Jülich: Wie Jülich zur Großmacht hätte werden können und scheiterte

Jülich : Wie Jülich zur Großmacht hätte werden können und scheiterte

Für das zahlreiche Publikum war es ein besonderes Gefühl, in dem womöglich kunsthistorisch bedeutendsten Gebäude der Stadt Jülich zu sitzen und einem Vortrag über seinen Bauherren zu lauschen.

Dabei referierte Michael Kuhn nicht über die architektonischen Vorzüge der Schlosskapelle Zitadelle Jülich, sondern erzählte von einem niederrheinischen Herrscher, der einige Jahre die Weltmacht Habsburg herausforderte und der dabei war, das künftige Schicksal Europas zu verändern. In der Vortragsreihe des Jülicher Geschichtsverein in Zusammenarbeit mit dem Museum Zitadelle Jülich präsentierte Kuhn die Umstände eines historischen Ereignisses, das in die Geschichtsbücher als ‚Kniefall von Venlo‘ eingegangen ist.

Vor 475 Jahren endeten die Großmachtambitionen Herzogs Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg in der Anerkennung der Herrschaft Kaisers Karl V. mit dem Verzicht auf das Herzogtum Geldern und die Grafschaft Zutphen.

Michael Kuhn ist ein bekannter Buchautor und Verleger, der an der RWTH Aachen Geschichte und Politische Wissenschaften studierte. Der Geldrische Krieg war das Thema seiner Magisterarbeit. In seiner mit Illustrationen veranschaulichten Präsentation schilderte Kuhn zu Beginn die Vorgeschichte des Konfliktes.

Das mächtige Herzogtum

Durch friedliche Mittel wie Kauf, Tausch oder Heirat fielen Berg und Ravensberg 1346 an das Herrscherhaus Jülich. 1368 fand die Vereinigung von Kleve und Mark statt. Eine friedliche Koexistenz der Herzogtümer und keinerlei Interessenkonflikte beschleunigten den weiteren Vereinigungsprozess.

Durch die Erbfolge wurde Wilhelm V. 1539 zum zweiten Herrscher in der Geschichte, der sich Herzog zu Kleve, zu Jülich, zu dem Berge, Graf zu der Mark und zu Ravensberg nannte. Das Territorium seiner Besitztümer war so groß wie das heutige Nordrhein-Westfalen. Für das Schicksal eines der damals mächtigsten Fürstentümer Deutschlands und seine Entwicklung zu einer Großmacht wurde das Herzogtum Geldern von immer größerer Bedeutung.

Eine Möglichkeit, die Länder zu erweitern und mit Geldern den Zugang zum Meer zu erhalten, bot sich durch die Kinderlosigkeit des geldrischen Herzogs Karl von Egmont. In einem Vertrag wurde die Nachfolge von den hiesigen Ständen auf den Herzog von Jülich-Kleve-Berg übertragen. Diese ausgeklügelte politische Handlung stellte beide Vertragspartner zufrieden, überging jedoch die Pläne von niemand Geringerem als dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Karl V..

Auch er machte seinen Anspruch auf das Herzogtum Geldern geltend. Zudem fühlte sich seine Schwester Maria von Ungarn, Statthalterin der Niederlande, vom dem Bündnis bedroht. Sie fürchtete, eingekeilt zu sein in einer Koalition des Niederrheins und Westfalens mit dem feindlich gesinnten Frankreich.

Königin von England

In persönlichen Unterredungen versuchten zunächst beide Seiten, ihre rechtlichen Ansprüche auf das umstrittene Territorium zu erörtern. Keine der kaiserlichen Audienzen ergab ein zufriedenstellendes Ergebnis, weder für Karl noch für Wilhelm. Der Herzog von Jülich-Kleve suchte Unterstützung bei den Reichständen, die naturgemäß in Opposition zur kaiserlichen Macht standen. Auch diese Bemühungen brachten keine Lösung des Konfliktes. In Anbetracht der unbeugsamen Haltung Habsburg/Burgunds und im Bewusstsein eines drohenden Krieges wurden auf der jülich-klevischen Seite politische, notfalls militärische Bündnisse angestrebt.

So erfuhren die versammelten Herzogstädter im Laufe des Vortrags, dass eine Tochter aus dem Herzoghaus Jülich-Kleve-Berg, Wilhelms V. Schwester Anna von Kleve, zur vierten Gemahlin von Heinrichs VIII. und damit Königin von England wurde. Des Herzogs eigene Vermählung mit der Prinzessin von Navarra, Jeanne dAlbert, einer Nichte des französischen Königs, diente ebenso der Stärkung seiner Position in Europa und sollte die Abwendung eines offenen Krieges gegen den Kaiser bewirken.

Für seine beiden Allianzpartner, England und Frankreich, wurden diese Bündnisse jedoch lediglich Mittel zum Zweck, ihre eigenen politischen Ambitionen umzusetzen. So wurde die englische Verbindung durch eine Eheannullierung wieder aufgelöst und Frankreich erklärte zudem kurze Zeit später Karl V. den Krieg und hatte damit Jülich-Kleve in seinen militärischen Kampf gegen Habsburg hineingezogen. In der Endphase des Krieges marschierte Karl V. mit seiner Streitmacht an den Niederrhein.

An den Verteidigern Dürens statuierten diese im Jahre 1543 ein brutales Exempel, an anderen Kriegsschauplätzen ergaben sich die Gegner des Kaisers. Von seinen Verbündeten in Sachsen und Frankreich allein gelassen kapitulierte Herzog Wilhelm V. im selben Jahr vor Venlo, als der mächtigste Jülicher Herrscher jemals, im Volksmund heute gerne der ‚reiche Willi‘ genannt, vor dem Kaiser auf die Knie fiel.

In einem Vertrag willigte er in die Abtretung Gelderns ein und band seine Länder somit eng an das habsburgische, kaiserliche Haus. Der Versuch, am Niederrhein eine Großmacht mit dem Herzogtum Jülich-Kleve-Berg zu errichten, war für immer gescheitert.

In der anschließenden Diskussion mit dem Vortragsautor und dem Vorsitzenden des Jülicher Geschichtsvereins Guido von Büren gaben sich die geschichtskundigen Zuschauer den Spekulationen hin.

Die hypothetischen Fragen, welche politischen und strategischen Fehler dem Herzog bei seinem ambitionierten Vorhaben unterliefen, welchen Einfluss dessen Gelingen auf die weitere Geschichte Europas gehabt hätte und wohin die Entwicklung der Herzogstadt Jülich in dieser Konstellation hätte führen können, beschäftigten noch lange das in der Schlosskapelle versammelte Publikum.

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