Weihnachten im ripuarischen Dialekt

Weihnachten im ripuarischen Dialekt: „Fröhsch hammer wisse Weihnaat jehat“

Wir unternehmen einen wortakrobatischer Weihnachtsspaziergang durch die den ripuarischen Dialekt, so wie er im Rurgebiet gesprochen wird.

Dialekt sprechen ist eine Frage des Gefühls. Und einer der ersten Ausdrücke in der ripuarischen Mundart, die einem zum Weihnachtsfest auffallen, ist das Wörtchen „Schmecklecker“. So betitelt man im Rhein- und Rurgebiet einen Genussmenschen, eine Naschkatze, ein Leckermaul. Immerhin beschert uns „dä Hellije Mann“ und „et Chresskenk“, der Heilige Mann und das Christkind, mit viel „Leckisch“ (Leckereien) und „Söößischkeete“ (Süßigkeiten). „Plätzjes“ (Plätzchen), „Marzipanäepelches“ (Marzipankartöffelchen), „Makrönches“ (Makrönchen), „Nööß“ (Nüsse), „Appelsinge“ (Apfelsinen), „Schoko-Weihnaatsmännches“, „Moppe“ (Lebkuchen), „Prente“, „Zemmetsteere“ (Zimtsterne) und Spekulatius kommen zum „Schnütze“, Naschen, auf den Teller.

Die anderen „Präsentsches“ liegen in buntem Papier meist mit goldenen oder roten „Schlievjes“ (Schleifchen) eingepackt unter dem „Chressboom“ (Christbaum). „Et Chresskinksche“, das Christkindchen, hat den Tannenbaum mit blinkenden „Kurele“ (Kugeln), „Engelsfijürches“ und Lametta geschmückt. „Engelshoor“, Engelshaar, wellt sich sanft über das „Tannejröön“ und große staunende Kinderaugen „lüete met dä Käeze“ (leuchten mit den Kerzen) um die Wette. Papa und Mama, Oma und Opa wird es im „Lieterjlanz“ (Lichterglanz) „Hellischovend“ (Heiligabend) ganz warm ums Herz. Und abends spät pilgert die Familie zur „Chressmett“ (Christmette) in die Kirche. 

Immerhin stimmt die „Adventszick“ die Menschen ja auch lange genug auf das „Weihnaatsfess“ ein. Die Kinder freuen sich, jeden Tag am Adventskalender ein Türchen aufzumachen. 24 „Düürches“ bis das Christkind endlich kommt. Am sechsten Tag hatten die Zwerge schon ihre geputzten „Steffele“ (Stiefel) vor die Tür gestellt, damit der Nikolaus ihnen da eine süße Überraschung reinlegt. – Mama hat zur Tischdekoration einen „Adventskrangs“ aus Tannengrün, „Strüetzsteere“ (Strohsterne) und roten Schleifen gebastelt. Darauf stecken vier rote Kerzen. Sonntag für Sonntag wird eine mehr angezündet. Papa stibitzt heimlich einen Strohstern, er will ihn für das selbst gebaute „Kreppche“ (Krippchen) nutzen. Derweil verbreitet ein Räuchermännchen, „ä Rööchermännche“, einen aromatischen Duft in der guten Stube.

Wohlfühlatmosphäre

Kuschelige Wohlfühlatmosphäre wollen ebenso die Advents- und Weihnachtsmärkte zaubern. Hier duftet es, „rüsch et“, meist nach gebrannten Mandeln und Zimt. Mit einem „Jlas Jlöhwing“ (Glas Glühwein) in der Hand steigt einem sowohl der Grillduft von den Bratwürsten als auch das Frittieren der „Rievkooche“ (Reibekuchen) in die Nase. Ob Süßes oder Saures – niemand, der wohl nicht fündig wird: Bier, heißer Kakao mit Sahne, Früchtepunsch, „Moppe“, Käsespezialitäten. Ein Bummel durch solch ein adventliches Hüttendorf, „Höttedörp“, wird oftmals zu einem Einkaufserlebnis: „Lieterboorens“ (Lichterbögen) aus Holz, „bemoolde Chressboomkurele on Jlöckches“ (Christbaumkugeln und Glöckchen), „Kreppefijure“ (Krippenfiguren), „Spellzeusch“ (Spielzeug) für die Kinder bis hin zo „Sellever- on Perleschmuck“ (Silber- und Perlenschmuck). „Jüedele“ (Gürtel), „Portmonnees“, „Plümmemötzjes“ (Pudelmützen) sowie „Taische“ (Taschen) aller Art stehen zum Verkauf als Weihnachtsgabe für die Lieben. Spannend für die kleinen Besucher wird es immer, wenn der „Weihnaatsmann met´m ruede Mangtel“ (Weihnachtsmann mit dem roten Mantel) kommt. Manchmal hat er im Schlepptau ein paar „Engelches“ dabei. 

Wer genau hinschaut, sieht die Farben rot, grün und weiß im allgemeinen Weihnachtstrubel überwiegen. „Rued“ steht da für den „Hellije Mann“, „jröön“ für die „Tannebööm“ und „wiss“ för dä „Engelches“. Der größte Teil an Weiß fehlt allerdings. Der „Schneij“ (Schnee) an den Festtagen ist da ursprünglich mit gemeint. „Fröhsch hammer emmer wisse Weihnaat jehat“, trauern ältere Menschen der weißen Weihnacht von damals nach. Klar, „dat Chresskenk“ kam ja auch mit „dä Schlitte“ angereist. Unverändert zu vergangenen Zeiten singen aber alt und jung heute noch traditionelle „Weihnaatsleeder“: „Alle Jahre wieder…“ oder „Stille Nacht…“ Mancher eingefleischte Rheinländer stimmt auch schon mal nach dem Genuss von mehreren „Wingbrandbonne“ (Weinbrandbohnen) unterm Tannenbaum den Kölschen Schlager an „Marie, Marie dä Chressboom brennt“.

Von Generation zu Generation weitergegeben ist jedoch nicht nur weihnachtliches Sangesgut. Zum Fest wird der Tisch festlich gedeckt. In fast jeder Familie hält sich meist altüberliefert eine Vorliebe für bestimmte heimische Speisen zum „Chressfess“. Mittlerweile mögen es etliche Heiligabend, ohne viel „Jedöns“ zu Tisch zu gehen – mit „Äepelschlaat on Wüeschjes“, mit Kartoffelsalat und Würstchen. „Dä Mostert“, den Senf auf keinen Fall dabei vergessen! Am ersten Weihnachtstag wird aber groß getafelt. Entweder kommt Besuch oder man fährt zu „Besöök“. Mama oder Oma tischt dann auf. Gut – die Geschmäcker sind verschieden. Eines der beliebtesten rheinischen Weihnachtsgerichte ist der „Ferkesbrode met Kölsch“, Schweinebraten mit Kölsch-Bier. Sehr schmackhaft mit „Öllisch, Schmalz, Pääfer, Speck on ene Liter Kölsch“. Also ein köstliches Fleischrezept im Schmortopf mit Zwiebeln, Pfeffer und Kölsch.

Rheinischer Sauerbraten

Eine kaum weniger beliebte Weihnachtsspeise ist der klassische Rheinische Sauerbraten, „dä Suerbrode“. Zwischen Tannengrün und leuchtenden Kerzen auf dem Tisch serviert Mutter dann Rindfleisch, „Renkfleesch“. Drei Tage muss der Braten marinieren. Die Marinade, die Soße, „dä Zaus“ wird mit „Rosinge“ (Rosinen), „Öllisch“, „Seem“ (Rübenkraut), „Pääfer“, Salz und „suer“ (saure) Sahne angemacht. Und der weihnachtliche Clou sind die „Prente“ in der „Zaus“. „Bross oder Küll“, Brust oder Keule, heißt es beim Weihnachtsfestessen, wenn ein Gänsebraten mit Rotkohl, „en jebrodene Jangs met ruede Kappes“, aufgetischt wird. Egal wie und womit Mutter die Weihnachtsgans füllt – Mama wird zum Christfest die meiste Zeit in der Küche rumwuseln.

Mindestens ein Esser in der Tischrunde sieht sich dann veranlasst, eine wohl unverkennbar rheinische Weisheit von sich geben: „En joot jebrodene Jangs es en Jabe Jottes.“ Die Gabe Gottes ändert nichts am Stress am Herd, sollte die Familie traditionell Wildfleisch, „Weldfleesch“, bevorzugen. Genauso viel Mühe hat die Hausfrau mit „Föijsch“ (Fisch), der allerdings überwiegend erst zu Silvester auf der Menükarte steht. Nach Suppe und Hauptgang wartet Mutter noch mit einem süßen Eisparfait auf. „Dat Iesdesseer“, „dä Nohdöijsch“, den Nachtisch hat sie aus Eigelb, Zucker, Krokant und „Äppel“ gezaubert. 

Tja, die rheinischen Christfestbräuche sowie -gepflogenheiten unterscheiden sich wenig. Hingegen variiert die vertraute Weihnachtsküche so von Familie zu Familie wie der ripuarische Regiolekt von Ort zu Ort. Nicht nur im Jülicher Land ist die Mundartsprache wunderbar wandelbar; sie ist wie ein Streifzug durch die „Weihnaatsdaach“.

(khs)
Mehr von Aachener Nachrichten