Jülich: Zu Besuch bei den Fledermäusen in der Zitadelle

Jülich : Zu Besuch bei den Fledermäusen in der Zitadelle

170 Menschen erschienen zur „Fledermausnacht“ in der Zitadelle. Die erfreulich große Resonanz stellte das veranstaltete Museum Zitadelle in Kooperation mit dem Arbeitskreis (AK) Fledermausschutz Aachen, Düren und Euskirchen aber vor organisatorische Herausforderungen.

Nach der Einführung ins Thema mit Dr. Christoph Fischer in der Schlosskapelle organisierten die Fachleute spontan sieben Gästeführungen, denn mehr als 25 Personen sollten nicht gleichzeitig die dunklen Quartiere der faszinierenden Jäger der Nacht stürmen. Im Anschluss wechselten die Gruppen, um den Teilnehmern möglichst viele Aspekte zu bieten.

Anja Weinhold präsentiert den Daumen einer Wasserfledermaus, mit dem sie klettern kann. Foto: Jagodzinska

Familien mit Kindern wurden zunächst zu den Fangnetzen geführt, mit Hilfe derer die Experten die „fliegenden Säugetiere mit stark verlängerten Handknochen“ messen, wiegen und bestimmen. Dort landete tatsächlich alle paar Minuten eine Fledermaus im Netz, die in der Zitadelle „übertagt“ hatte und sich zur nächtlichen Jagd aufmachte. AK-Mitarbeiterin Anja Weinhold notierte mit Unterstützung einiger Kinder die Uhrzeit, bestimmte Art und Geschlecht, im ersten Fall eine 11,5 Gramm schwere, weibliche, erwachsene Wasserfledermaus.

„Warum ist eine Wasserfledermaus in der Zitadelle, wo es kein Wasser gibt?“, lautete eine kluge Frage aus Kindermund. Ganz einfach. Sie schläft in der Zitadelle und bricht zur Rur auf, wo sie auf der Wasseroberfläche treibende Insekten erbeutet. Die Jülicher Festung ist im Übrigen wegen der vielen Fugen und Ritzen in den Kellergewölben und Kasematten das vermutliche größte Balz-, Sommer- und Winterquartier im Kreis Düren, mit rund 500 Tieren aus neun Arten.

Die Expertin nahm den Nachtjäger in die Hand und präsentierte ihn der Gruppe unter speziellen Aspekten. So war etwa der Daumen zu sehen, den der Handflügler zum Klettern benutzt. Die Wasserfledermaus erhielt einen kleinen Anstrich mit rotem Nagellack, der diese Fangstation kennzeichnete. Fänge in einem weiteren Netz wurden blau markiert. Hätte es sich um den Fang „einer besonderen Art“ gehandelt, etwa um eine Bechsteinfledermaus, wäre der elegante Segler „beringt“ worden.

Während der „Bat Night“ wurden die Fledermäuse reihum in weißen Baumwollsäckchen aufgehängt, ihrem Naturell entsprechend mit den Füßen nach oben, den Gästen präsentiert und wieder in den Nachthimmel entlassen, wo sie sich per Ultraschall orientieren und pro Nacht bis zu 4000 Insekten vertilgen, was einem Drittel ihres Körpergewichts entspricht. Hier kommt der Schutz der Fledermaus ins Spiel, den Fischer eingangs ausgeführt hatte. „Alle heimischen Fledermäuse sind gefährdet und stehen unter Naturschutz.“ Denn „Nahrungsangebot und Lebensräume des effizienten Insektenvertilgers schrumpfen“.

Wie geht Naturschutz im Denkmal Zitadelle? Durch eine „fledermausgerechte Sanierung“, Besucherlenkung, Forschung und Aktionen. Beispiele aus dem Gesamtpaket sind Gittertore, die für den Flug der Fledermäuse „eine Handbreit freilassen“, der Verzicht auf Baumaßnahmen oder Besucherführungen in der Zeit des Winterschlafs. Denn ein mehrmaliges Aufwachen während dieser insektenlosen Zeit bedeutet den Hungertod der Fledermaus.

Laut Fischer klappt das Zusammenspiel der unterschiedlichen Institutionen in Jülich „reibungslos“. Auch Weinhold lobte ihrerseits „die tolle Zusammenarbeit mit der Zitadelle“.

Nicht nur an den Fangnetzen kamen die Besucher auf ihre Kosten. Sie wurden fachmännisch durch die Fledermausquartiere der Bastionen Wilhelm und Marianne und die verbindende Ostkurtine geführt. Oder in den Wallgraben, wo die schnellen Jäger per Fledermausdetektor zumindest gehört werden konnten, einige Exemplare wurden auch am dunklen Nachthimmel gesichtet. Ferner lockte eine Führung ins Ravelin Lyebeck mit teilhistorischen Gesichtspunkten. Sie war bereits im Vorfeld „als Joker angedacht worden“.

Eine der vielen hochinteressanten Detailinformationen brachte Dr. Henrike Körber in ihrer Quartiersführung ins Spiel. Schon 200 Jahre vor Aufklärung des Phänomens der Ultraschallorientierung experimentierte der Naturforscher und Bischof von Padua, Lazzaro Spallanzani, Ende des 18. Jahrhunderts mit den Tieren, allerdings mit rüden Methoden. Immerhin warf er die Frage auf: „Kann man mit den Ohren sehen?“ Zur Informationsfülle zählten auch Tipps für den Hausbesitzer: „Wenn eine Fledermaus wie tot an Ihrer Hauswand sitzt, sie schläft vielleicht. Wenn Sie wollen, dass sie weg fliegt, müssen Sie sie in der Hand oder auf einer Wärmflasche erwärmen“.

(ptj)
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