Wolfgang Marquardt sieht Forschungszentrum Jülich in Vorreiterrolle

Interview mit Wolfgang Marquardt : Strukturwandel fordert Umdenken in Jülich

Geografisch liegt das Forschungszentrum Jülich schon lange mitten im Strukturwandel. Es befindet sich zwischen den Tagebau-Löchern Hambach und Inden, Garzweiler im Norden ist zehn Autominuten weit entfernt. Spätestens seit dem Bericht der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung ist das Forschungszentrum auch inhaltlich im Strukturwandel angekommen.

Die Kommission empfiehlt der Bundesregierung einen Ausstieg aus der Braunkohle bis 2038 und 40 Milliarden Euro für Investitionen in die vom Ausstieg betroffenen Regionen.

Im Bericht steht weiter, dass die Impulse für ein wirtschaftlich starkes Rheinisches Revier ohne Braunkohle-Industrie aus den großen Hochschulen im Rheinland und dem Forschungszentrum Jülich kommen sollen.

Im Interview mit Guido Jansen sagt Prof. Wolfgang Marquardt, der Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums, dass der Strukturwandel außerhalb des Jülicher Zauns ein Umdenken innerhalb des Forschungszentrums bedingt.

Welche Rolle hat das Forschungszentrum beim Erstellen des Berichts gespielt? Waren Jülicher Wissenschaftler involviert?

Wolfgang Marquardt: Nein, wir waren an der Erstellung nicht beteiligt. Eine solche Sache soll jenseits der Akteure stattfinden. Natürlich haben wir mit der Kommission geredet, etwa bei ihrem Besuch im Rheinischen Revier. Da waren wir als Sachverständige eingeladen, unsere Themen und Ideen vorzustellen.

Sieht sich bei High-Tech-Themen der Zukunft gefordert: Prof. Wolfgang Marquardt, Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich. Foto: Guido Jansen

Der Bericht liest sich in manchen Teilen, in denen es um die Zukunft und den Strukturwandel im Rheinischen Revier geht, so, als sei er passgenau auf einige Jülicher Forschungsgebiete zugeschnitten.

Marquardt: Es ist kein Zufall, dass die Kommission Hightech-Themen für die Zukunft diskutiert und dass diese Themen nicht weit weg sind von den Dingen, die wir hier im Forschungszentrum bearbeiten. Das sind einfach die „heißen“ Themen heute im Bereich der Information, der erneuerbaren Energien und der biobasierten Wertschöpfungsketten in der Bioökonomie.

Thema Bioökonomie: Ist es realistisch, dass die Landwirtschaft sich hier so umstellt, dass sie Energieträger auf Pflanzenbasis produziert, beispielsweise Bioethanol?

Marquardt: Da muss ich die Erwartungen etwas dämpfen: Die Bioökonomie zielt nicht primär auf Energieträger als Produkt ab. Trotzdem kann sie natürlich in diesem Bereich Wirkung erzielen, etwa im Verkehrssektor: Dort geht der Trend zwar in Richtung Elektromobilität, trotzdem werden wir aller Voraussicht nach weiterhin Kohlenstoff-basierte Energieträger brauchen, beispielsweise für Hybridantriebstechnologien. Diesen Kohlenstoff wollen wir künftig aus biogenen Roh- und Reststoffen holen, was auch für die Landwirtschaft Perspektiven eröffnet. Der vielversprechendste Aspekt der Bioökonomie ist aus meiner Sicht aber die Wertschöpfung der chemischen Industrie und alles, was damit zu tun hat. Da gehören Materialien dazu, also Kunststoffe. Oder Pharmazeutika. Diese Produktionswege biobasiert zu denken, das ist der Weg, den man mit der Bioökonomie gehen sollte.

Vor wenigen Wochen war am Forschungszentrum Grundsteinlegung für die neue Energie- und Wärmeversorgungszentrale, die die Einrichtung nicht nur versorgt, sondern gleichzeitig eine Art lebendiges Labor ist, mit dem geforscht wird. Kann man das Ganze größer denken und sagen, dass das gesamte Rheinische Revier ein solches Living Lab werden kann, mit dem Forschungszentrum als einem Teil davon? Muss das Forschungszentrum seine Rolle überdenken, wenn der Strukturwandel im Rheinischen Revier gelingen soll?

Marquardt: Ich sehe da verschiedene Ebenen. Das eine ist der Infrastrukturbereich. Da, wo die großen Braunkohlegruben sind, da mussten Verkehrswege weichen, viele Verbindungen waren schon vor dem Strukturwandel nicht gut. Wenn wir eine Innovationsregion werden wollen, dann müssen wir verkehrstechnisch viel enger zusammenrücken. Da ist die Schiene wichtig, autonomes Fahren, wasserstoffbasierte Antriebe. Die Verkehrswende ist neben der Energiewende sofort mitzudenken. Wenn ich einen Wunsch äußern dürfte, dann den, dass die Verkehrsinfrastruktur im Rheinischen Revier vergleichbar wäre mit der in Ballungszentren, in Metropolregionen wie München oder Berlin. Zweitens müssen wir in Richtung Re-Industrialisierung denken. Nach dem Ende der Braunkohle müssen viele Arbeitsplätze ersetzt werden. Ich sage als Hausnummer mal die Zahl 20.000, die ja häufiger für das Rheinische Revier genannt wird. Die Frage ist, wie wir diese Re-Industrialisierung schaffen. Da müssen wir uns auf große Linien einigen. Also nicht irgendetwas machen und jeder hat seine eigenen Ideen.

Wie muss das konkret aussehen?

Marquardt: Wir brauchen einerseits die Transformation der existierenden Industrie. Stichwort Digitalisierung: Die Unternehmen, die das nicht packen, die werden nicht wettbewerbsfähig sein. Und neben der Transformation brauchen wir auch die Ansiedlung neuer Industrien. Das gelingt, wenn entweder bestehende Unternehmen hier Niederlassungen errichten, weil es ein interessantes Umfeld mit viel Potenzial und Innovation ist. Oder durch Ausgründungen, also durch Start-ups.

Welchen Beitrag kann das Forschungszentrum dazu leisten?

Marquardt: Wir können maßgeblich die Diskussion über die Strategielinien mitbestimmen. Die stimmen mit unseren Forschungsaktivitäten überein. Das sind Hightech-Linien und damit auch für die Region interessant. Diese Linien zu finden, braucht Organisation. Da könnten wir uns einen Koordinierungskreis vorstellen, mit dem Motto: Innovation durch Wissenschaft. Dieser Kreis sollte die Kräfte in der Region bündeln und einen wissenschaftsgetriebenen Strukturwandel bewirken.

Das muss aber auch seitens des Forschungszentrums mit einer anderen Intensität stattfinden als bisher.

Marquardt: Die Wissenschaftler im gesamten Rheinischen Revier müssen mit einer Stimme sprechen. Wenn jeder für sich spricht oder der eine gegen den anderen, dann wird das nicht effektiv laufen. Wir sind letztlich da, um der Gesellschaft zu dienen. Daraus muss die wissenschaftsbasierte Innovation kommen. Ein solcher Koordinierungskreis muss fokussiert sein auf die Wissenschaft, aber die Wirtschaft mit einbeziehen.

Wie soll das klappen, dieses Wissen letztlich in Arbeitsplätze umzumünzen?

Marquardt: Da sind auch wir in Jülich gefordert. Wir müssen uns da noch deutlicher positionieren im Bereich des Transfers. Wir hören nicht mehr auf, wenn das Wissen da ist, sondern schauen, dass wir dieses Wissen mit Partnern in Form von Produkten, Dienstleistungen und Arbeitsplätzen in die Welt bringen. Das ist eine Herausforderung für uns, weil das Forschungszentrum seinen Schwerpunkt ursprünglich in der langfristig orientierten Grundlagenforschung hat. Die neue Herausforderung durch den Strukturwandel ist, das geschaffene Wissen tatsächlich auch in den Markt einzubringen. Dem müssen und wollen wir uns stellen, da haben wir als größter wissenschaftlicher Spieler in der Region eine Verantwortung. Natürlich können wir das nicht allein schultern. Wir sind ein Spieler von mehreren, aber wir haben ein hohes Potential.

Wie sieht das konkret aus? Sehen wir dann in drei Jahren Busse fahren, die mit Jülicher Brennstoffzellentechnologie angetrieben werden und die hier in der Region hergestellt worden sind?

Marquardt: Ihre Frage hat zwei Aspekte. Erstens: Ist die Technologie reif dafür? Die Brennstoffzelle aus unserer Sicht ja. Dann brauchen wir zweitens die Infrastruktur. Das funktioniert am besten mit flüssig gebundenem Wasserstoff. Die Flüssigkeit hat eine Konsistenz wie Diesel, ist nicht toxisch und nicht brennbar, birgt also keine Risiken und kann mit Wasserstoff beladen und wieder entladen werden. Natürlich brauche ich dann Unternehmen, die bereit sind, sich zu engagieren. Die Stadtwerke, die Verkehrsbetriebe der Kommunen und Dienstleister, Fahrzeughersteller, die wir natürlich nicht gerne in China, sondern möglichst hier in der Region sehen wollen. Wasserstoffgetriebene Busse, hergestellt und eingesetzt in der Region, das ist ein wunderbares Zielszenario.

Helfen die in Aussicht gestellten Gelder für den Strukturwandel dabei, dass Technologien aus der Grundlagenforschung schneller in eine Anwendung gebracht werden als bisher?

Marquardt: Das muss gelingen. Die Mittel müssen genutzt werden, um aus Wissen Innovation zu schaffen. Das Geld soll da ausgegeben werden, wo dieses Wissen in die Praxis umgesetzt wird. Ein Beispiel könnten „lebendige Labore“ sein, in denen Innovationen entwickelt und ausprobiert werden, nicht nur gezeigt. Dabei müssen die Unternehmen, also diejenigen, die später damit Geld verdienen wollen, von Anfang an mit eingebunden sein. Diese „lebendigen Labore“ müssen gemeinsam entwickelt werden. Und sie müssen finanziert werden. Unsere Vorstellung ist nicht, dass wir Strukturwandel-Mittel bekommen, mit denen wir „nur“ Wissen generieren. Das wäre zu kurz gesprungen.

Das Geld wird also in der Nachbarschaft investiert, jenseits des Zauns des Forschungszentrums, um die Erkenntnisse aus dem Forschungszentrum umzusetzen?

Marquardt: Ich lasse mal den Zaun weg. Auf der ersten Stufe, etwa im Forschungszentrum, entsteht das Wissen. Es muss einen neuen Bereich als zweite Stufe geben, in dem das Wissen zu einer Art Prototyp weiterentwickelt wird. Der dritte Schritt ist dann, diese Prototypen marktfähig zu machen. Wir sehen uns künftig auch ganz klar in dieser zweiten Stufe in der Verantwortung. Das ist nicht unser Kerngeschäft, aber da müssen wir uns öffnen.

Was bedeutet das konkret?

Marquardt: Wir haben hier in Jülich auf der Merscher Höhe den entstehenden Brainergy-Park vor der Tür als innovatives Gewerbegebiet, der ja auch im Bericht der Strukturwandel-Kommission erwähnt wird. Dort setzt man diese „lebendigen Labore“ als Kreativräume um. Zum Brainergy-Park haben wir z.B. Pläne für die Bioökonomie im Kopf. Mit dem Brainergy-Park sind Schritte möglich, die wir als Forschungszentrum allein nicht leisten können. Nämlich direkt neben neuen Strukturen Unternehmen anzusiedeln. Da füllt der Brainergy-Park eine bestehende Lücke, weil dort die dritte Stufe, von der ich eben gesprochen habe, möglich ist.

Wenn man im Kölner Raum lebt und im Forschungszentrum arbeitet, hat man nur eine indirekte Anbindung mit dem Zug, aus Richtung Düsseldorf gar keine, solange der Lückenschluss der Rurtalbahn an die Strecke Aachen-Düsseldorf nicht hergestellt ist. Das klingt nicht nach Zukunft.

Marquardt: Da haben Sie Recht. Natürlich müssen wir an die bestehenden Trassen anschließen, aber dabei darf es nicht bleiben. Wir brauchen letztlich ein S-Bahn-artiges Liniennetz, das die Region Köln – Aachen – Düsseldorf direkt miteinander verbindet. Es reicht nicht, eine Innovationsregion rein regional zu denken. Das ist naiv. Die muss ein Tor zur Welt haben. Und das geht nur mit einem Anschluss an die großen Städte und Flughäfen. Ob sich das rechnet? Allein mit heutigen Technologien könnte das schwierig werden. Die große Chance, die ich sehe, besteht darin, dass wir mit der Mobilitätswende ganz andere Konzepte umsetzen können. Zum Beispiel autonome Konzepte auf der Schiene oder der Straße. Es ist klar, dass wir im Forschungszentrum allein mit über 5000 Angestellten dieses Tor zur Welt brauchen, um diese Innovationsregion befeuern zu können. Wenn das nicht kommt, dann wird ein erfolgreicher Strukturwandel nur ein Traum bleiben, dann entwickelt sich die Innovation nur entlang der Autobahn und der Bahnlinie Aachen-Köln. Wir sind dann nur schwer erreichbar.

Wird das Forschungszentrum mit dem Strukturwandel wachsen?

Marquardt: Größe ist kein Wert an sich. Unser erstes Ziel ist nicht, zu wachsen, sondern zunächst mit den vorhandenen Ressourcen mehr Wirkung zu erzielen, über die Wissenschaft hinaus. Dass wir für neue Aufgaben zusätzliche Ressourcen brauchen, ist ganz klar. Das Wachstum ist aber kein Ziel, sondern ein Mittel, um das große Ziel, einen erfolgreichen Strukturwandel im Rheinischen Revier, zu erreichen.

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