Jülich: Vorlesewettbewerb: Zwei Texte, fünf Minuten, viel Lampenfieber

Jülich : Vorlesewettbewerb: Zwei Texte, fünf Minuten, viel Lampenfieber

Johanna Schröder heißt die stolze Siegerin des Vorlesewettbewerbs 2017/2018 auf der Landkreisebene Düren-Nord. Sie ist Schülerin des Gymnasiums Zitadelle in Jülich und wie alle Teilnehmer besucht sie die sechste Klasse.

Astrid Lindgren sagte einmal: „Für mich begann das Leseabenteuer, als ich zum ersten Mal ein eigenes Buch bekam. In diesem Augenblick erwachte mein Lesehunger und ein besseres Geschenk hat das Leben mir nicht beschert.” Die schwedische Kinderbuchautorin hat auch Johannas erste Leseschritte geprägt, erklärt sie: „Als meine Mama mir das Lesen beigebracht hat, habe ich jeden Abend selbst ein paar Worte aus dem Buch ‚Pippi Langstrumpf‘ gelesen und war sehr stolz darauf. Erst später wurden daraus ganze Kapitel“. Heute liest sie gerne humorvolle Geschichten, Tagebücher oder Fantasy wie die Buchreihe „Harry Potter“.

Lesekompetenz der Kinder stärken

Mit jährlich etwa 600.000 Teilnehmern ist der Vorlesewettbewerb die älteste und größte Leseförderaktion Deutschlands seit 1959. Er wird von der Stiftung Börsenverein des Deutschen Buchhandels veranstaltet und steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Begeisterung für Bücher in die Öffentlichkeit zu tragen, Neugier und Freude am Lesen zu wecken sowie die Lesekompetenz von Kindern zu stärken, stehen im Mittelpunkt der Initiative. An den regionalen Wettbewerben der Städte und Landkreise beteiligen sich bundesweit rund 7000 Teilnehmer. Es sind die Sieger der schulischen Vorentscheide in den sechsten Klassen. Die über 600 Regionalwettbewerbe werden von kulturellen Einrichtungen organisiert.

Textauswahl kann entscheiden

Seit fünf Jahren ist die Buchhandlung Fischer in Jülich der Gastgeber für den Kreisentscheid Düren-Nord. Mit herzlichen Worten begrüßte Katja Dahmen, Leiterin der Abteilung für Kinder- und Jugendliteratur, das versammelte Publikum, Jury-Mitglieder und die Hauptpersonen, die Gewinner der Wettbewerbe an den teilnehmenden Schulen. Katharina Banse, Emma Mirbach, Johanna Schröder, Niklas Horn, Till Grün und Noah Totolidis zählten zu den Besten der Klassen- und Schulentscheide des Nordkreises. Sie vertraten die Sekundarschule Jülich, das Mädchengymnasium, das Gymnasium Haus Overbach, die Gesamtschule Niederzier/Merzenich, die Europaschule Langerwehe und das Gymnasium Zitadelle der Stadt Jülich. Mit einer Stoppuhr in der Hand eröffnete Dahmen die erste Runde des Wettbewerbs, bei der jeder Teilnehmer einen dreiminütigen Abschnitt aus einem selbst gewählten Jugendbuch vorlas.

Bewertet wurde hier neben der Lesetechnik und Interpretation auch die Auswahl des Textes. Nach einer kurzen Pause, in der die Jury eine vorläufige Bewertung abgab, und die Wettbewerber mit einer süßen Stärkung versorgt wurden, ging es in die zweite und entscheidende Runde. Zwei Minuten Zeit stand jedem der Schüler zur Verfügung, um vor dem Publikum und den Juroren einen Fremdtext lebendig zu lesen. Vorgelesen wurde aus einem unbekannten Buch ohne Vorbereitung. Souverän, lebendig, ausdrucksstark und nuancenreich zeigten die Kinder ihr Können.

Die Aufgabe der Jurymitglieder Birgit Kasberg, Leiterin der Stadtbücherei Jülich, Edda Koch, pensionierte Grundschullehrerin, Annalena Johnen, Lehramtsstudentin, Dr. Christoph Fischer, Regisseur der Theatergruppe „Bühne 80“ und Matthias Bertram, Vorjahressieger, war es, einen Gewinner und Vertreter für den Bezirksentscheid zu prämieren. In einer sehr knappen Entscheidung wurde Johanna verdient zur Siegerin des Vorlesewettbewerbs gekürt.

Ententanz gegen die Aufregung

Aber die Konkurrenz für Johanna war groß: Katharina, die eine Vorliebe für Pferdebücher hegt, leidenschaftlich die Tagebücher „Lotta-Leben“ von Alice Pantermüller verschlingt und kurz vor dem Wettbewerb ihr Lampenfieber mit Ententanz bekämpfte. Emma, die „generell leise liest“, aber bei Gelegenheit auch gerne laute Vorträge aus ihren Lieblingsbüchern hält. „Vor dem Wettbewerb zu Hause war ich noch locker, dann habe ich hier all die Menschen gesehen und das hat mich doch sehr aufgeregt“, gibt sie zu. Sie mag witzige Abenteuergeschichten und „Gregs Tagebücher“ von Jeff Kinney.

Auch Noah liest sehr gerne. „Deshalb habe ich auch Freude am Vorlesen“, erklärt er. Seine Vorlieben gelten dem Fantasy-Genre. Joanne K. Rowling und Christopher Paolini gehören zu seinen Lieblingsautoren. Bei Niklas waren es die bunten lustigen Comicgeschichten, die ihm den Weg in die Bücherwelt ebneten. „Ich mag Bücher, in denen Witziges vorkommt, heute lese ich aber Bände mit mehr Text als Zeichnungen“, sagt er. Ähnlich wie bei seinem Mitstreiter Till hatte sich sein Lampenfieber schon zwei Tage vor dem Wettbewerb bemerkbar gemacht und beim Anblick der vielen Menschen vor Ort noch gesteigert. Es war Tills Mutter, die ihm das Lesen beibrachte und die ersten Bücher aussuchte. „Irgendwann habe ich die Bücher selbst ausgewählt und angefangen zu lesen“, sagt er. „Es macht doch einfach Spaß“, fügt er hinzu.

Es gibt sie also noch, diese jungen Buchleser in Zeiten der Digitalisierung. Die Begeisterung der Schüler für die Literatur macht auch Hoffnung, dass die Welt nicht nur von Smartphone-Zombies und Bildschirm-Junkies beherrscht wird. Für die Gesellschaft ist es sehr gut zu wissen, dass es junge Menschen gibt, die das Rauschen der Papierseiten in einem Buch lieben. Mädchen und Jungs, die in den Büchern neue Welten entdecken, ihre Fantasie erweitern und Empathie für die Erlebnisse ihrer Helden entwickeln.

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