Fiktiver Eigenverbrauch: Wenn der Energieversorger einfach mal schätzt...

Fiktiver Eigenverbrauch : Wenn der Energieversorger einfach mal schätzt...

...und der Kunde fast zum Steuerhinterzieher wird. Ein fiktiver Eigenverbrauch bei der Abrechnung einer Fotovoltaikanlage sorgt bei ihrem Besitzer für Ärger. Denn beim Finanzamt kann das Konsequenzen haben.

Wenn Gottfried Koch aus Jülich auf die Jahresabrechnung seines Energieversorgers Regionetz GmbH blickt, hat er in der Regel allen Grund sich zu freuen. Koch hat sich vor Jahren eine Fotovoltaikanlage auf das Dach seines Hauses gesetzt und produziert seit dem fleißig Strom, den er zum Teil selbst verbraucht, zum größten Teil aber in das Stromnetz einspeist.

5466 Kilowattstunden (kWh) waren das in 2018, dafür hat Koch eine entsprechende Vergütung seines Energieversorgers erhalten. Der Jülicher verfügt in seinem Haus über einen separaten Erzeugungszähler. „Damit kann ich mittels Erzeugung minus Einspeisung meinen Eigenverbrauch errechnen“, erzählt Koch. Der lag in 2018 bei genau 1584 kWh. Wenn Koch dann wieder in seine Jahresabrechnung schaut, stellt er aber verblüfft fest, dass dort ein Eigenverbrauch von 2499 KWh angegeben ist, also fast 1000 KWh mehr, als er tatsächlich selbst verbraucht hat.

„Der Eigenverbrauch wird unter anderem für die Berechnung des geldwerten Vorteils einer Fotovoltaik-Anlage. benötigt“, sagt Koch. Mit anderen Worten: Wenn er die Jahresrechnung beim Finanzamt einreicht, hat er ein Problem. Dort würde er nicht mit dem tatsächlichen Eigenverbrauch veranschlagt, sondern mit dem vom Energieversorger falsch geschätzten. Koch hat sich ausgerechnet, dass er dann ungefähr 300 Euro mehr an Steuern nachzahlen müsste als notwendig. Koch: „In einer Rechnung darf es keine Werte geben, welche auf Schätzungen basieren und noch nicht einmal als solche bezeichnet sind. Nach den Schätzungsangaben bezahlt man entweder zu viel an Steuern oder man macht sich der Steuerhinterziehung schuldig bei einer zu geringen Schätzung“, argumentiert er. Und er will weder zu viel ans Finanzamt zahlen müssen, noch der Steuerhinterziehung verdächtigt werden.

Also hat er sich an Regionetz gewandt, um eine neue, korrekte Abrechnung gebeten und den Versorger zudem auf die Problematik aufmerksam gemacht, die ja vermutlich nicht nur ihn betreffen wird. Die Antwort war für Koch weniger befriedigend: Zwar hat Regionetz ihm bestätigt, dass es sich in der Jahresrechnung mangels eines „geeichten Zählers zur Messung der erzeugten Energie“ tatsächlich um einen „systemseitig geschätzten Wert“ handele, eine neue Rechnung, in der das klargestellt wird, wurde ihm aber nicht zugeschickt.

Dass die Angabe des Eigenverbrauchs überhaupt auf der Rechnung auftaucht, erscheint zunächst widersinnig, weil der Energieversorger in diesem Punkt keine Vergütung vornehmen muss. „Das ist aber eine Vorgabe des Gesetzgebers“, erklärt Jürgen Schulz von den Stadtwerken Düren beziehungsweise der Leitungspartner GmbH. „Bei uns wird der Eigenverbrauch generell nicht geschätzt, wir übernehmen stattdessen die Angaben der Kunden“, sagt Schulz. Das hätte sich Gottfried Koch auch von seinem Energieversorger gewünscht. Der hat inzwischen aber reagiert. „Den Hinweis, dass es sich um einen fiktiven Eigenverbrauch handelt, werden wir in Kürze auf allen Schreiben ergänzen“, teilte Regionetz am Donnerstag auf Anfrage mit.

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