Alsdorf: 100 Jahre Erster Weltkrieg: Erinnerungen an die Großeltern

Alsdorf: 100 Jahre Erster Weltkrieg: Erinnerungen an die Großeltern

Wenn die Menschen in diesen Monaten die weltverändernden Ereignisse vor 100 Jahren ins Gedächtnis rufen, so ist dies auch eine Zeit der ganz persönlichen Erinnerung für Edda Greven aus Alsdorf. Ihre Gedanken gehen zurück an den Vater und die Großeltern.

„Vielleicht interessiert es Sie, wie deutschstämmige Kinder den Krieg 1914/18 in Russland erlebt haben?“, hat sie nach der Aufforderung unserer Zeitung, Erinnerungsstücke einzusenden, an unsere Redaktion geschrieben. Mit im Kuvert: die Kopie des Zeugnisses, das ihr Vater Karl Langlott im Mai 1918 als Schüler der III. Klasse der „Deutschen Civilgefangenenschule“ in Wjatka (heute Kirow) erhielt. Und seine russische Geburtsurkunde.

Edda Grevens Vater wurde 1903 als drittes von insgesamt acht Kindern in Moskau geboren. Ihr Großvater Heinrich Langlott war Werkmeister beim Strahlpumpen- und Feuerungsanlagen-Hersteller Körting in Hannover und wurde 1899, als 25-Jähriger, in die russische Hauptstadt entsandt, um ein Zweigwerk aufzubauen. „Vorher hatte er in Hannover noch die preußische Offizierstochter Friedrike geschwängert“, erzählt Edda Greven augenzwinkernd aus ihrer Familiengeschichte. Das selbstbewusste junge Fräulein zögerte nach der Erkenntnis, schwanger zu sein, nicht lange und fuhr dem Verlobten kurzerhand im Zug hinterher.

Schützende Hand des Zaren

Unverzüglich wurden die beiden ein Ehepaar, „ein uneheliches Kind wäre zur damaligen Zeit ja eine Schande gewesen“, sagt Edda Greven. 1900 wurde Tochter Elsa geboren, 1901 folgte Heinrich, dann Karl, 1905 Ernst, 1907 Fritz ... Der Familie ging es auch nach dem Kriegsausbruch gut, bis 1917. „Der Zar hatte offenbar eine schützende Hand über die deutschen Einwanderer, obwohl sie ja aus Feindesland stammten“, sagt Edda Greven. Zarin Alexandra war Deutsche, nämlich großherzogliche Prinzessin von Hessen-Darmstadt.

Doch nach der Februarrevolution 1917 musste der Monarch abdanken und wurde mit seiner Familie interniert.

Die Machtübernahme der Bolschewiki bedeutete auch das Ende des behüteten Lebens der Familie Langlott in Moskau. Mutter Friederike und die Töchter kamen in ein Frauen-, die Söhne in ein Männerlager und Familienoberhaupt Heinrich in ein Arbeitslager in Sibirien.

„Hätte es diesen Umsturz nicht gegeben, die Familie wäre in Moskau geblieben“, ist Edda Greven sicher. „Sie waren angepasst, sprachen russisch, die Kinder waren russisch-orthodox getauft.“

Der Schrecken der Internierung nahm dann aber doch ein gutes Ende. Die Kinder hatten weiterhin eine Schulbildung erhalten. 1918 wurden die Inhaftierten entlassen, erhielten vorläufige Personalausweise und konnten über Berlin ausreisen. Vier Kinder durfte Mutter Friederike mitnehmen, die Älteren kamen alleine.

In Hannover trafen sich alle wieder, allerdings noch ohne den Familienvater. Heinrich Langlott kehrte erst 1919 aus Sibirien zurück.

Die Familie musste anfangs als Wohnstatt mit einer Schrebergarten-Laube vorlieb nehmen. Sohn Karl, von seinen Mitschülern auf dem Gymnasium in Hannover als „Ruski“ tituliert, absolvierte zunächst eine kaufmännische Lehre beim angestammten Betrieb des Vaters, fand dann jedoch keine Anstellung. Sein Bruder Ernst fuhr zur See, Heinrich ging zur Bahn und Schwester Elsa war Bürokauffrau in einer Lederfabrik in der Lüneburger Heide. Sie hatte einen Malermeister geheiratet, bei dem Karl eine weitere Ausbildung, als Maler, machen konnte. Überdies ehelichte er Elisabeth Wilhelmine Schröder, eine Bürokollegin seiner Schwester. Wieder zurück in Hannover machte Karl sich selbstständig, 1934 wurde den jungen Langlotts Sohn Karl-Heinz geboren, und sechs Jahre später folgte Edda.

Borschtsch und Piroggen

Bei den Luftangriffen auf Hannover 1943 wurden Heinrich und Friederike Langlott ausgebombt, die daraufhin ins Haus von Sohn Karl zogen. So begann die gemeinsame Zeit, die Edda Greven mit ihren Großeltern verbrachte. „Opa konnte fantastisch erzählen“, erinnert sie sich und gerät dann ins Schwärmen: „Oma redete eigentlich nicht so viel, doch sie konnte sehr gut kochen, meist herzhafte russische Gerichte wie Borschtsch und die besten Piroggen, die ich kenne, mit einer ganz speziellen Fleischfüllung.“

Den Schrebergarten, in dem sie einst lebten, hatte die Familie auch nach der Wohnungszuweisung behalten. „Hauptsächlich Kohl wuchs darin, um Kapusta zu kochen“, lacht Edda Greven.

Sie selbst studierte nach dem Abitur unter anderem Englisch fürs Lehramt, ging als „assistant teacher“ nach Schottland, wo sie ihren späteren Mann, den gebürtigen Siersdorfer Wilhelm Greven, später Lehrer am Alsdorfer Gymnasium, kennen lernte: „Wir haben schnell geheiratet.“ Um als Lehrerin von Niedersachsen in die hiesige Region versetzt werden zu können, musste die evangelisch getaufte Edda Greven erst katholisch werden. „Dann stand meiner Anstellung an der katholischen Volksschule Schaufenberg nichts mehr im Weg. So bin ich dann hier hängen geblieben.“

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