Rödingen: Vortrag in der Landsynagoge zu den Anfängen des Kabaretts in Deutschland

Rödingen : Vortrag in der Landsynagoge zu den Anfängen des Kabaretts in Deutschland

„Die Geschichte des Kabaretts war untrennbar mit der jüdischen Bevölkerung verbunden“. Das ist die Kernaussage des Vortrages „Jüdische Kabarettistinnen und Kabarettisten im Dritten Reich“ mit dem Untertitel „Die Ohnmacht des Geistes gegen den Ungeist der Diktatur“ im LVR-Kulturhaus Landsynagoge. Referent war Dr. Jürgen Nelles, der als Privatdozent an der Universität Bonn Neuere deutsche Literaturwissenschaft lehrt.

Höchst interessiert lauschte das Publikum in der überfüllten ehemaligen Synagoge seinem in fünf Unterpunkte unterteilten Vortrag von den Anfängen des Kabaretts im Kaiserreich über die Weimarer Republik bis ins Dritte Reich. Das „Cabaret artistique“ wurde 1880 mit „Les chats noirs“ von Rodolphe Salis in der „Belle Epoque“ im Pariser Künstlerviertel Montmarte gegründet. Geboten wurde heitere Unterhaltung, verbunden mit der Persiflage bedeutender Ereignisse.

Das interessierte und gut informierte Publikum bombardiert den Referenten mit Fragen. Foto: Jagodzinska

Das „Cabaret“ (franz. Kneipe) war eher ein Nachtclub, der eingedeutschte Begriff „Kabarett“ erhielt eine politisch/literarische Prägung. Markenzeichen des „Conférenciers“ war die Beschimpfung und Verspottung des Publikums in geistvoller Manier.

Humoristische Rezitationen

„Nicht zufällig“ entstand genau 20 Jahre später durch Ernst Freiherr von Wolzogen die deutsche Kabarettbühne mit humoristischen Rezitationen, erotischen Chansons und literarischen Darbietungen. Berlin und später Wien entwickelten sich zu den Hochburgen des Kabaretts.

Ein berühmtes Beispiel ist „Schall und Rauch“, 1901 gegründet von Christian Morgenstern, Friedrich Kayssler und den jüdischen Künstlern Max Reinard und Martin Zickel in Berlin. Hier waren sketchartige Satiren Programm.

Ein zweites Exempel ist die „Hölle“, die dem Geist des französischen Cabarets verpflichtet war, im Souterrain des Wiener Theaters, gegründet von Fritz Grünbaum. Letzterer rief mit Karl Farkas die stilbildende Doppelconférence mit zwei Gesprächspartnern ins Leben, bei der einer den Gebildeten und Geistreichen spielt, der andere den Begriffsstutzigen mimt.

In der Weimarer Republik verbot zunächst eine strenge Zensur politische Kritik, später blühten Kultur und Kabarett jedoch auf, bis zur „Ohnmacht der Worte unterm Hakenkreuz“.

Eine der ersten Frauen auf der Kabarettbühne war Trude Hesterberg, die 1921 in den Räumen des Berliner „Tingel-Tangel-Theaters“ von Friedrich Holländer die „Wilde Bühne“ gründete. 1931 entstand im „Tingel-Tangel“ die Revue „Spuk in der Villa Stern“ mit einigen typischen politisch-satirischen Couplets.

Beispiele sind „An allem sind die Juden schuld“ oder „Höchste Eisenbahn“. Wer jetzt die „Zeichen der Zeit“ und damit „die Gefahr für Leib und Leben erkannte“, der flüchtete ins Exil.

So Robert Gilbert, Autor des von Abschiedsschmerz und Angst geprägten Gedichts „Abschied im April“, oder Rudolph Nelson, der im Versteck der Deportation entging und in Amsterdam ein „Exil-Kabarett“ eröffnete. Auch Max Hansen, der Hitler homosexuelle Tendenzen unterstellt hatte, oder Kurt Robitschek, Gründer des „Kabaretts der Komiker“ in Berlin gelangten ins Exil.

Sehr viele „hatten nicht soviel Glück“: Dorothea Gerson, Max Ehrlich, Fritz Grünbaum, Kurt Lilien, Paul Morgan, Willi Rosen oder Otto Wallburg starben in Auschwitz, Buchenwald, Dachau oder Sobibor. Wenig bekannt war der Unterpunkt „Bombenstimmung im KZ-Kabarett“.

Demnach folgten auf die sogenannte „Prominententransporte“ in die Konzentrationslager etwa das Buchenwald- oder das Dachau-Lied. Vor allem erlangte das „Karussel“ von Kurt Gerron in Theresienstadt „traurige Berühmtheit“, denn er sprach sich damit selbst das Todesurteil.

In den letzten Kriegsmonaten gab es auf deutschem Boden kein kritisches Kabarett mehr, „an der Heimatfront wurde nur linientreuer Humor verbreitet“.

Das bereits vorinformierte und interessierte Publikum bombardierte Nelles mit Fragen. Wie der Referent abschließend unterstrich, hätte jeder vorgestellte Kabarettist „einen eigenen Vortrag verdient“.

(ptj)
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