„Kontrastreich“: Zauberhafter Konzertabend in Körrenzig

„Kontrastreich“ : Zauberhafter Konzertabend in Körrenzig

Beim letzten Cross-Over-Projekt in der Veranstaltungsreihe „Kontrastreich“ tischte der Verein „Rettet die Alte Kirche, Körrenzig“ gleich zwei Überraschungen auf. Zuerst wurden aus Anlass des 20-jährigen Bestehens alle Konzertgäste zum gemeinsamen Umtrunk nach dem Konzert in die „Petrusklause“ eingeladen. Die zweite Überraschung betraf auch die Organisatoren selbst.

Denn der Schlusspunkt des kulturellen Sommers in der „Alten Kirche“ sollte eigentlich vom Trio „Continuum“ in der Konstellation Jens Piezunka (Kontrabass und Gesang), Dirk Piezunka (Saxofon, Klarinette und Perkussion) sowie Martin Flindt auf der Gitarre gestaltet werden. Dirk Piezunka, der aus wichtigen familiären Gründen unerwartet nicht auftreten konnte, wurde von der Sängerin Hanna Jursch ersetzt.

„Wir betrachten diese Änderung mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagte Jens Piezunka, „zum einen vermissen wir unseren Kollegen, zum anderen haben wir uns einen Wunsch erfüllt“. Mit der anerkannten Jazz- und Pop/Rock-Sängerin wollten die Musiker schon lange „einmal auf der gleichen Bühne stehen“. Dass sie nur am Konzerttag und lediglich eine Probe absolvieren konnten, war für die erfahrenen Künstler kein Hindernis. „Man ist es im Jazz gewohnt, spontan zusammen zu spielen und neue Arrangements live zu kreieren“, erklärt Martin Flindt, „Hanna in unser Programm reinzubringen war nicht schwer“.

Für das Publikum war jedoch das musikalische Repertoire beinahe schon die dritte Überraschung des Abends. Wer vorwiegend Jazz-Variationen auf Chorale und klassische Musik erwartet hatte, wurde eines Besseren belehrt. „Wir stellen unserer Musik keine Grenzen auf“, erläutert Jens Piezunka, „viel mehr versuchen wir, verschiedene Stilrichtungen zu verbinden und eigene Kreationen zu schaffen“. Der Name „Continuum“, von den Musikern als „fortführend, fortwährend“ interpretiert, bezieht sich auf die musikalische Verbindung, die ihren eigenen Stil prägt. „Wir bewegen uns vorwärts und rückwärts. spielen klassische Stücke als Jazz und umgekehrt, die moderne Weltmusik wird von uns in neuen Zusammenhängen arrangiert“, erklärt Flindt. Auch diesmal als „Duo Continuum“ und mit Hanna Jursch in der Formation begeisterten die Künstler mit meisterhaft lebendigen Improvisationen.

Magische Momente

Ein einzelner, durchgehend gezogener Ton des Kontrabasses und eine klangvolle Stimme, die aus der Tiefe der Kirche ertönte, führten die Zuschauer in die Welt des Gospels ein. „Come Sunday“ von Duke Ellington verkündete zum Konzertauftakt wahrhaft eine „gute Nachricht“ (engl. Good speel) für den weiteren Verlauf des Abends. Die stimmungsvolle, energiegeladene Atmosphäre sollte das Konzert von der ersten bis zur letzten gespielten Note begleiten.

Die Komposition „Memories of Tomorrow“, die Keith Jarret 1975 in seinem „The Köln Concert“ weltbekannt machte, begann mit einem Gitarrensolo zuerst zaghaft und verträumt. Mit Streicheln, Klopfen und „Antouchen“ ließ Jens Piezunka seinen Kontrabass den rhythmischen Takt vorgeben. In hohen Tönen, leicht und romantisch verwandelte Hanna Jursch das Stück im stetigen musikalischen Zuspiel mit den Instrumentalisten immer wieder aufs Neue vom Samba bis zum Swing.

Sowohl mit ursprünglichem Ethnoflair als auch mit einer beinahe futuristisch anmutenden Fantasie-Atmosphäre überzeugte das nächste Stück, in dem das verheißungsvoll akzentuierte Wort „strong“ (engl. stark) den mächtigen Klang unterstrich. Wie eine sehnsuchtsvolle Ballade wurde das folgende „Innsbruck, ich muss dich lassen“ nach Heinrich Issac interpretiert. Weil die Berliner Sängerin „solch eine positive Person ist“, luden die Musiker mit „I‘am all Smiles“ von Hampton Hawes zu einem lebensbejahenden Jazz-Stück ein.

„Es ist egal, woher wir kommen, ob ich aus Berlin und die Musiker aus Oldenburg, wir sind heute alle zusammen in der wunderschönen Kirche und teilen miteinander diese Musik“, führte Jursch in das nächste Stück — „Come Together“ von den „Beatles“ — ein. Streckenweise beinahe in der Artikulationsform „Staccato“ (it. „Abgetrennt“) von den Musikern gespielt und gesungen, führte der Kontrabass durch den Refrain. Dort heißt es übersetzt, „Kommt zusammen, jetzt sofort, durch mich“, und das Publikum folgte mit jeweils lautem „Over me“.

Das legendäre Lied „La Paloma“, eine Hymne der Amazonas Indianer an die Verbundenheit mit der Natur, klang in der Interpretation von Piezunka, Flindt und Jursch wie ein sphärischer Choral und konnte spiritueller nicht dargeboten werden. Mit einem großartigen Beat der Gitarre, der im Verlauf vom Kontrabass übernommen wurde, sang Jursch in einem fast zur Atemlosigkeit steigenden Tempo „Windmills of your Mind“ von Michelle Legrand. Auch in dieser „Oskar“ prämierten Filmmusik brillierte sie mit ihrem perfekten Scat-Gesang. Das hoffnungsvolle „You must believe in Spring“ und ein melancholisches italienisches Lied „Estate“ (it. Sommer) im Bossa Nova-Stil beendeten das außergewöhnliche Konzert.

Einfach mitreißend

Einen ausgenommen magischen Moment erlebten die Zuschauer in der Zugabe. Das israelische Volkslied „Shalom haverim“ erklang zuerst wie eine Hymne voller Sehnsucht nach Frieden und endete mit einem mitreißenden „Le hitraot“, was im Hebräischen auch so viel wie „Auf Wiedersehen, bis bald“ bedeutet. Es gab in der „Alten Kirche“ keine Person, die sich dem musikalischen Zauber entziehen konnte und nicht mitsang.

In Memoriam, Aretha Franklin, endete der Abend mit einem grandiosen „I say a little Prayer“. Es war, wie Jens Piezunka sagte, „nicht immer geistliche Musik“, die gespielt wurde, doch es war „nach wie vor geistvolle Musik“. Fortwährend.

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