sich die Gemüter der Kinder. Unser Fotograf Harald Krömer ist mit dabei, schaut mir tief in die Augen. „Ich möchte nicht mit dir tauschen“, sagt sein Blick. Ich nicke. Verstanden. Harald darf gleich nach Hause. Vor uns liegen noch viele Stunden. Die ganze Nacht …

Nach dem Einschluss erkunden wir das sogenannte „Sleeperoo“, unsere Schlafstätte. Es steht unter hunderten Ketten in der historischen Waschkaue. Hier in der riesigen Halle wechselten die Bergleute ihre Klamotten, zogen die Kluft samt Helm und Schuhen über Kettenzüge unters Dach der Halle. Alles authentisch, tolles Flair. Der Blick ist faszinierend. Darum geht’s. Unterm Sternenhimmel einschlafen, das Meer von der Seebrücke aus rauschen hören oder eben im Pyjama durch längst vergessene Zeiten im Museum streifen: Die Bett-Zelt-Würfel – 2018 erfunden von einer Hamburger Designerin – stehen mittlerweile an etwa 30 Orten deutschlandweit. Bis Ende April auch hier im Energeticon.

Wir klettern hinein. Eric schreit, Romy reißt daneben die erste Schraubabdeckung aus dem Cube-System. Nicht nur das Sleeperoo muss viel aushalten können. Dabei ist das futuristische Design stimmig. Alles weiß, Plastikfenster geben Perspektiven in alle Richtungen frei. Es gibt hochwertige Decken, Kissen und Matratzen aus nachhaltigen Materialien. Außerdem ist da eine bescheidene Beleuchtung mit LED-Batterien, schließlich lebt der Sleeperoo ohne externen Strom. Und im Museum ist der Strom abgestellt. Alles dicht, kein Publikumsverkehr, kein Aufseher oder Wärter. Nur wir. Da, wo früher hunderte Bergleute gleichzeitig duschten und sich gegenseitig den Rücken abschrubbten. Vorbei.

Am Kopf- und Fußende des Sleeperoo verbergen sich simple Staumöglichkeiten zum Aufklappen. Um im Dunkeln unterwegs sein zu können, ist außerdem eine Kurbeltaschenlampe vorhanden. Die funktioniert aber nicht. Macht nichts. Zur Verfügung stehen ja Helme und besagte Grubenlampen. Umso mehr Interesse findet die „Chillbox“, gefüllt mit ein paar Snacks und Getränken – und mit Klopapier. Das ist die erste Großattraktion. Jetzt hat auch Eric Spaß. Er schießt die erste Rolle quer durch die Waschkaue. Romy unterzieht die Grubenlampe einem ersten Qualitätstest. Kawumm. Es scheppert, leuchtet. Läuft. Der Spielplatz nachts im Museum ist eröffnet.

Imposant: Besonders in der Nacht – und später nur im Licht der kleinen Grubenlampen an den Helmen – ist ein Gang durch die unterirdischen Schächte des Bergbautrakts extrem spannend. Foto: ZVA/Harald Krömer

Es geht durch düstere Schächte, vorbei an der Grubenbahn, Kopf einziehen, Kinder hochheben, wir schlüpfen in kompletter Dunkelheit hinein. So viele Details sind zu entdecken. In der Untertagestrecke warten packende Informationen über das brutale Arbeitsleben der Bergleute, die hier schufteten. Fräsmaschinen, große und kleine Gerätschaften, perfekt ausstaffierte Figuren, sozialgeschichtliche Gegenstände, Hinweistafeln, historische Filmsequenzen und akustische Einspielungen vermitteln Gänsehaut-Momente. Eine tolle Dramaturgie. Spannend, spaßig – für etwas ältere Kinder ist die Zeitreise sicher noch besser geeignet. Das Thermometer zeigt ein paar Grad Celsius über null, aber die Atmosphäre ist heimelig. Kinderaugen strahlen. Die Lampen glühen in der Dunkelheit. Eric stimmt „O Tannenbaum“ an. Es ist Anfang Februar. Romy lacht. Wir auch.

Nachts im Museum: Familie Esser testet Sleeperoo

Mittlerweile ist Mitternacht. Wir haben die halbe Anlage erkundet; treppauf, treppab. Weiter, immer weiter. „Das Energeticon ist eine mit Designpreisen ausgezeichnete Energie-Erlebnis-Ausstellung, in der anschaulich und interaktiv die Energiewende vom fossilen Zeitalter zu den regenerativen Energieträgern erzählt wird“, hatte Geschäftsführer Thomas König am Abend erläutert. „Außerdem wird hier nicht nur die Energiewende vermittelt, sondern mittels regenerativer Technologien wie Photovoltaik und Grubenwasserthermie selbst gelebt. Ein authentischer Ort der Steinkohle mit einer spannenden Untertagestrecke und interaktiven Elementen zur regenerativen Energiegewinnung“, hatte er erklärt. Stimmt alles.

Die kompakte Location in Alsdorf mit dem originalen Grubengebäudeensemble ist einzigartig in der Region und mittlerweile zudem ein attraktiver Standort für Events und Musikveranstaltungen im Fördermaschinenhaus. Auch wenn viele Aachener davon noch nie gehört haben. Noch gilt das Energeticon außerhalb Alsdorfs als echter Geheimtipp. Immerhin 30.000 Besucher zählte man 2018 insgesamt, nicht nur im Ausstellungsbereich. Es gibt klassische Konzerte, Kleinkunst und Comedyformate wie „Nightwash“.

Apropos: Katzenwäsche ist in dieser Nacht angesagt. Dann machen wir die Augen zu. Für etwa zwei Stunden. Dann meldet sich Eric, kurz darauf Romy. 3 Uhr, es gibt Milch. Selbst mitgebracht. Das benachbarte Restaurant, der Hauscaterer Eduard, erfüllt sonst selbst bei Hochzeiten und Firmenfeiern jeden Wunsch. Der Service bei der Sleeperoo-Übernachtung ist aber eher spartanisch. Das Erlebnis steht im Vordergrund. Das Bett ist warm, vielleicht mit den Matratzenmaßen 1,60 mal 2 Meter etwas eng für zwei Erwachsene und zwei Kleinkinder.

Die weitere Nacht verläuft unruhig. Die Kleinen träumen offenbar von ihrem Abenteuer im Bergwerk; oder auch vom Tierpark in Alsdorf. Auch ein Erlebnis. Zumal das Energeticon mit der „Energielandschaft Anna“ über die Haltestelle Alsdorf-Busch nicht nur aus Aachen mit der Regionalbahn blendend zu erreichen ist. Geführte Touren auf dem „Weg der Energie“ leiten zum Fördergerüst oder auf die Halde Noppenberg mit seinen über 100 Meter Höhe. Wir nehmen uns das fürs nächste Mal vor. Thomas König entwickelt – neben der Eventübernachtung „Nachts im Museum – schon weitere Angebote wie „Picknick auf dem Fördergerüst“.

Erkundungstour: Die zweijährige Romy sucht hier ihren Bruder mitten in der Nacht entlang der Grubenbahn im Schacht des Energeticons. Foto: ZVA/Harald Krömer

Von wegen Picknick. Morgens um 6.30 Uhr ist die Nachtruhe beendet. Auf meinem Gesicht sitzt Eric. Romy schraubt schon wieder an einem Befestigungsanker herum. Frühstück fällt aus. Kaffee ebenfalls. Aufstehen. Wir drehen noch eine Runde durch den Mitmach-Bereich, genießen das „Rough Interior“ des im Jahr 2014 für 14 Millionen Euro fertiggestellten Energeticons. Wie hieß es damals offiziell? „Betriebsspuren und Alterung der Bauwerke sollen deren Erscheinungsbild charakterisieren.“ Womit nach meinem Blick in den Spiegel im Schein der Grubenlampe nicht nur die Industriearchitektur gemeint sein kann. Alles echt. Alle glücklich.

„Als Aachener bin ich jeden Tag aufs Neue begeistert von diesem authentischen Standort und Zeugen der Industriegeschichte unserer Region“, sagt König, als wir uns am Morgen zum „Aufschluss“ des Museums wiedersehen. Dann knipst er das Licht wieder an. In jeder Hinsicht. Spot auf Alsdorf: „Gerade für Schulen, die einen attraktiven außerschulischen Lernort suchen, ist das Energeticon erste Adresse“, betont König. Warum? „Unsere Museumspädagogik bereitet individuell auf den Bedarf der jeweiligen Schule bezogen auf das Unterrichtsmaterial vor. Sei es eine thematische Führung durch die Ausstellung oder eine Exkursion zur Halde Noppenberg oder dem Fördergerüst im Annapark. Übrigens kann sich jede Schule in der Städteregion Aachen über die Bildungszugabe den Eintrittspreis finanzieren lassen. Auch das ist einmalig in unserer Region.“

Romy und Eric tapsen derweil draußen vor dem Industriedenkmal an einer alten Lok entlang. Ein Riesending. Kletterübung. Meine Frau Katja packt ein. Alles ist zur Abfahrt bereit. Fast. Ich fange die Kids. Eric brüllt, Romy kreischt. „Neeeein, neeein!“ Beide wollen bleiben. Und, ja, wir weinen dem Energeticon samt Sleeperoo mehr als eine Träne nach. Genial, gar nicht gruselig. Rückkehr garantiert, ausnahmsweise aber bitte mal tagsüber.

Mehr von Aachener Nachrichten