Würselner Schüler geben Opfern ihre Namen zurück

Würselner Schüler geben Opfern Namen zurück : Die Villa Buth als unbequemes Mahnmal

Sie ist ein unbequemes Mahnmal einer unseligen Zeit: die denkmalgeschützte Villa Buth. Mehr als 150 jüdische Bürger wurden hier in der Zeit des Nationalsozialismus eingepfercht und in Konzentrationslager deportiert. Würselner Schüler haben diese Geschichte aufgearbeitet.

Und so war auch Pastor Dr. Peter Jöcken emotional sehr bewegt, als er die vielen Mitbürger, die der Einladung der „Dorfgemeinschaft Kirchberg hat Zukunft“ und des „Vereins zur Pflege des heimatlichen Brauchtums Kirchberg“ in die St. Martinus Pfarrkirche gefolgt waren, begrüßen konnte. Sie alle wollten der Präsentation des Projekts „Villa Buth – Zwischenstation zum Holocaust“ folgen.

Jöcken: Ein Herzenswunsch

„Dass ich das noch erleben darf, das grenzt fast an ein Wunder, ein Herzenswunsch ist für mich in Erfüllung gegangen“, betonte Jöcken. Selbst alten Kirchbergern wurden tiefe, bisher unbekannte Einblicke vermittelt, gesammelt mittels umfangreicher Recherchen in Archiven oder Bibliotheken oder durch Interviews mit Zeitzeugen. Das Gesamtprojekt setzt sich aus sechs Textbeiträgen, der Vorstellung eines 3D-Modells und einem Film zusammen.

„Das hätten wir nicht gewagt, zu hoffen, vor allem in Kirchberg selbst“, zeigte sich Timo Ohrndorf von der Bereitschaft der Bevölkerung, sich dem Thema zu öffnen, sehr erfreut. Nach der Lektüre eines Textes zur Geschichte des Hauses sei ihm klar geworden, dass das ein Thema für den Unterricht sein könne. Im Lauf von fast zwei Jahren haben die Schüler aus der Idee ihres Lehrers vollkommen eigenständig ein umfangreiches zeitgeschichtliche Dokument mit Beispielcharakter entwickelt. Nach einer Einführung in Gebäude, Park und Geschichte der Villa wechselt die Blickrichtung auf die Zeit, in der das Grauen nach Menschen jüdischen Glaubens griff.

Am 15. März 1941 verfügte der Landrat Ulrich Mylius, dass alle sich noch frei im Kreis Jülich aufhaltenden Juden bis spätestens zum 24. März um 12 Uhr mittags in der Villa Buth einzufinden hätten. Damit war die Villa zum „Judenhaus“ geworden, aus dem es nur ein Heraus gab: das in die Deportation nach Theresienstadt und in andere Vernichtungslager.

Gebannt verfolgten die Zuhörer in der Pfarrkirche St. Martinus dem Vortrag von Geschichtslehrer Timo Ohrndorf. Foto: Günter Jagodzinska

Die Anordnung, die einem Todesurteil gleich kam, als „Schutzmaßnahme“ zugunsten der jüdischen Bevölkerung zu deklarieren, war an Zynismus nicht mehr zu überbieten. Im weiteren Verlauf wurden Einzelschicksale der Insassen Leopold Schwarz, Regina Lichtenstein, Emil Herz und Friederike Goertz näher beschrieben – jedes für sich ein zutiefst verstörendes Mahnmal, wie tief eine Gesellschaft sich im Rassenwahn schuldig gemacht hat.

Als Beispiel erwähnt sei hier der Auszug aus dem Bericht eines Augenzeugen über die Ankunft der ersten Juden an der Villa, der die Zuhörer tief betroffen machte: „Zunächst habe er das charakteristische Traktorengeräusch gehört (...) aus der Richtung Kirchberger Bahnhof kommend, er habe die Juden auf einem gummibereiften Wagen zur Villa Buth gebracht und an der Bahnhofstraße 119 angehalten. Der Fahrer war ein Bauer aus Kirchberg gewesen, der den Wagen (...) auf Geheiß des Ortsgruppenleiters umgebaut habe. Es seien mindestens 60 Juden gewesen, die auf dem Jülicher Marktplatz zusammengetrieben worden waren. Die Juden hätten über eine schmale Leiter vom Wagen steigen müssen, (...) sie hätten einen niedergeschlagenen Eindruck gemacht. Auf beiden Seiten der Leiter hätten Schläger gewartet, ungefähr fünf oder sechs, die von Personen unterstützt worden seien, die (...) keine Uniform getragen hätten.“

Nachweislich mussten sich über 150 jüdische Bürger auf engstem Raum ihr Leben einrichten. Bei den späteren Deportationen warteten vor dem Tor der Villa bereits Schläger und einige „unbescholtene“ Kirchberger Bürger, schmissen die Koffer der Juden gegen die Wände und raubten deren Sachen, um sie gewinnbringend zu veräußern. Kinder wurden ihren Müttern entrissen.

Ein sehr interessanter Einzelbeitrag im Projekt ist ein 3D-Modell der Villa, bei dem etagenweise sehr viele Details wiedergegeben werden. Damit soll das dem Verfall geweihte Haus zumindest als Modell konserviert werden, damit es auch in Zukunft angeschaut werden kann. Das Filmprojekt „Villa Buth – Zwischenstation zum Holocaust“ macht die Hintergründe in drei Zeitebenen erfahrbar. Beginnend im Jahr 1845 (Gründung der Papierfabrik durch Carl Eichhorn) wird die Zeit vor dem Nationalsozialismus dargestellt, im Mittelteil erfolgt die Aufarbeitung der NS-Zeit in ihrer ganzen grausamen Unmenschlichkeit. Den Abschluss bildet die weitere Entwicklung des Hauses bis hin zum Denkmalschutz und der Frage nach den Möglichkeiten einer Restaurierung.

Diese droht jedoch an der Kostenfrage zu scheitern. Schätzungen belaufen sich auf ein Volumen um fünf Millionen Euro. Noch besteht Hoffnung, und so fasste Timo Ohrndorf zusammen: „Die Villa bewahrt die Erinnerung an jeden einzelnen Menschen, der hier gelebt und gelitten hat. Eine Restaurierung wäre ideal, das Haus könnte zum öffentlich zugänglichen Denkmal werden, den Opfern des Nationalsozialismus würden Namen gegeben.“

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